Meinung: Meine Mutter - Wenn Ärzte schlechte Patienten sind | Kommentare | DW | 26.01.2021
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Impfgegner

Meinung: Meine Mutter - Wenn Ärzte schlechte Patienten sind

Meine Mutter will sich nicht gegen COVID-19 impfen lassen. Dabei ist sie Ärztin. Das ist widersprüchlich, meint Sertan Sanderson.

Vermutlich haben wir alle ein oder mehrere Familienmitglieder, die ihre Skepsis gegenüber jeder Art von Corona-Nachrichten besonders herausstellen. Und um des pluralistischen Diskurses willen ist das vielleicht auch gar kein Fehler. In meinem Fall ist es meine Mutter, an der ich mich immer wieder reibe, wenn es um die Pandemie geht.

Sie wurde einen Monat vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Man kann es ihrer Generation vielleicht nicht verdenken, dass sie großen Wert auf Sicherheit im Leben legt, indem sie sich an konservative Werte hält. Aber die Tatsache, dass sie eine Ärztin mit jahrzehntelanger Berufserfahrung ist, steht in merkwürdigem Kontrast zu ihrer Position.

Medizinisch begründete Skepsis?

Um fair zu bleiben: Die Skepsis meiner Mutter hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun, sondern beruht vielmehr auf ihrer medizinischen Ausbildung und ihrem Wissen. Die Tatsache, dass alle COVID-19-Impfstoffe in weniger als einem Jahr entwickelt wurden, ist für sie Anlass genug, diese ganz grundsätzlich Frage zu stellen.

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Schließlich habe es Jahrzehnte gedauert, Polio (Kinderlähmung) oder die Pocken auszurotten, argumentiert sie routinemäßig. Es sei gar nicht genug Zeit gewesen, um die Wirksamkeit der Impfstoffe zu testen, sagt sie - geschweige denn, um zu gewährleisten, dass sie sicher sind. Wenn jahrzehntelange Forschung nötig war, um zum Beispiel einen Impfstoff gegen Hepatitis B zu entwickeln, fragt sie sich, warum können dann Pfizer, Moderna und Co. so schnell einen Impfstoff gegen COVID-19 auf den Markt bringen?

Vom Erziehen der eigenen Eltern

Mit ihrer Skepsis steht sie ja möglicherweise auf der sicheren Seite. Aber als Journalist bringt sie mich in die unangenehme Lage, die Medizin als Ganzes verteidigen zu müssen - und zwar ausgerechnet ihr gegenüber.

Die massiven Fortschritte der medizinischen Forschung im vergangenen halben Jahrhundert haben diese Frau nur wenig beeindruckt. So glaubt sie noch immer, dass die einzige Antwort auf wiederkehrende Periodenkrämpfe darin bestehe, zum geeigneten Zeitpunkt die komplette Gebärmutter zu entfernen. Und die männliche Beschneidung hält sie immer noch für den besten Garanten, sich vor sexuell übertragbaren Infektionen zu schützen.

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DW-Redakteur Sertan Sanderson stammt zu seinem Leidwesen aus einer Ärztefamilie

Das ist der Punkt, an dem es frustrierend wird: Ich laufe immer wieder gegen eine Wand, wenn ich versuche zu erklären, dass es bei einem winzigen Organismus wie dem Coronavirus keine mikroskopische Operation gibt, die sowohl die Ursache als auch Symptome der Krankheit so beseitigen kann, wie es ihre Ansicht nach in der modernen Medizin funktionieren sollte. Man kann es weder einfach herausschneiden noch ein Antibiotikum verschreiben, um es verschwinden zu lassen. Die einzige Lösung derzeit ist die Entwicklung einer Herdenimmunität. Und da wir die Menschen nicht gefährden dürfen, indem wir sie dem Virus selbst aussetzen, kann dies nur durch eine Massenimpfung erreicht werden.

Wenn man einer über 70-jährigen, pensionierten Allgemeinmedizinerin nicht erklären kann, dass die Impfung unter diesen Umständen in ihrem eigenen Interesse ist, erinnert das an den Versuch, einem Kleinkind zu vermitteln, dass der Inhalt eines Sandkastens kein Essen ist. In beiden Fällen gibt es am Ende eine Menge Tränen.

Irreführende Vergleiche

Als ich die Weihnachtstage mit meiner Mutter verbrachte, hat mich auch immer wieder aufgeregt, dass sie die Pandemie mit dem Kampf gegen HIV verglich: Wenn Wissenschaftler so schnell einen Impfstoff gegen COVID-19 finden konnten, fragt sie, warum gibt es dann immer noch kein Heilmittel für HIV/AIDS? In ihrem Denken ist das ein weiterer Hinweis darauf, dass die COVID-19-Impfungen eine Lüge sind.

Die begabte Ärztin, die in den frühen 1970er-Jahren zweitbeste ihres Jahrgangs war, begreift die Komplexität, die hier im Spiel ist, nicht mehr: Sie versteht nicht, dass der Schutz pharmazeutischer Patente den Kampf gegen HIV über Jahre bremste; wie die USA - das Land, das am meisten in medizinische Forschung und Entwicklung investiert - AIDS in den 1980er-Jahren als Thema in Wahlkämpfen instrumentalisierten und damit praktisch das Todesurteil für Tausende von Homosexuellen unterschrieben; und welche sprunghaften Fortschritte die DNA-Forschung in den vergangenen 25 Jahren gemacht hat.

Stattdessen ist meine Mutter nach wie vor davon überzeugt, dass ihre DNA irreparabel verändert wird, wenn sie sich impfen lässt. Und dass es, wenn die Bekämpfung eines Virus so einfach wäre, kein HIV/AIDS mehr auf der Welt gäbe.

Dieser irreführende Vergleich zwischen COVID-19 und AIDS erschien mir geradezu geschmacklos, als er zum ersten Mal beim diesjährigen Weihnachtsessen unserer Familie ausgerechnet in Südafrika geäußert wurde - dem Land mit dem weltweit höchsten Prozentsatz an HIV-positiven Menschen.

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Ich halte mich für einen Verfechter der Rede- und Meinungsfreiheit - selbst wenn es um meinen ärgsten Feind geht, und selbst wenn das zu meinem Nachteil ist. Aber wenn es um Leben und Tod geht: Wo fängt dann die Verteidigung solcher demokratischen Werte an - und, was noch wichtiger ist, wo sollte sie enden? Wenn unsere kollektive Gesundheit auf dem Spiel steht: Ab wann zählt dann individuelles Handeln als Übertretung?

Muss ich derjenige sein, der meine Mutter zu ihrem Arzt schleppt, um sicherzustellen, dass sie ihre COVID-19-Impfung bekommt? Oder sollte ich ihr sagen, dass ich es ihr "gesagt" habe, falls es auf der Intensivstation kein Beatmungsgerät mehr für sie gibt? Ist es überhaupt fair, ihre Ansichten auf diesem Weg öffentlich zu machen, ohne ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu verteidigen? Oder sind manche Ansichten eben ganz einfach nicht hinnehmbar?

Vielleicht sollten wir - ähnlich wie bei Politik und Religion - COVID-19 einfach auf die Liste der Themen setzen, die in festlicher Atmosphäre nicht besprochen werden dürfen. Auch wenn zu den Stimmen, die wir damit letztlich zum Schweigen bringen, unsere eigene zählt.

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