Mein Stück Heimat: Karam und der rote Laptop aus Syrien | Kultur | DW | 22.10.2015
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Kultur

Mein Stück Heimat: Karam und der rote Laptop aus Syrien

Das Einzige, was Karam aus seiner Heimat mitnehmen konnte, ist ihm nichts wert. Seine Eltern sind noch in Gefahr, sie leben in der IS-Hochburg Al-Rakka. Ein Porträt des 28-Jährigen aus der DW-Reihe "Mein Stück Heimat".

Tausende Flüchtlinge kommen derzeit in Deutschland an. Menschen, die Freunde und Familie, Arbeit und Wohnung, die ihre Heimat vielleicht für immer verlassen mussten. In unserer neuen DW-Reihe "Mein Stück Heimat" stellen wir Flüchtlinge und deren Geschichten aus ihrer Sicht vor: subjektiv und ohne zu werten. Und wir zeigen, welches Kulturgut ihnen so sehr am Herzen lag, dass sie es trotz lebensgefährlicher Flucht mitgenommen haben: ihr "Stück Heimat".

"In Syrien glaubt man nicht an Träume. Man vertraut der Logik", sagt Karam Al Yusuf. Logik ist auch der Grund, weshalb Karam seinen Laptop mit nach Deutschland genommen hat. Als er seine Sachen Anfang 2015 packte, hat er nicht nach Gegenständen gesucht, die er vielleicht vermissen könnte. Er nahm mit, was ihm nützlich sein könnte: einige Kleidungsstücke und den Rechner.

"Mein Leben lief nicht schlecht"

Karam ist 28 Jahre alt und das älteste von fünf Geschwistern. Nach seinem Studium in Aleppo war er gerade dabei, sich in der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens eine Karriere aufzubauen. "Ich studierte Geologie an der Universität in Aleppo, im Jahr 2012 bekam ich den Abschluss. Mein Leben lief nicht schlecht, ich habe gut verdient, hatte mein eigenes Haus und konnte meine Eltern regelmäßig sehen. Damals fehlte ihnen nichts - alles schien möglich."

Als die Kämpfe zwischen der Freien Syrischen Armee (FSA) und dem Assad-Regime 2011 ausbrachen, blieb Karam - für drei blutige Jahre. Er glaubte daran, dass sich bald endlich etwas ändern könnte. "Ich glaubte an die Revolution, daran, dass man als Bürger vereint kämpft, sich unterstützt und alles dafür tut, das Regime zu stürzen. Das war Grund genug zu bleiben." Schnell wurde klar, was Krieg bedeutet. "Ich verlor damals viele meiner Freunde. Es war schrecklich." Man wird fast ein bisschen gefühllos, sagt Karam. Zu der Zeit träumte er oft davon, selbst durch Assad inhaftiert zu werden.

Die Familie entschied sich, die beiden Jungen gehen zu lassen

Als Karam und sein Bruder sich dazu entschlossen, Syrien zu verlassen, waren sie unter den Letzten aus ihrem Freundeskreis. "Um die Stadt stand es insgesamt sehr schlecht, mein Bruder war gerade mit der Uni fertig und wurde zum Militärdienst gerufen. Es war unvorstellbar, dass er Soldat werden würde!" Daher entschied die Familie, die beiden Jungen gehen zu lassen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in der Türkei - wo sein Bruder noch heute lebt und unter "sehr schlechten Bedingungen" arbeitet - lebt Karam nun seit fünf Monaten in Deutschland. Er wohnt mit seinem Cousin und einem guten Freund aus Syrien zusammen. Hier vermisst er die kleinen Dinge, die "unbeschreibliche Stimmung von Zuhause". Er würde seinen Laptop jederzeit für die Momente eintauschen, in denen er im Sonnenaufgang alleine auf dem Feld Basketball spielte oder mit seinen Freunden am Fluss Tee trank. "Es gibt viele Orte in Berlin, wo jeder nur Arabisch spricht. Aber wir sind nicht in Syrien, wir sind nicht in meiner Stadt. Das ist nicht Zuhause."

Der Uniabschluss muss anerkannt werden

Karam ist sich sicher, dass er innerhalb weniger Monate eine Arbeit finden wird. Zuerst muss allerdings sein Uniabschluss validiert werden. Das könnte gefährlich werden, denn dazu muss jemand an seiner Universität in Syrien einige Dokumente abholen. Er fürchtet, dass der "Islamische Staat" (IS) diese Person dann an seiner Stelle gefangen nimmt.

Seine größte Sorge bleibt dennoch die körperliche und geistige Gesundheit seiner Eltern. Als er ging, wusste er, dass diesmal sie in Gefahr sind. "Entweder sie werden getötet, oder ich sehe sie wieder." So einfach ist das. Die Eltern sind nach Al-Rakka gezogen. Inzwischen ist dies eine Hochburg des IS, gilt gar als inoffizielle Hauptstadt der Terroristen in Syrien. Karam kann nur selten mit seinen Eltern über Whatsapp kommunizieren.

"Es ist nur ein Gerät"

Der glänzend rote Laptop ist vielleicht eine der wenigen Erinnerungen an sein altes Leben, aber Karam weiß: "Es ist einfach nur ein Laptop, ich kann notfalls einen neuen kriegen. Es ist nur ein Gerät." Der Laptop ist wertlos für ihn, solange seine Eltern in ständiger Gefahr leben.

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