Meinung: Später Wandel - Zum Tode von Frederik Willem de Klerk, des letzten weißen Präsidenten Südafrikas | Kommentare | DW | 12.11.2021
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Südafrika

Meinung: Später Wandel - Zum Tode von Frederik Willem de Klerk, des letzten weißen Präsidenten Südafrikas

Über sein politisches Erbe ist fast schon Gras gewachsen. Heute werden dem Verhandlungspartner Nelson Mandelas im Demokratisierungsprozess Südafrikas viele Verdienste abgesprochen. Zu Unrecht, meint Claus Stäcker.

de Klerk und Mandela reichen sich die Hand, bei der mit der Philadelphia Liberty Medal, mit der sie unmittelbar davor US-Präsident Bill Clinton ausgezeichnet hat. Clinton steht daneben und schiebt mit der Hand Mandela näher an de Klerk heran

Händedruck zwischen Frederik de Klerk und Nelson Mandela 1993 im Beisein des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton

Frederik Willem de Klerk passt nicht mehr in die Zeit. Beharrlich wird die historische Leistung des Friedensnobelpreisträgers klein geredet, nagen die Schreibtischdeuter der Geschichte mit belastenden Zitaten an seinem Renommee. Hatte der Bure und letzte Vertreter des weißen Minderheitsregimes den Nobelpreis wirklich verdient?

In Südafrika tobte darüber quasi bis zu seinem Tod eine heftige ideologische Debatte. Sie erinnert an Denkmalschleifer, Cancel Culture und Geschichtsvergessenheit, wie sie heute gang und gäbe ist. Grautöne sind nicht mehr vorgesehen. Schon gar nicht bei streitbaren Helden wie ihm, der in frühen Jahren das Apartheid-Rassensystem in Südafrika verteidigte, und burenschlau alle weißen Kanäle benutzte, um Präsident zu werden. Der letzte seiner Art, ein weißer Präsident, durch die Mehrheit nicht legitimiert.  

Wendehals oder Überzeugungstäter? 

Bis heute wird wild spekuliert, was ihn wohl Anfang der 1990er-Jahre bewog, die Macht kampflos aus den Händen zu geben. Die rationale Überlegung, dass die weiße Minderheit auf Dauer wirtschaftlich nicht überlebensfähig war? Der Apartheidstaat fast pleite? Dass das alte Regime mit dem Fall der Mauer 1989 auch seine letzten Unterstützer verlor, die es bis dahin noch als Bollwerk gegen den Kommunismus gestärkt hatten, allen voran die USA? 

Stäcker Claus Kommentarbild App

Claus Stäcker leitet die Afrika-Programme der DW und erlebte das Ende der Apartheid und die ersten freien Wahlen in Südafrika als Korrespondent deutscher Tageszeitungen im Land

Womöglich hatte de Klerk die Überzeugung gewonnen, dass der Krieg gegen die Mehrheit der Bevölkerung und die vom Afrikanischen Nationalkongress ANC geführte Befreiungsbewegung so nicht zu gewinnen war. Vielleicht war es eine Mischung aus allem und am Ende hat einfach das christliche Herz des Calvinisten de Klerk obsiegt. Er selbst stellte es jedenfalls so dar. Sprach von einem "gravierenden Wandel seiner Ansichten ab den 1980er-Jahren", in denen er das Apartheidsystem im Parlament noch verteidigt hatte.

In einer ergreifenden letzten Videobotschaft, die seine Stiftung am Todestag veröffentlichte, hinterlässt er genau dieses Narrativ: dass der Wandel seiner Überzeugungen aus tiefstem Herzen kam. Noch einmal entschuldigt er sich in dem Video ohne Abstriche für die Demütigungen und den Schmerz, den das unentschuldbare Apartheidsystem den People of Colour in Südafrika zugefügt habe. 

Robuster Streit um den Weg in die Zukunft

Wer sind wir, mit dem Abstand von 30 Jahren über ihn zu richten? In einer historisch äußerst schwierigen Situation 1990 zeigte der privilegierte Bure F.W. de Klerk im Rahmen seiner Möglichkeiten Entschlossenheit. Er nahm sein Herz in die Hand, hob das Verbot des ANC und aller anderen vermeintlichen Terrororganisationen auf, ließ den "Staatsfeind Nummer 1", Nelson Mandela, nach 27 Jahren endlich ohne Vorbedingungen frei und leitete politische Verhandlungen ein.

Beim Streit um die künftige Verfassung und die Vorbereitung freier Wahlen mit Stimmrecht für alle ging es robust zu - Mandela und de Klerk bekämpften sich öffentlich hart. Mandela warf ihm Doppelmoral vor: Während de Klerk ihn, den ANC-Präsidenten Mandela hofiere, lasse er seine Partei bis aufs Messer bekämpfen.

Aber Mandela respektierte immer auch die politischen Verdienste de Klerks. Seine Schlüsselrolle in der Demokratisierung Südafrikas sei immer unterschätzt worden. Ohne de Klerks mutige Weitsicht, so Mandela, wäre Südafrika wohl in einer zerstörerischen Rassenkonfrontation versunken, die damals alle vorhergesagt hätten.

De Klerks Verdienste unterschätzt

So war die Nobelpreiswürdigung von 1993, gemeinsam mit dem ungleich größeren Helden Nelson Mandela, auch kein Fehlgriff. Wie bei vielen späteren - und schlechteren – Entscheidungen des Komitees folgte sie einem Wunschdenken, war Projektion auf eine versöhnliche Zukunft. Mandela hätte den Preis auch allein verdient und die gemeinsame Ehrung mit dem Vertreter der alten Ordnung ablehnen können. Aber er wusste um de Klerks Rolle, um die Symbolwirkung der Bilder, um die kraftvolle Botschaft.

In der Social Media-Streitkultur von heute, die nur Freund und Feind zu kennen scheinen, wirkt der Schulterschluss von Mandela und de Klerk wie aus der Zeit gefallen. Dabei könnte ihr Verantwortungsbewusstsein, ihr Pflichtgefühl, ihr Dienst an der höheren Sache, und ihr - bis in die Rente anhaltender - Respekt voreinander ein großes Vorbild sein. De Klerk zog sich nach seiner Abwahl 1994 nicht zurück, sondern nahm Mandelas Einladung ins Kabinett an, um als Vizepräsident seinem Land weiter zu dienen. Das war Größe, auch von ihm. Mandela sagte, bei allem Streit habe er nie die Integrität de Klerks in Zweifel gezogen. Und bei aller Bescheidenheit, so Mandela beim 70. Geburtstag de Klerks, sie hätten "in Augenblicken zusammengestanden, die das neue Südafrika prägten, unseren afrikanischen Kontinent und ein bisschen vielleicht auch die Welt."

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