(M)ein traurig-schönes Corona-Jahr | Deutschland | DW | 27.01.2021
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COVID-19

(M)ein traurig-schönes Corona-Jahr

Eine Freundin stirbt, Infektionen in der Familie, Frust im Homeoffice, Urlaub in Frankreich - und Kopfschütteln über hilflose Symbol-Politik. Ein ganz persönlicher Rückblick von Marcel Fürstenau.

Wuhan, immer wieder diese Fernsehbilder aus Wuhan. Ich habe sie noch vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Menschen in schneeweißen Schutzanzügen, mit Gummihandschuhen, blauen Masken über Mund und Nase, die Augen hinter Plastikbrillen, die mich an Taucherbrillen erinnern. Aus dem Off eine Stimme, die mir erklärt, was es damit auf sich hat: Von einem gefährlichen Virus ist die Rede.

Wow! Da riegeln die in China mal einfach so eine Millionenstadt ab! Die Sache muss also ernst sein. Wenn die größte Diktatur der Welt so durchgreift, dann wird sie schon ihre Gründe haben. Warum das Risiko für Deutschland "sehr gering" sein soll, wie ich von meinen Gesundheitsbehörden höre, leuchtet mir nicht so ganz ein. Seit wann machen Viren vor Landesgrenzen halt? Aber vielleicht stimmt es ja. Die Chinesen bringen das Ding unter Kontrolle - und wir bleiben verschont.

China Wuhan Hygienemaßnahmen wegen Coronavirus

Wuhan im Januar 2020: Kunden eines Supermarktes desinfizieren sich zum Schutz gegen Corona die Hände

Und als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkündet, "Corona" - das Wort ist inzwischen allgegenwärtig - sei kein internationaler Notfall, ist das Thema für mich erledigt. Was für ein Irrtum! Denn nur wenige Tage später kommt es in den Nachrichten: Im Landkreis Starnberg sei die erste Corona-Infektion in Deutschland nachgewiesen worden. Starnberg, ganz weit weg von Berlin, wo ich lebe und arbeite. Über 600 Kilometer. Aber trotzdem bin ich mir sicher, wenn das Virus so schnell den Weg von China nach Deutschland gefunden hat, dann wird es auch bald bei uns sein.

Warum ich den Artikel eines Virologen aufgehoben habe

Wann es so weit war, habe ich vergessen. Ist ja auch egal. Woran ich mich aber noch genau erinnere, ist ein Artikel des Virologen Alexander Kekulé, den ich am 29. Januar 2020 beim Frühstück im "Tagesspiegel" gelesen habe. Das war der Tag nach der Virus-Ankunft in Starnberg. Ich habe den Text aufgehoben, weil er meine Zweifel an der vermeintlichen Harmlosigkeit von Corona zu bestätigen schien. "China kämpft mit allen Mitteln, die ein totalitäres System so hergibt, gegen einen brandgefährlichen Erreger", schreibt Kekulé.

Virologe Alexander Kekule

Virologe Alexander Kekulé warnte schon früh vor der Gefährlichkeit des Corona-Virus auch für Deutschland

Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung seien erfolgversprechend, wenn sie früh genug eingeleitet würden. "Deshalb ist es unverzeihlich, dass hierzulande keine Einreisekontrollen für Fluggäste aus China stattfinden." Passagiere mit Fieber oder Husten, empfiehlt er, sollten auf das neue Virus getestet werden, bis zum Vorliegen des Ergebnisses zu Hause bleiben und vor allem den Kontakt zu besonders gefährdeten Personen meiden: Ältere, Schwangere, Menschen mit Vorerkrankungen. Kekulés Empfehlungen scheinen mir sehr plausibel zu sein.

"Ich kenne niemanden, der Corona hat - Du?"

Mein Bild von Corona ähnelt zu diesem Zeitpunkt dem der meisten Menschen, mit denen ich privat und beruflich zu tun habe. Noch wissen wir alle viel zu wenig. "Ich kenne niemanden, der Corona hat - Du?" Diese Frage höre ich so oder ähnlich in den ersten Monaten immer wieder. So lange die Antwort "nein" lautet, sind alle einigermaßen beruhigt. Obwohl ich schon die allgemeine Unsicherheit spüre, die einhergeht mit den steigenden Infektionszahlen.

Österreich Wintersportort Ischgl

Das Skigebiet von Ischgl in Österreich gilt schon bald als Corona-Hotspot, in dem sich viele Menschen infiziert haben

Im März erfahre ich dann vom ersten Fall in einer befreundeten Familie. Ein Sohn war auf Klassenfahrt zum Skifahren in Österreich. Alle müssen in häusliche Quarantäne. Die Symptome sind milde. Glück gehabt! Denn zu diesem Zeitpunkt häufen sich schon die dramatischen Berichte über Menschen, die auf Intensivstationen beatmet werden müssen. Anfang April dann der Schock: Eine Freundin, Ende 50, stirbt. In ihrer Lunge hatten sich Corona-Viren eingenistet. Ich schreibe einen Brief an ihren Mann und die beiden Kinder - der Jüngere ist mein Patensohn. 

Zu Hause zünde ich eine Kerze für meine tote Freundin an

Ein paar Tage später sitze ich zusammen mit ihnen gemeinsam auf der Terrasse. Die Sonne scheint, es ist frühlingshaft warm. Die ganze Familie, erfahre ich, hat Corona-Antikörper, war also auch infiziert. Einige Wochen danach treffen wir uns auf dem Friedhof wieder. Nur 15 Trauernde dürfen sich von meiner Freundin verabschieden. Die Pfarrerin bittet uns einfühlsam, Abstand zu halten. Keine Umarmung, tröstende Worte aus zwei Metern Entfernung. Zu Hause zünde ich eine Kerze an und stelle sie neben die Todesanzeige mit dem Foto meiner Freundin. Sie sieht aus wie das blühende Leben.

Symbolbild I Verlängerung des Lockdowns in Deutschland

Alles dicht: In der "Mall of Berlin" herrscht im Corona-Lockdown gespenstische Stille

In diesen schrecklichen Wochen befindet sich Deutschland bereits im ersten Lockdown. Auch ich arbeite fast nur noch zu Hause, wie Millionen andere. Pressekonferenzen und Interviews finden online statt. Wie froh bin ich, als die Einladung zu einem Hintergrundgespräch im Bundestag eintrifft! Endlich wieder unter Menschen! Ein Reporter, der nur am Schreibtisch sitzt, ist keiner. An diesem Abend fühle ich mich wie befreit, genieße jede Minute im Kreis von Kollegen, die ich gefühlt eine Ewigkeit nicht mehr gesehen habe.

Ein Traum wird wahr: Orange, Avignon, Aix-en-Provence

Anfang Mai dann endlich die ersten Lockerungen. Noch nie habe ich mich so auf einen Termin beim Friseur gefreut. Spöttische Fragen, was ich da angesichts meiner wenigen verbliebenen Haare wolle, perlen mit einem Lächeln an mir ab. Besuche in den wieder geöffneten Cafés und Restaurants empfinden meine Frau und ich wie eine Reise in eine ferne Vergangenheit. Dabei waren es doch nur zwei Monate, oder? Auf mein Zeitgefühl kann ich mich schon damals nicht mehr verlassen.

Frankreich | Provence | Marcel Fürstenau

Der Autor in der Provence

Und dann, Mitte Juni, passiert das - jedenfalls für mich - völlig Unerwartete: Die Grenzen zu unseren Nachbarländern werden wieder geöffnet. Wir können doch in den Urlaub fahren - nach Frankreich, in die Provence. Drei unbeschwerte Wochen in einem kleinen Weindorf mit weniger als 300 Einwohnern. Wir erkunden mit den Fahrrädern die umliegenden Orte, besuchen das römische Amphitheater in Orange, staunen über den pompösen Papst-Palast in Avignon, schlendern durch die Altstadt von Aix-en-Provence und atmen den Duft der lila Lavendelfelder ein.

Frankreich | Provence | Lavendelfelder

Ein Narkotikum gegen trübe Corona-Gedanken: Lavendel

Corona scheint plötzlich ganz weit weg zu sein. Die Infektionszahlen sinken überall. Hier im Département Drôme liegen sie praktisch bei Null. Und auch als wir zurück im Berliner Sommer sind, scheint das Virus kein großes Thema mehr zu sein. Wochenlang holen wir nach, was wir so lange entbehrt haben: Kino, Theater, Konzerte. Fast alles draußen, bei Sonne, unter freiem Himmel. Abstandsregeln und Maske-Tragen empfinde ich zwar als lästig, aber notwendig. Und im Büro, wo ich jetzt fast wieder täglich ein paar Stunden bin, arbeite ich bei geöffneten Fenstern.

Ein Abschiedskonzert mit Mozarts Klavierkonzert in c-Moll

Doch als sich der Herbst ankündigt, passiert das, wovor Virologen schon im Frühjahr gewarnt haben: Die zweite Corona-Welle kommt auf uns zu. Und mit ihm das, was die Politik uns und sich selbst unbedingt ersparen wollte: den zweiten Lockdown. Am letzten Tag, bevor auch das Kulturleben wieder komplett stillgelegt wird, gehe ich mit meiner Frau ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Der isländische Pianist Vikingur Ólafsson spielt zum Abschluss Mozarts Klavierkonzert in c-Moll. Ein Stück, das einen schon in normalen Zeiten an Abschied erinnern kann. An diesem Abend ist es ein Abschied - auf unbestimmte Zeit.

Deutschland - Berliner Schauspielhaus

Seit November 2020 finden im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt wegen Corona keine Konzerte statt

Das Virus trifft uns jetzt viel härter als beim ersten Mal. In meiner Familie erwischt es einen Neffen in Dänemark und seinen kleinen Sohn. Beide überstehen die Infektion gut. Derweil schwindet mein Vertrauen in Angela Merkel und die Regierungschefs der 16 Bundesländer mit jedem Gipfel im Kanzleramt. Weit und breit keine Strategie, nur noch hektische Symbolpolitik. So kommt mir das jedenfalls vor.

Besuchsverbote, die mich verzweifeln lassen

Kann mir jemand erklären, wie man beschließen kann, dass nur noch eine haushaltsfremde Person zu Besuch kommen darf? In dieser Logik, die keine ist, dürfte meine 93-jährige Schwiegermutter aus der Nähe von Bremen meine Frau und mich in Berlin besuchen. Umgekehrt ist es verboten…

Natürlich wollen die mich nicht ärgern. Und ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Aber solche Maßnahmen lassen mich schon mal daran zweifeln, ob die Politprofis und die sie beratenden Virologen wirklich alles im Griff haben.

Kroatien 2019 | Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler

"Regieren mit Angst" wirft Demokratie-Forscher Wolfgang Merkel der Bundeskanzlerin vor (Archivbild)

In dieser düsteren Zeit muss ich immer wieder an ein "Zeit"-Interview des Politologen Wolfgang Merkel denken. "Regieren durch Angst" nennt er das, was wir seit einem Jahr erleben. Der Wissenschaft wachse eine Rolle zu, "die undemokratisch wird". Das finde ich auch. Und wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Wenn ich das wüsste. 

Im Moment bleibt auch mir nur das Prinzip Hoffnung. Und so traurig mich der Blick auf ein Jahr Corona auch stimmt, die schönen Erlebnisse will ich darüber nicht vergessen. 

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