Meinung: FinCEN Files - Bitte kein Achselzucken! | Kommentare | DW | 25.09.2020
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Geldwäsche

Meinung: FinCEN Files - Bitte kein Achselzucken!

Große Banken haben Geldwäsche in Billionen-Höhe möglich gemacht. Die Enthüllungen der FinCEN Files gehen uns alle an und dürfen uns nicht kalt lassen, meint DW-Chefredakteurin Manuela Kasper-Claridge.

Ich bin wütend. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn es bei vielen Menschen nur zu einem Achselzucken führt, wenn sie von den zwei Billionen US-Dollar unklarer Herkunft hören, die von zahlreichen Banken verschoben wurden?

Unklare Herkunft, das bedeutet, dass mutmaßliche Kriminelle ihr schmutziges Geld über die Banken gewaschen haben. Darunter Mafiosi und dubiose Oligarchen. 2100 Verdachtsmeldungen der Banken wurden dank einer Investigativrecherche von mehr als 400 Journalisten öffentlich gemacht.

Wo ist die öffentliche Empörung?

Dabei erhielten wir einen bisher versperrten Einblick in die Netzwerke, über die das Geld geflossen ist. Aber wo ist die öffentliche Empörung? Wo die Forderung nach Rücktritten von Bankenchefs? Stattdessen vielerorts Gleichgültigkeit und Resignation. Tenor: Man kann ja doch nichts machen.

Viele große Banken waren an den zweifelhaften Geschäften beteiligt - darunter die Deutsche Bank, aber auch HSBC und JP Morgan. Das sind übrigens auch Banken, bei denen viele Kleinverdiener ihre Konten haben. Die Banken haben weggeschaut, bewusst oder unbewusst, scheinbar lax kontrolliert.

Sie haben sich viel Zeit genommen, um Verdachtsfälle zu melden. Sie kassierten lieber erst die Gebühr für verdächtige Transaktionen - und meldeten die Auffälligkeiten erst anschließend. Oder gar nicht. Das hat auch mit fehlender Moral zu tun.

Banken im Dienst von Drogenkartellen

Eine Folge: Auch Drogenkartelle nutzen weltweit die Banken. Kokain und Heroin können produziert und gewinnbringend verkauft werden. Das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung spricht von mehr als einer halben Million Menschen, die jährlich durch Drogenkonsum sterben. 

Die Drogenkartelle setzten darauf, dass das illegal erworbene Geld durch geschickte Finanztransaktionen irgendwann legal wird. Es fließt in den Kauf von Immobilien, Restaurants oder Autos. Die Geldwäsche funktioniert, weil die existierenden Kontrollsysteme überfordert sind.

Das freut auch Oligarchen aus Russland. Einige Teile Londons sind bereits fest in russischer Hand. Wo das Geld für die Luxusimmobilien genau herkommt, ist schwer nachzuweisen. Oft hat es den Weg über viele Bankkonten und Scheinfirmen in Steueroasen genommen.

Unser Bankensystem ist nicht mehr zeitgemäß

Am Ende der Überweisung kann eine Gefahr für Leib und Leben von Menschen stehen, wie der 20 Seeleute in der Straße von Kertsch. Deshalb gehen die Erkenntnisse der FinCEN Files uns alle an, und deshalb muss sich ganz schnell etwas ändern.

DW Kommentatorenbild Manuela Kasper-Claridge (DW/R. Oberhammer)

DW-Chefredakteurin Manuela Kasper-Claridge

Unser Bankensystem ist nicht mehr zeitgemäß. Nichts spricht dagegen, Profit zu machen. Allerdings bei Einhaltung klarer Regeln. So sollen Finanzinstitute in den USA spätestens 30 Tage nach Entdecken einer verdächtigen Transaktion den Behörden Bescheid geben. Diese Regel gibt es bereits. Nur hält sich kaum eine Bank daran. Die Analyse der FinCEN Files zeigt, dass die Banken im Schnitt 166 Tage verstreichen ließen, bis sie einen Verdacht auf Geldwäsche meldeten. Da kann man nicht von funktionierenden Sicherheitssystemen sprechen.

Der öffentliche Druck auf Banken muss größer werden

Das Interesse der Banken, wichtige Daten weiterzugeben, um Ermittlungen anzustoßen, die sich gegen ihre Kunden richten könnten, scheint gering. Das muss sich ändern. Der öffentliche Druck auf die Banken muss so groß sein, dass sie gezwungen werden, sich an die Regeln zu halten und jeden Verdacht umgehend zu melden. Geldwäsche darf nicht zum tolerierten Geschäftsmodell gehören. Eine schwache Regulierung und ineffiziente Verfolgung von Verdachtsfällen beschädigen die Wirtschaft und damit uns - die Gesellschaft.

Kein Kunde darf darauf zählen, dass sein schmutziges Geld, gefördert durch gewinnorientierte Banken und schwache Kontrollen, reingewaschen wird. Wir brauchen gut funktionierende nationale und internationale Aufsichtsbehörden, bei denen die besten Leute arbeiten. Kriminelle Geldflüsse müssen gestoppt werden - denn es geht letztendlich um unser Geld. Also, es gibt genug Gründe wütend zu sein.

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