Mein Europa: Das Virus als Zeitmaschine | Europa | DW | 23.05.2020
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Gastkolumne

Mein Europa: Das Virus als Zeitmaschine

Die Pandemie versetzt uns in eine Welt von gestern voller Nostalgie, meint der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov. Doch die Vergangenheit ist niemals unschuldig. Sie birgt auch politische Gefahren.

Am Anfang sagten wir, dass nach diesem Virus die Welt von gestern nicht mehr möglich wäre. Doch wir kehrten plötzlich in jene Welt zurück. So wie Menschen an Orte zurückkehren, die sie verlassen haben. So wie einst Söldner aus der Schweiz von der mysteriösen Krankheit der Nostalgie befallen wurden, als sie weit weg von der Heimat waren. Die Krankheit wurde 1688 von einem gewissen Doktor Hofer aus Basel als eine mit eindeutigen physiologischen Symptomen beschrieben, die sogar zum Tod führen konnten: Ohmachtsanfälle, hohes Fieber und Magenprobleme.

Im Fall des neuen Virus sprach man zuerst von Symptomen wie trockenem Husten, Fieber, Halsschmerzen und Atemnot. Ein wenig später kam der Verlust des Geruchssinns auch auf diese Liste. Doch ich denke, es gibt ein anderes, noch nicht beschriebenes Symptom, das zum Profil dieses Virus gehört. Es ist eine beißende Nostalgie für die Welt von gestern. Das neue Virus hat sich auch als ein Virus der Vergangenheit herausgestellt. Wenn wir sagen "die Welt von gestern”, ist das nicht nur eine Metapher oder eine Anspielung auf Stefan Zweigs Memoiren mit diesem Titel. Es geht auch, im wörtlichen Sinne, um die Welt am Tag vor heute. Um die Welt vor ein paar Wochen oder Monaten. Wir sind daran gewöhnt, Nostalgie zu empfinden für etwas, was es vor langer Zeit gab, für Ereignisse und Orte unserer Kindheit, für weit entfernte Zeiten. Ich behaupte sogar, dass ein Mensch echte Nostalgie empfinden kann für Dinge, die nie geschehen sind. Und manchmal ist die Nostalgie für das Nicht-Geschehene sogar stärker. Doch selbst das hat sich durch das neue Virus verändert. 

Isolation in Raum und Zeit

Das Paradoxon ist: Die Welt, die wir vermissen, ist hier, vor Ort. Wenn ich von meinem Fenster auf die leere Straße und das kleine Eckcafé blicke, empfinde ich akute Nostalgie, und ich könnte auch sagen, Schmerz, sofern der Schmerz auf ethymologischer Ebene ein Teil der Nostalgie ist. Schmerz und Nostalgie – möge man mir diese Tautologie verzeihen – wegen eines Ortes, den ich vor nur einem Monat besucht habe. Und, was sehr wichtig ist: wegen eines Ortes, den ich nicht verlassen habe, der hier ist, vor meinen Augen. Das ist etwas anderes und neues. Die Welt ist nicht verschwunden, sie ist hier vor uns. Und trotzdem empfinden wir eine schmerzhafte Abwesenheit, ein schmerzhaftes Fehlen an Welt. So wie die Lunge, die von dieser Krankheit befallen ist, unter dem fehlenden Sauerstoff leidet.

Langsam werden wir beginnen zu verstehen, dass es nicht nur eine Isolation im Raum ist, sondern auch in der Zeit. Wir verlassen nicht nur den Raum der Welt, sondern auch ihre Zeit. Der menschliche Körper ist gezwungen, nur in der einengenden Gegenwart zu leben, ohne den Horizont der geplanten nahen Zukunft. In einer normalen Welt leben Menschen auch in der nahen Zukunft, mit Plänen, Verabredungen, Vorkehrungen, sie sind darauf gespannt, was kommen wird. All das ist plötzlich vorbei. Alle Zielorte wurden gestrichen. Die Zukunft – gestrichen.

Alle Vergangenheit der Welt 

Was jetzt? Uns bleiben nur noch die Zielorte der Vergangenheit. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, nur in der Realität des Moments zu leben. Wenn sich unser Körper nur auf eine begrenzte Zahl von Bewegungen beschränkt, wird unser Inneres (bestehend aus Gedanken, Wünschen, Ängsten) besonders unruhig.

Wie leben wir ohne den Horizont der nahen Zukunft?

Wie leben wir ohne den Horizont der nahen Zukunft?

Es streift die ganze Zeit umher. Die Zukunft ist unmöglich, aber was wir bei der Hand haben, ist alle Vergangenheit der Welt. Und insbesondere unsere eigene Vergangenheit. Was tut die Welt also in Zeiten wie diesen? Sie nimmt alte Familienalben heraus und blättert durch Schwarz-Weiß-Fotos. Die Band "The Kinks" sang einst: "People take pictures of each other, just to prove that they really existed" (Menschen fotografieren einander, nur um zu beweisen, dass sie wirklich existiert haben). Das ist ein guter Grund. Wir müssen uns vergewissern, dass diese Welt existierte – und dass wir in ihr existierten.

Fernsehsender zeigen alte Filme und Serien (neue werden sowieso nicht allzu bald zu sehen sein). Sportkanäle wiederholen große Endspiele der Fußball-WM. Ich schaue mir das Finale Argentinien – Niederlande von 1978 an und verwandle mich plötzlich wieder in einen Zehnjährigen. Das war das erste Fußballspiel, das ich mit meinem Vater gesehen habe, und ich erinnere mich immer noch an das Gefühl, den Erwachsenen ebenbürtig zu sein. Ich versuchte, mich noch mehr über das unfaire Spiel der argentinischen Mannschaft zu ärgern als sie, und schlug mit meiner kleinen Faust auf den Tisch. Am Ende gewann Argentinien, wir waren schon wieder auf der Seite der Verlierer, was wenig überraschend war, wenn man an meine bulgarische Vergangenheit denkt. Die alten Fußballspiele anzuschauen, ist mehr als ein Zeitvertreib. Sie bringen Erinnerungen an verlorene Erfahrungen, an verlorene Düfte und Gesichter zurück. Auf einmal beginnt die Vergangenheit zu wachsen, die Zeit hält keine leeren Nischen frei. Wahrscheinlich ist der Aggregatzustand der Vergangenheit flüssig oder gasförmig. Deshalb ist die Vergangenheit manchmal so unbeständig, deshalb bewegt sie sich mit so viel Leichtigkeit und füllt alles.

Eine zweite Welle der Nostalgie

Dieses Virus entpuppt sich als Zeitmaschine. Wir sollten uns aber daran erinnern, dass die Vergangenheit niemals unschuldig ist. Wir wissen nie, wie und wann irgendein politischer Frankenstein erscheinen könnte, der uns eine neue Welt verspricht, erbaut auf unserer Nostalgie für gestern. Und er könnte versprechen, uns wieder glücklich zu machen. Früher bezogen sich Ideologien auf die Zukunft, um sich zu legitimieren, heute verweisen sie immer öfter auf die Vergangenheit. Es ist die einfachste Legitimation, als würde man einen Blankoscheck unterschreiben.

Die Vergangenheit ist dazu gut, um sich zu erinnern und zu erzählen, sie ist voller Geschichten und Menschen, aber absolut leer und gespenstisch, wenn wir versuchen, wieder in ihr zu leben, oder andere Menschen dazu zu bringen, es zu tun. Wir werden andere Zuflüchte in der Zeit suchen müssen.  

Außerdem rechne ich mit einer zweiten Welle der Nostalgie – einer Nostalgie für diese zwei, drei Monate der Quarantäne, als wir allein waren, und trotzdem zusammen.

Übersetzung aus dem Englischen: Dana Alexandra Scherle

Georgi Gospodinov (geb. 1968) ist der meistübersetzte zeitgenössische bulgarische Schriftsteller. Seine Romane "Natürlicher Roman" und "Physik der Schwermut", sowie seine Gedichtbände und Theaterstücke sind in 25 Sprachen übersetzt worden. Gospodinov erhielt unter anderem den Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2019) und den Jan Michalski Literaturpreis (2016). Zurzeit ist er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

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