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PolitikEuropa

Noch kann Putins Krieg in der Ukraine scheitern

Roman Goncharenko (DW)
Roman Goncharenko
24. März 2022

Einen Monat nach dem Überfall Russlands sind Hoffnungsschimmer rar. Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Die Ukraine kann Putin stoppen, braucht aber mehr und schnellere Hilfe des Westens, meint Roman Goncharenko.

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Demonstrant auf dem Maidan hält ein bengalisches Feuer hoch. Vor ihm die Säule des Unabhängigkeitsdenkmals der Ukraine
Die Ukraine kämpft für ihre Freiheit und ist nicht bereit, sich der russischen Übermacht zu ergebenBild: Bryan Smith/ZUMA Press Wire/Zumapress/picture alliance

Vier Wochen, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen. Russlands Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist für Europa der bisher dunkelste Tag des 21. Jahrhunderts. Im Hagel russischer Bomben sterben seither Menschen, Freundschaften und Illusionen. Auch die alte Friedensordnung für den Kontinent ist tot. Wie die neue aussehen wird, entscheidet sich erst noch.

Eine erste Zwischenbilanz ist bitter. Dank umfangreicher US-Geheimdienstinformationen war dieser Krieg keine Überraschung. Allerdings haben die meisten westlichen Experten und auch die ukrainische Führung nur einen begrenzten Angriff in der Ostukraine und keinen Überfall im Stile Nazi-Deutschlands wie auf Polen 1939 erwartet.

Darum wurde Russlands Krieg unterschätzt  

Aus heutiger Sicht ist klar: Kiew hätte die Generalmobilmachung und Evakuierung von Menschen viel früher anordnen müssen. Diese Fehleinschätzung dürfte auch daran liegen, dass der bisherige Krieg, der mit der Krim-Annexion 2014 begonnen hatte, regional begrenzt blieb. Die meisten Menschen in der Ukraine hatten keine Ahnung, was es heißt, brutal bombardiert zu werden. Sie haben die Gefahr unterschätzt.

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DW-Redakteur Roman Goncharenko

Man kann ihnen diesen Fehler schwer vorwerfen. Wir alle wollten nicht wahrhaben, dass Russlands Präsident Wladimir Putin und seine Armee zu einer solchen Barbarei fähig sind. Auch die Vorstellung, dass die meisten Russen diesen Krieg begrüßen würden, war für viele undenkbar. Diese traurige Erkenntnis möchte man selbst nach vier Wochen noch nicht akzeptieren.

In vielen ukrainischen und westlichen Analysen heißt es, Putins Blitzkrieg sei gescheitert. Moskau indes sagt, alles laufe nach Plan. Beides stimmt, allerdings laufen Kriege grundsätzlich nie wie es sich die Generale ausgedacht haben. Natürlich hat der Kreml mit einem schnelleren Sieg und weniger eigenen Verlusten gerechnet. Doch es fällt schwer daran zu glauben, dass Putin tatsächlich mit einer Kapitulation innerhalb weniger Tagen gerechnet hat. Dafür ist die Ukraine einfach zu groß.

Z wie Zermürbungskrieg 

Putins Kriegsplan besteht wohl darin, das Nachbarland langsam zu zerstören - in der Annahme, dass Russland mehr Soldaten, mehr Waffen und mehr Geld hat. Der Buchstabe Z, Erkennungsmerkmal auf russischem Kriegsgerät, könnte deswegen auch für Zermürbungskrieg stehen.

Hoffnungsschimmer sind gegenwärtig rar, doch es gibt sie. Die wichtigste Erkenntnis: Die Ukraine kann die überlegene russische Armee aufhalten und sogar stoppen. Es gibt dafür zwei Gründe: In erster Linie ist es der ukrainische Kampfgeist. Das gilt auch für Zivilisten, die sich sogar in den bereits besetzten Gebieten wie der südukrainischen Stadt Cherson mit ukrainischen Flaggen russischen Panzern in den Weg stellen. Der zweite Grund hat viele Namen: zum Beispiel Javelin, NLAW oder Stinger. Es sind vor allem panzerbrechende Waffen und Flugabwehrsysteme, welche die USA und Großbritannien, aber auch andere NATO-Länder, in den Wochen vor dem Überfall der Ukraine in Eiltempo geliefert hatten. Ohne diese Abwehrwaffen hätte Russland bis heute schon ein viel größeres Gebiet der Ukraine besetzten können.

Öl- und Gasembargo sofort

Darin liegt auch die Antwort auf die Frage, ob Putins Krieg eigentlich noch scheitern kann. Er kann am Kampfgeist der Ukrainer scheitern, die allerdings deutlich mehr und vor allem schnellere Unterstützung brauchen. Das heißt konkret: noch härtere Wirtschaftssanktionen, eine komplette und nicht nur halbherzige SWIFT-Abschaltung und ein sofortiges Embargo für russisches Öl und Gas. Ja, das ist schmerzhaft und doch angesichts des Massakers in der Ukraine notwendig. Unterstützung heißt aber auch: mehr Waffenlieferungen! Die NATO will aus verständlichen Gründen keine russischen Flugzeuge und Raketen vom ukrainischen Himmel schießen, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Doch Kampfflugzeuge für die Streitkräfte der Ukraine können und müssen geliefert werden, genauso wie modernste Flugabwehrsysteme.

Eine einfache Entscheidung ist das nicht. Russland droht dem Westen mit Vergeltung und dem Einsatz von Atomwaffen. Das ist kein Bluff, die Gefahr ist real. Trotzdem muss der Westen diesen Weg gehen - vorsichtig, Schritt für Schritt. Wer glaubt, Putin würde sich mit der Zerstörung der Ukraine begnügen und an der westukrainischen Grenze anhalten, täuscht sich. Russlands Präsident führt einen Krieg gegen die gesamte westliche Zivilisation. Der Westen muss diese Dimension endlich erkennen und entsprechend handeln.