Mein Europa: Sieger und Verlierer | Europa | DW | 03.11.2018
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Gastkolumne

Mein Europa: Sieger und Verlierer

Reparationsforderungen werden wieder laut: Griechen machen eine Rechnung, Polen auch. Kein Thema für schwarz-weiß-Lösungen meint unser Kolumnist Norbert Mappes-Niediek.

So falsch die polnische Forderung nach Reparationen auch sein mag: Mit bloßer Zurückweisung ist es nicht getan. Deutschland soll für die Zerstörungen und die Massenmorde des Zweiten Weltkriegs Entschädigung zahlen: Die Forderung kommt aus Warschau in unregelmäßigen Abständen schon seit dem Ende der kommunistischen Ära. Seit aber im Nachbarland die rechte Partei "Recht und Gerechtigkeit" regiert, kommt sie immer öfter.

Soll die Reparationsfrage antideutsche Gefühle schüren?

Mit stets gleichen Argumenten weist Berlin das Ansinnen zurück. Die Reparationsfrage sei rechtlich und politisch abgeschlossen, hat schon Frank-Walter Steinmeier gesagt, als er noch Bundesaußenminister war. Rechtlich mag die Frage abgeschlossen sein; politisch ist sie es definitiv nicht. Das hat die jüngste Forderung des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda nur noch einmal unterstrichen.

In keiner deutschen Analyse fehlt der Hinweis, dass die rechts-konservative Regierung die Reparationsfrage zum Schüren anitdeutscher Gefühle benutzt, dass sie nur zu gern von dem Vorwurf ablenkt, mit ihrer sogenannten Justizreform verletze sie europäische Grundsätze. Das Argument trifft zu, aber am Kern des Problems geht es vorbei.

Die Schrecken und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs werden in Deutschland und in Polen zwar gleichermaßen verabscheut, aber in unterschiedliche Denkmuster eingeordnet. In Deutschland und bei seinen westlichen Kriegsgegnern hat die rein nationale Deutung, wie sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch im Westen noch üblich war, längst einer politischeren Sicht Platz gemacht. Niemand verweist mehr auf einen deutschen Nationalcharakter, wenn über die Nazis und den Holocaust gesprochen wird, und wenige suchen die Wurzel des Übels noch in der preußischen Geschichte oder im deutschen Idealismus.

Sechs Millionen tote Polen

In Polen verlief die Entwicklung umgekehrt. Von "den Deutschen" als Täter war zu kommunistischer Zeit wenig die Rede, schon mit Rücksicht auf den sozialistischen Bruderstaat DDR nicht. Schuld waren vielmehr die "aggressivsten Teile des Monopolkapitals". Eine finstere Deutung, die allerdings überall auf der Welt hätte eingesetzt werden können und keine Nationalität kannte. Dabei kam das deutsche Besatzungsregime gerade in Polen im betont nationalen Gewande daher. Den Polen, "slawischen Untermenschen" in der Diktion der Nazis, sollte das Gefühl der Minderwertigkeit eingebrannt werden, sie sollten zu einem Sklavenvolk werden, ohne Würde, ohne eigene Elite, mit bloß elementarer Bildung - weil sie Polen waren. Sechs von 35 Millionen Menschen kamen ums Leben, ein höherer Prozentsatz als in jedem anderen Land Europas.

Polen Warschau unter dt.Besatzung/Strassenszene 1939 (picture-alliance/akg-images)

Von Deutschland besetztes Warschau (1939): Eine Vergangenheit, die nicht vergeht

Vor diesem emotionalen Hintergrund darf es nicht wundern, wenn die schrecklichen Jahre in Polen heute fast ganz in nationalen Kategorien wahrgenommen werden. Jede Kritik, jeder Vorwurf, erst recht jede Zurechtweisung aus Deutschland riecht in Polen immer ein wenig nach Nazi. Und neuerdings auch nach Täter-Opfer-Umkehr: Im heutigen Deutschland, so spürt man es, werden gerade die autoritären Tendenzen und der virulente Nationalismus in Ungarn und Polen mit der Nazizeit assoziiert. Krass formuliert, waren es aus deutscher Sicht die Antisemiten, die die Juden ermordet haben. Aus polnischer Sicht waren es die Deutschen. Wer die historischen Fakten sprechen lässt, wird den Polen Recht geben müssen.

Bei der nächstliegenden Schlussfolgerung allerdings ist Berlin im Recht: In die Europäische Union passt die Forderung nach Reparationen nicht hinein. Die Gemeinschaft war schon in ihren Anfängen ein bewusst ahistorisches Bündnis von Siegern und Verlierern des Zweiten Weltkriegs, von Opfern und Tätern. Nationale Abrechnungen hätten das zerbrechliche Gebilde sofort wieder zerstört.

Den Franzosen hat ihre großherzige Entscheidung für Versöhnung mit dem deutschen Aggressor Recht gegeben: Das Ende der Erbfeindschaft hat sich mit politischer Stabilität und wirtschaftlicher Prosperität ausgezahlt. Den Polen fehlt diese Erfahrung; sie haben erlebt, dass sie als moralische Sieger nicht unter dem Krieg, sondern noch Jahrzehnte danach unter dessen Folgen viel mehr zu leiden hatten als die Deutschen, die moralischen Verlierer.

Die EU-Osterweiterung hat einen Auftrag

Die Forderung nach Reparationen führt, sosehr man sie verstehen mag, in die Irre. Für Deutschland reicht es dennoch nicht, das Ansinnen einfach zurückzuweisen - und auch nicht nur auf den Ton kommt es dabei an. Es gibt vielmehr einen gültigen Anspruch: Nimmt man die Ziele und die Ergebnisse der deutsch-französischen Aussöhnung zum Maßstab, so ist mit der Osterweiterung der Auftrag verbunden, die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in den neuen Mitgliedsländern dem Durchschnitt der alten anzugleichen.

Die Angleichung stagniert schon seit Jahren. Wird sie nicht entschieden vorangetrieben, kann die Erweiterung noch zu einem Debakel werden. Die utopische Forderung nach einer Kriegsentschädigung in Höhe von 690 Milliarden Euro, wie der zuständige Berichterstatter im Sejm sie erhoben hat, nährt den Verdacht, sie sei vielleicht nicht wörtlich gemeint. Gerade darum verlangt sie eine politisch und moralisch saubere Antwort. Polens Erfolg ist ein Gemeinschaftsanliegen: Das muss die Botschaft sein. Ideen wie die, Polen und andere osteuropäische Staaten für die Nichterfüllung von Gemeinschaftsbeschlüssen mit dem Entzug von Fondsmitteln oder auf andere Art finanziell zu bestrafen, machen alles nur schlimmer.

Norbert Mappes-Niediek lebt im österreichischen Graz und ist Südosteuropa-Korrespondent zahlreicher deutschsprachiger Zeitungen.