Mein Europa: Georgien - Ein Land kämpft um seine Zukunft | Europa | DW | 06.10.2018
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Gastkolumne

Mein Europa: Georgien - Ein Land kämpft um seine Zukunft

Georgien ist ein Land mit alter Kultur, ausgeprägtem europäischen Selbstverständnis - und einer ungewissen Zukunft. Bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist es Partnerland. Krsto Lazarevic hat das Land besucht.

Georgien liegt zwischen dem großen und kleinen Kaukasus, würde aber auf dem Balkan auch nicht weiter auffallen. Ein kleines Land am Rande Europas, dass wegen seiner Berge und schlechten Straßen sehr groß wirkt. Auch hier sind Menschen gastfreundlich, zwingen einen zum Essen bis man platzt und füllen einem ungefragt das Glas mit dem selbstgebrannten Schnaps nach. Die Unterschiede zum Balkan sind klein. Die Berge in Georgien sind etwas höher, der Wein besser und der Hype etwas größer.

Georgier blicken verblüfft, wenn man sie fragt, ob sie sich als Teil Europas sehen. Sie ziehen dann ein Gesicht, als hätte man sie gefragt, ob sie sich nach dem Gang zum Klo die Hände waschen - "Ja, natürlich. Was denn sonst?"

Um jegliche Zweifel zu beseitigen hängt an jedem Regierungsgebäude eine Europaflagge. Blöd nur, dass die EU Georgien nicht will, weil Landesteile von Russland besetzt sind. Da können die Georgier noch so viele Flaggen mit fünfzackigen Sternen auf azurblauem Grund aufhängen - das reicht zwar für den Eurovision Song Contest, aber nicht für die EU.

Vegane Restaurants und verwesendes Fleisch 

Es ist nicht besonders originell einen Ort als gegensätzlich zu beschreiben, aber ein besseres Wort für die Hauptstadt Tiflis gibt es nicht. Man verlässt ein veganes Restaurant in der Innenstadt und steht wenige Sekunden später vor einem Händler, der Schweineköpfe und Ferkel zum Verkauf anbietet. Die Ferkel liegen in der prallen Sonne. Die mit Eis gefüllten Flaschen in ihren Bäuchen, helfen nicht gegen den einsetzenden Verwesungsgeruch.

Georgien Straßenszene in Tiflis (DW/C. Stefanescu)

Tiflis: Ein Ort der Gegensätze

Drei Metrostationen weiter, steht eine alte Textilfabrik, die zu einem Hipsterparadies umgewandelt wurde. Hier stehen Rucksacktouristen, Künstler und Jungunternehmer, die ungeniert im Freien einen Joint rauchen. Mit Kiffen kommt man in Georgien seit ein paar Monaten straffrei davon, für eine Pille Ecstasy gibt es immer noch bis zu acht Jahre Knast.

Keine fünf Minuten von den vollgesprühten Wänden der alten Fabrik stehen Rechtsextreme an der Metrostation und sammeln Unterschriften.

"Wofür sammelt ihr Unterschriften?"

"Muslime sind eine Gefahr und wir wollen Sie nicht in unserem Land haben."

"Aber es gibt doch recht viele Muslime in Georgien, oder?"

"Ja, deswegen sollen sie ja gehen."

"Die wohnen doch schon seit Jahrhunderten hier, wo wollt ihr sie denn hinschicken?"

"Ist uns egal, Hauptsache weg."

Trotz dieser ausbaufähigen Argumentation haben die Männer am Eingang der Metrostation schon viele Unterschriften gesammelt.

Die Macht der Kirche

Ich habe in Georgien nicht viele Muslime getroffen, dafür aber umso mehr orthodoxe Priester. Sie genießen hohes Ansehen und viele Privilegien. Sie zahlen keine Steuern, werden bewundert und dürfen sich offensichtlich an jeder Supermarktschlange nach vorne drängeln. In Georgien hat die Religion ein Vakuum gefüllt, nachdem der Kommunismus auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wurde. Kritik an Patriarch Ilia II. gilt als Blasphemie. 

Techno-Revolte

Es gibt aber auch ein Georgien, an dem sich die Geistlichen stören. Auf der Tanzfläche des Clubs Bassiani küssen sich Drag-Queens. Eine von ihnen sagt mir: "Das ist Freiheit für eine Nacht, da draußen ist Feindesland." Denn da draußen ist es üblich, dass offen homosexuell lebende Menschen verprügelt werden. Auch von Priestern und Polizisten, die dafür nicht bestraft werden.

Orthodoxe Weihnachten Georgien (Reuters)

Die Kirche ist in Georgien sehr einflussreich

Vom Club Bassiani ging im Mai eine kleine Revolution aus. Sound der Revolte ist der Techno. Alte Fabrikhallen und abgerockte Sowjetarchitektur bieten die perfekte Umgebung für harte elektronische Musik. Nachdem hunderte behelmte Polizisten mit Maschinengewehren mitten in der Nacht die Clubs Bassiani und Cafe Gallery stürmten, fanden sich am Tag darauf Tausende Menschen vor dem Parlament zu einem Rave zusammen, um gegen die Razzia zu demonstrieren.

Es geschah, was fast niemand erwartete: Der Premierminister und seine Regierung traten zurück und wurden durch andere Köpfe aus derselben Partei ersetzt. Entschieden hat das der allmächtige Oligarch Bidsina Iwanischwili. Die Technorevolte hatte Erfolg, weil die Demonstranten etwas einfordern, mit dem der alles bestimmende Oligarch einverstanden war - die Freiheiten des Westens und ein Land, dass näher an Europa rückt.

Was bedeutet "Europa"?

Es ging nicht einfach um eine Razzia in zwei Clubs, es ging um einen Kulturkampf zwischen Progressiven und Reaktionären - und die Progressiven haben erst einmal gewonnen.

Ministry of Highway Construction (Erik-Jan Ouwerkerk)

Das arme Land im Kaukasus bemüht sich, den Anschluss an den Westen zu schaffen

Die Georgier wollen nach Europa, aber was bedeutet das überhaupt? Für die meisten Westeuropäer hat Europa etwas mit liberalen Werten zu tun. Für die Teilnehmer der Technorevolte ist das nicht anders.

Für die meisten Georgier und viele Osteuropäer bedeutet "Europa" allerdings christliches Abendland, Schutz vor Russland und Geld aus Brüssel. Die liberale Moderne, in der man Minderheiten, Andersdenkenden und Andersliebenden als Gleichen begegnet, wollen sie nicht. Zumindest die Mehrheit der Georgier will sie nicht.

Doch es gibt keinen Grund in Lethargie zu verfallen. Georgien wandelt sich und der Kampf um eine bessere Zukunft hat gerade erst begonnen.

Krsto Lazarevic ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin, arbeitet als Journalist und Publizist und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien.

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