Meinung: Die Golden Globes müssen sich ändern | Kommentare | DW | 13.05.2021
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Filmpreis in der Kritik

Meinung: Die Golden Globes müssen sich ändern

Korrupt und rassistisch - so lauten die Vorwürfe gegen die Hollywood Foreign Press Association, die für die Vergabe der Golden Globes zuständig ist. So darf es nicht weitergehen, meint Scott Roxborough.

Spätestens seit am Montag (10.05.) der US-Schauspieler Tom Cruise aus Protest gegen die Machenschaften der Hollywood Foreign Press Association (HFPA) seine drei Globe-Trophäen zurückgab, war klar, dass der Skandal um Korruption und Rassismus in dem Auslandspresseverband eine neue Eskalationsstufe erreicht hatte. 

Cruise, der seine Globes für "Geboren am 4. Juli", "Jerry Maguire" und "Magnolia" erhalten hatte, schloss sich damit einer größer werdenden Zahl von aufgebrachten Stars, Studios, Journalisten und weiteren einflussreichen Personen der Filmindustrie an, die öffentlich gegen den Verband der Auslandspresse protestierten. Den Stein ins Rollen hatte ein Artikel in der Los Angeles Times gebracht, der strukturelle Probleme in der Organisation anprangerte.

Porträtfoto von lächelndem Tom Cruise.

Tom Cruise gab am Montag (10.05.) seine Globe-Trophäen zurück

Die meisten Kritikpunkte, die darin aufgeführt wurden, wie zum Beispiel, dass sich stimmberechtigte Juroren bei Nominierungen schmieren ließen, oder, dass Mitglieder nur über geringe berufliche Qualifikationen verfügen - waren für die Branchenkenner nichts Neues. Das Fass zum Überlaufen brachte die Nachricht, dass sich unter den 87 Mitgliedern der HFPA seit 20 Jahren kein einziger Schwarzer oder keine einzige Schwarze befindet. Nicht einmal nach der Ermordung von George Floyd im letzten Sommer kamen die HFPA-Mitglieder auf die Idee, einen Diversity-Berater einzustellen.

Filmstudios boykottieren Globes

Große Studios wie Netflix, Amazon und WarnerMedia haben nun angekündigt, die Zusammenarbeit mit den Globes zu boykottieren, bis sich die HFPA reformiert habe. Schauspieler wie die vierfache Globe-Nominierte Scarlett Johansson und Mark Ruffalo, der letztes Jahr einen Globe gewann, gingen ebenfalls auf Abstand und übten Kritik an dem US-Verband, der aus Journalisten verschiedener Nationalitäten besteht, die hauptsächlich in Hollywood arbeiten, aber ihre Artikel in der nicht-amerikanischen Presse veröffentlichen.

NBC, der US-Fernsehsender, der die Golden Globes seit 1996 ausstrahlt und die HFPA mit rund 60 Millionen Dollar (50 Millionen Euro) finanziell unterstützt, gab am Montag bekannt, dass er die Verleihungszeremonie 2022 nicht zeigen wolle.

Skepsis über versprochenen Reformen

Auch für mich sind die neuesten Enthüllungen keine Überraschung. Ich berichte seit den späten 1990er Jahren über die Filmbranche. Immer wieder wurde in dieser Zeit an der HPFA Kritik geübt. Eine Organisation, in der eine Handvoll Leute das Sagen hat, die aber viel Macht auf das globale Filmgeschäft ausübt. Kontrolle ist kaum zu gewährleisten, selten wurde jemand für sein Tun zur Rechenschaft gezogen. Die HFPA versprach nun eine Reihe von "institutionellen Reformen": mehr schwarze Mitglieder, Anti-Rassismus-Schulungen, Rechtsaufsicht durch eine externe Anwaltskanzlei. Außerdem wurde beschlossen, in den nächsten 18 Monaten die Mitgliederzahl um 50 Prozent zu erhöhen, mehr schwarze Journalisten aufzunehmen, sowie Diversity-Berater einzustellen. Soweit, so gut.

Scott Roxborough

DW-Filmexperte Scott Roxborough

Doch dann sorgte im April der ehemalige HFPA-Präsidenten Phillip Berk erneut für negative Schlagzeilen. Die Los Angeles Times berichtete von einer E-Mail mit einem Artikel, der Black Lives Matter als "rassistische Hassgruppe" bezeichnete, die Berk an andere Mitglieder weitergeleitet hatte. Diese Nachricht war es schließlich auch, die Tom Cruise dazu veranlasste, seine Globe-Trophäen zurückzugeben. Die Anhäufung solcher fragwürdigen Praktiken könnte nun das Aus für die Globes bedeuten - immerhin nach den Oscars die berühmteste Unterhaltungsauszeichnung der Welt.

Korruptionsskandale in der HFPA

Ironischerweise erreicht die HFPA - wenn auch nur durch Skandale -, dass sie nun von Hollywood wahrgenommen wird. Das war das Ziel der in L.A. ansässigen ausländischen Journalisten, die 1943 die HFPA gründeten. Ihre Motivation war es, Respekt von der aufstrebenden US-Filmindustrie zu erhalten. Mit der ersten Verleihung der Globe-Trophäen im Jahr 1944 nahm der Einfluss und die Bedeutung der Auszeichnung stetig zu. Aber die HFPA konnte ihr Image als seltsame, undurchsichtige und etwas korrupte Organisation nie ganz abschütteln. 

Woran lag das? Schon lange steht die HFPA im Verdacht, bei den Globe-Wahlen zu manipulieren. Nach der Auszeichnung von Pia Zadora 1982 mit einem Golden Globe als "New Star of the Year" kam heraus, dass ihr Ehemann, der Multimillionär Meshulam Riklis, nachgeholfen hatte, indem er die stimmberechtigten HFPA-Mitglieder in sein Kasino in Las Vegas einfliegen gelassen hatte und sie dort üppig bewirtete.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich 2011 im Rahmen der Globe-Nominierung der Sony-Produktion "The Tourist". Sony hatte zuvor eine All-Inclusive-Reise nach Las Vegas spendiert. Und obwohl der Thriller mit Angelina Jolie und Johnny Depp zu den am schlechtesten bewerteten Filmen des Jahres gehörte, nominierte die HFPA "The Tourist" mit gleich drei Globes. Die Fachpresse reagierte darüber mit Erstaunen bis Ärger.

Für Außenstehende ist der HFPA kaum zu verstehen. Bewerber müssen von den Mitgliedern vorgeschlagen und gewählt werden, wobei jedes der 87 Mitglieder ohne Erklärung ein Veto gegen Vorgeschlagene einlegen darf.

Letzten Sommer reichte die angesehene norwegische Filmjournalistin Kjersti Flaa sogar eine Kartellklage gegen den Verband ein, in der sie darlegte, dass die HFPA wie eine Art Kartell agiere, das den Zugang der kritischen Presse zu den Hollywood-Stars monopolisiere und qualifizierte Journalisten unfair behandele und sogar ausschließe. Die Klage wurde im Oktober abgewiesen, aber sie hat das öffentliche Image der HFPA weiter beschädigt. 

Das Ende einer Zweckehe?

Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Publizisten, Studiomanager und Produzenten sich im Laufe der Jahre bei mir über die Globes und die HFPA beschwert haben, darüber, wie "unprofessionell", "korrupt" und sogar "kriminell" die Organisation sei. Aber jahrzehntelang gingen der Verband und der Rest von Hollywood eine Zweckehe ein. Solange die Globes ein glamouröses Aushängeschild für die Studios waren, um ihre neuen Produktionen vorzustellen, waren alle bereit, die Augen davor zu verschließen, was hinter den Kulissen passierte.

Das hat sich nun geändert. Auch wenn es etwas seltsam anmutet, dass NBC die Preisverleihung im nächsten Jahr absagen will - die Einschaltquoten der Golden Globes 2021 sind um 60 Prozent gesunken – so wird dieser Schritt trotzdem nicht seine Wirkung verfehlen. Genauso wenig wie die Rückgabe der Globes durch Tom Cruise. Die Frage ist nur, ob sich die HFPA reformieren kann, bevor Hollywood sie ganz abschafft.

Adaption aus dem Englischen: Sabine Oelze

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