Mein Europa: Globalisierung mit europäischem Antlitz | Europa | DW | 03.05.2019
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Gastkolumne

Mein Europa: Globalisierung mit europäischem Antlitz

Eine Gemeinschaft von gleichwertigen Partnern, die Menschen schätzt und nicht primär Unternehmen: So könnte eine Globalisierung nach europäischem Modell aussehen, schreibt der rumänische Politik-Berater Radu Magdin.

Europa ist immer noch in den Herzen vieler Europäer - selbst wenn sie oft aufgehört haben, daran zu glauben. Auch die überwältigende Spendenbereitschaft nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame ist ein Beweis dafür.       

Wir haben heute die Chance, ein neues europäisches "Empire" für das 21. Jahrhundert aufzubauen, wie es der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire formulierte. Doch zuerst muss sich Europa selbst in Ordnung bringen. Was im Fall von Notre-Dame in einer Nacht passierte, schaffte Europa seit dem Brexit-Votum nicht: die Zuneigung der Menschen zu gewinnen, ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben. Nein, Populismus und Skepsis gegenüber der EU sind nicht unsere Kernprobleme, sondern die Obsession für Regeln und der Mangel an Visionen an der Spitze. Ein Europa der Regeln steht nicht zwangsläufig im Widerspruch zu einem Europa, das die Menschen inspiriert, doch die beiden Aspekte sollten als gleich wichtig gesehen werden.

Europa hat sich bewusst zurückgezogen 

Außerdem ist es im Moment unklar, was die europäische Vision für sich selbst und die Welt ist. Was den Willen betrifft: Die Europäer haben sich aus ihrer Führungsrolle verabschiedet, als sie Bildung, öffentlichen Diskurs und Politik veränderten und sich von Begriffen wie "Armee" und "Sicherheit" distanzierten.

Europa hat sich bewusst zurückgezogen. Ironischerweise hat gerade ein Europa der Diversität versucht, Ambitionen und Fähigkeiten zu nivellieren. All jenen, die mehr tun wollen und eine Führungsrolle anstreben, sollte man dies aber erlauben. Beispielsweise wäre es sinnvoll, den osteuropäischen EU-Staaten und Frankreich zu ermöglichen, Europa anzuführen bei der Entwicklung der Sicherheitspolitik, während sich andere Staaten zusammen mit Deutschland auf die inneren Entwicklungen der EU und deren Konsolidierung konzentrieren können.

Toxischen Nationalismus verbannen

Das tut eine sogenannte "smart power" - und es wäre eine viel bessere Investition an Energie und Geld als interne Querelen und Klagelieder über den Populismus. Die Menschen werden beginnen, Europa wieder zu mögen, wenn sie wissen, dass sie nicht denselben Kuchen in immer kleinere und kleinere Stücke teilen müssen. Stattdessen sollten alle daran arbeiten, dass der Kuchen größer wird.

Frankreich Paris | Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris (Getty Images/AFP/G. van der Hasselt)

Nach dem Brand von Notre-Dame war die Spendenbereitschaft vieler Europäer überwältigend

Die Herausforderung ist, den innovativen Geist früherer Imperien zurückzubringen, aber gleichzeitig jede Art von toxischem Nationalismus zu verbannen.

Die Allianz für Multilateralismus, die von Frankreich und Deutschland diskutiert wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt kaum ein besseres Zeichen für ein europäisches Erwachen, als sich mit anderen Staaten in einer Gemeinschaft der Gleichen zusammenzuschließen. Die heutige Konstruktion Europas ist eine Garantie dafür, dass es nie wieder zu einer aggressiven Macht wird. Doch im Kontext von großen Machtkämpfen, ist Macht nun mal die einzige würdige Option, wie die französische Journalistin Sylvie Kaufmann es formulierte.

Ein Geschenk an die Welt 

Wir müssen die Partnerschaften mit Australien, Kanada, aber auch Mexiko, Indien, Indonesien und Japan als Vertrauens-Investition dieser Staaten in Europa sehen. Diese Länder haben problematische Kolonialismus-Erfahrungen überwunden und unterstützen Europa in seinen globalen Ambitionen. Sie haben eine Vision davon, wie ein Netzwerk-Modell global funktionieren kann, um potenziell aggressive Giganten in ihre Schranken zu weisen - ob wirtschaftlich oder geographisch. Jede Region hat ihre "Stars", aber auch ihre hegemonialen Ängste.

Wir wollten eine Gemeinschaft von Gleichen und Partnern: Hier ist sie, diese Staaten sind bereit, es uns hoch anzurechnen, dass wir das Richtige tun. Ist jemand da in Brüssel und den nationalen Hauptstädten in Europa, der die Herausforderung annimmt? Meiner Meinung nach könnte Europas Geschenk an die Welt eine Globalisierung mit europäischem Antlitz sein. Es wäre eine Globalisierung, in der gleichermaßen die Menschen und die Unternehmen geschätzt werden, in der die Pluralität der Kulturen nicht nivelliert wird. Eine solche Globalisierung würde nicht nach dem Prinzip "one size fits all" funktionieren. Sie würde dafür sorgen, dass künstliche Intelligenz und Technologie einer Zukunft dienen, in der die Menschen frei sind, und nicht einer zentralen Kontrolle unterliegen. Es wäre eine Vierte Industrielle Revolution, die für die Menschen da ist. 

Radu Magdin ist ein rumänischer Analyst und Politik-Berater. Unter anderem hat er den Premier Rumäniens (2014-2015) und den Premier der Republik Moldau (2016-2017) beraten. Von 2007 bis 2012 arbeitete er in Brüssel für das Europäische Parlament, EurActiv und Google. Er gehört zur Arbeitsgruppe der NATO Emerging Leaders des Atlantic Council der USA.

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