Meinung: Löw bleibt aus Gewohnheit Bundestrainer | Kommentare | DW | 30.11.2020
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Nationalmannschaft

Meinung: Löw bleibt aus Gewohnheit Bundestrainer

Bundestrainer Joachim Löw darf weiterarbeiten. Eine überraschende Entscheidung des Deutschen Fußball Bundes, der alle negativen Entwicklungen rund um die Nationalmannschaft damit ignoriert, meint Jörg Strohschein.

Die Analysen von Joachim Löw müssen außergewöhnlich gut sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass es der 60-Jährige auch dieses Mal wieder geschafft hat, weiterhin im Amt zu bleiben - bis zur EM im Sommer und - Stand jetzt - auch bis zur WM 2022. Diese wohl eher überraschende Meldung verkündete der Deutsche Fußball Bund (DFB) am späten Montagnachmittag.

Bereits nach der WM 2018 erklärte Löw dem DFB, wie es zum totalen Systemausfall und dem Vorrundenaus der Mannschaft hatte kommen können. Die Lösung: ein Neuaufbau des Teams mit jungen, hungrigen Spielern. Auch dieses Mal traf sein Konzept auf offene Ohren. Das Präsidium um Präsident Fritz Keller nickte zumindest die neuerliche Analyse Löws "einvernehmlich" ab. Das jüngste, desaströse 0:6 gegen Spanien wurde offenbar als entschuldbarer Ausrutscher gewertet - und nicht als neuerlicher schwerer Fehler des Systems Nationalmannschaft. "Ein einzelnes Spiel kann und darf nicht Gradmesser für die grundsätzliche Leistung der Nationalmannschaft und des Bundestrainers sein", teilte der DFB mit: "Entsprechend hat Joachim Löw weiterhin das Vertrauen des DFB-Präsidiums."

Ist Löw den Verantwortlichen ans Herz gewachsen?

Allerdings ignoriert diese Begründung die vorangegangenen Wochen und Monate, in denen sich die DFB-Elf in vielen Spielen auch gegen vermeintlich kleinere Gegner äußerst schwertat. Von einem erfrischenden Neuanfang, von Esprit und einer womöglich einsetzenden Aufbruchstimmung rund um das junge Team gar nicht erst zu sprechen. Regelmäßig begleitet wurden diese Partien, diese Zeiten, in denen "dunkle Wolken" über das Vermarktungsobjekt "Die Mannschaft" zogen - wie es Manager Oliver Bierhoff beschrieb - von wiederholten öffentlichen Umfragen, aus denen klar wurde, dass das Interesse an der DFB-Elf mit großer Verlässlichkeit immer geringer wird. Die ebenfalls deutlich abgerutschten und historisch niedrigen Einschaltquoten bei Länderspielen untermauerten das düstere Bild, dass der DFB-Tross mittlerweile abgibt.

DW-Redakteur Jörg Strohschein glaubt nicht an einen Neuanfang unter Löw

DW-Redakteur Jörg Strohschein glaubt nicht an einen Neuanfang unter Löw

All diese Faktoren scheinen in der Beurteilung von Seiten des Verbandes allerdings keine oder eine nicht ausreichende Rolle gespielt zu haben. Im Gegenteil: Offenbar ist den Verantwortlichen um Keller Löw im Laufe der vielen Jahre so sehr ans Herz gewachsen, dass sie diese Entwicklungen ausblenden können - und sich vielleicht auch gar keinen anderen Bundestrainer mehr vorstellen können? Ralf Rangnick etwa hatte sich bereits öffentlich für eine mögliche Nachfolge in Stellung gebracht.

Lahm kritisiert den Bundestrainer deutlich

Der Präsidialausschuss würdigte "das intakte Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer", Löw habe "ein klares Konzept für das bisherige und weitere Vorgehen" präsentiert, hieß es von Seiten des DFB. Vor diesem Hintergrund lassen allerdings die jüngsten Einlassungen von Ex-Spieler Philipp Lahm aufhorchen, dem wohl niemand Dampfplauderei unterstellen würde. "Jetzt muss er dafür sorgen, dass bei den Spielern, denen er vertraut, endlich der Funke überspringt." Schon 2018 habe er gesagt, dass "Jogi Löw seine Ansprache an diese Generation anpassen muss". 

Unfreundlich interpretiert könnte dies ein deutlicher Hinweis Lahms darauf sein, dass Löw die Bedürfnisse seiner Spieler, die ja meist kaum älter als 25 Jahre alt sind, nicht mehr versteht und er diese Profis nicht mehr zu Höchstleistungen antreiben kann. Selbst freundlich betrachtet macht Lahm damit auf elementare  Defizite aufmerksam. Und seither sind rund zwei Jahre vergangenen, in denen Löws Team nicht gerade den Eindruck versprühte, als käme es vor lauter Begesiterung kaum herunter vom Rasen. Lahm hat Erfahrungen im innersten Zirkel des Tams vorzuweisen. Die Funktionäre setzen dagegen auf Platitüden: Löw leiste "hochqualitative Arbeit" und werde "alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um mit der Mannschaft eine begeisternde EM 2021 zu spielen". 

Unnahbar und dickköpfig

Das in der Öffentlichkeit geschwundene Vertrauen in Löw hängt auch damit zusammen, dass der Bundestrainer es nie so richtig für nötig hielt, seine Entscheidungen für alle verständlich zu kommunizieren. Er erscheint eher als dickköpfig, als eitel und keineswegs als gewillt, seine Unnahbarkeit auch nur ein klein wenig aufzugeben. Auch in der persönlichen Fehleranalyse lässt Löw häufig viele Fragen offen. Gerade in Zeiten, in denen der Erfolg ausbleibt, sorgt das für Misstrauen. Dass die Fußballfans nach 14 Jahren womöglich einen anderen Fußballlehrer in der Verantwortung sehen wollen und auch die Spieler neue Inspiration benötigen, scheint für Löw ein völlig illusionärer Gedanke zu sein.  

Mit seinem Abgang nach der Entscheidung durch eine Hintertür der DFB-Zentrale blieb sich Löw indes treu. Er hatte sein Ziel erreicht. Der Rest schien den weiterhin amtierenden Bundestrainer nicht mehr zu kümmern. Die erste Chance für seinen persönlichen Neuanfang hatte er damit auch gleich vertan.

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