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Meister des literarischen Selfies

Silke Wünsch9. November 2015

In seinen Büchern passiert alles. Und zugleich passiert eigentlich auch nichts. Knausgård schildert sein Leben. Mehr nicht. Und fasziniert damit Leser in aller Welt - darunter auch die Jury des "Welt"-Literaturpreises.

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Karl Ove Knausgard Schriftsteller aus Norwegen in Berlin Deutschland
Bild: picture-alliance/dpa/B.von Jutrczenka

Selten – nein, nie waren Autobiographien so fesselnd, so schonungslos und so intensiv wie die Bücher Karl Ove Knausgårds. Der norwegische Schriftsteller, Jahrgang 1968, breitet in einer sechsteiligen Romanreihe sein komplettes Leben aus. Bis ins letzte Detail. Er nennt es ein "autobiographisches Projekt" mit dem norwegischen Titel "Min Kamp" – für eine deutsche Übersetzung nicht gut geeignet – daher haben die Bücher im Deutschen eigene Titel: "Sterben", "Lieben", "Spielen", "Leben", und schließlich "Träumen".

Knausgård beschreibt in sechs Bänden - der fünfte ist gerade in Deutschland erschienen - wie das Leben ihm passiert. Wie sein übermächtiger Vater als bedrohlicher Schatten seine Kindheit geprägt hat. Wie er erwachsen wird, mit allem was dazu gehört: dem ersten Sex, Besäufnissen, den üblichen Ärgernissen, mit denen sich ein Teenie herumschlagen muss. Warum er seinen Bruder hasst. Er erzählt von seiner Ehe, seinen eigenen Kindern, von Liebe und Trennung, von Zweifeln und Selbstquälerei. Wie er versucht, Schriftsteller zu werden und daran mitunter verzweifelt, das Ganze in Unmengen von Alkohol ertränkt. Literarischer Punk vor der grandiosen Kulisse Norwegens, gefeiert und zerrissen von Kritikern.

Das Knausgård-Virus

Knausgård, dessen Bücher bereits in 30 Sprechen übersetzt worden sind, polarisiert und fasziniert. Wenn sich der Leser auf seinen Stil, seine Wucht und seine fast manisch wirkende Detailverliebtheit eingelassen hat, entsteht dieser Suchtfaktor, der seit dem ersten Roman "Sterben" (2009) eine schnell wachsende Leserschaft befällt. In Norwegen wird er schon lange als Shootingstar gefeiert und mit Preisen überhäuft. Dort soll es sogar Probleme gegeben haben - mit Leuten, die nicht zur Arbeit erschienen sind, weil sie sich mit Knausgårds Romanen die Nächte um die Ohren geschlagen haben. Die Knausgård-Hysterie wird gerne mit dem Harry Potter-Hype verglichen.

Manche sind dennoch resistent gegen das Knausgård-Virus. Denn ein provokanter Schreibstil und eine schreiende Einladung zum Voyeurismus macht in den Augen vieler Kritiker keine preisverdächtige Literatur aus. Schon gar nicht bei Textpassagen mit wenig Aussagekraft, die die Erzählungen zuweilen episch in die Länge ziehen.

Gegenwind gibt es auch von anderen Seiten: Knausgårds Protagonisten werden ebenso schonungslos beschrieben wie der Hauptakteur sich selbst entblößt: Die Privatsphäre von Familienmitgliedern, früheren Freunden, Ex-Geliebten und anderen Weggefährten interessiert Knausgård herzlich wenig. So drohte sein Onkel ihm bereits mit einer Verleumdungsklage.

"Welt"-Literaturpreis für ein "literarisches Phänomen"

Kritische Töne verhallen allerdings angesichts der großen Begeisterung, die Knausgård entgegenschlägt. Schon sein erster Roman "Alles hat seine Zeit" bekam 1998 den norwegischen Kritikerpreis. Nach vielen weiteren Auszeichnungen in Norwegen ist er nun mit einem internationalen Literaturpreis geehrt worden: Die überregionale Tageszeitung "Die Welt" verleiht seit 1999 einen mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis.

Der Preis erinnert an den Publizisten Willy Haas, der 1925 die Wochenzeitung "Die literarische Welt" gründete. Bisherige Preisträger sind u.a. Bernhard Schlink, Imre Kertész, Daniel Kehlmann oder Haruki Murakami. Nun zählt auch Karl Ove Knausgård zu diesem illustren Kreis.

Geehrt wurde er für sein literarisches Gesamtwerk. Für die Jury ist Karl Ove Knausgård ein "literarisches Phänomen", der das autobiographische Schreiben für die Gegenwart in radikaler Weise definiert habe. "Knausgård", so die Jury weiter, "fasst das Verhältnis von Erinnerung und erzählerischer Form auf modellhafte Weise neu und erzeugt mit seiner ins Extrem getriebenen Selbstentblößung eine Sogwirkung, der sich kaum ein Leser entziehen kann." Am Freitagabend (6. November) hat Karl Ove Knausgård den "Welt"- Literaturpreis im Hamburger Axel Springer-Haus entgegen genommen.