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Schlecht bezahlte gute Feen

Zhang Danhong21. Mai 2015

Es ist beschämend für Deutschland, dass Erzieher so schlecht bezahlt werden. Durch ihren Streik wird jetzt zumindest über den Wert ihrer Arbeit gesprochen, freut sich Zhang Danhong in ihrer wöchentlichen Kolumne.

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Deutschland Kindergarten in Hanau
Bild: Reuters

Ich bin eine bekennende Rabenmutter. Trotz zweier Kinder bin ich immer voll berufstätig geblieben. Dass ich Beruf und Familie all die Jahre miteinander verbinden konnte, habe ich vor allem Kindertagesstätte Märchenschloss in Köln zu verdanken.

In diesem Märchenschloss mit 40 Kindern sind die Erzieherinnen die guten Feen. Sie malen, singen und turnen mit den Kindern, spielen gemeinsam Theater und gehen mit ihnen schwimmen. Sie machen Hausbesuche, sind bei Problemen Ansprechpartner für Groß und Klein. Kinder im Vorschuljahr dürfen sich als etwas ganz Besonderes fühlen. Sie haben einen Vorschultisch, werden zum Lesen und Rechnen ermutigt, basteln anspruchsvolle Kunstwerke, besuchen Feuerwehr und Wasserwerk und machen sogar Ausflüge mit Übernachtung. Mittags wird frisch gekocht. Die Kochfee sammelt Rezepte der Lieblingsspeisen der Kleinen und probiert sie reihum aus.

Kurzum, die Kinder werden individuell gefördert und als Persönlichkeit geachtet. Dafür werden die Erzieher von den Kleinen geliebt und als Vorbilder angesehen. Und ich konnte mit gutem Gewissen meinem Beruf nachgehen.

Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich an dieser Stelle nicht einräumen würde, dass die Kita eine Einrichtung in freier Trägerschaft ist. Ein Platz dort kostet monatlich rund 300 Euro mehr als in einem städtischen Kindergarten. Die zusätzlichen Elternbeiträge ermöglichen einen günstigen Personalschlüssel von drei Erziehern pro 20 Kinder. Zum Vergleich: In städtischen Einrichtungen sind zwei Erzieher für 25 Kinder zuständig.

Schmales Gehalt für große Verantwortung

Das bedeutet aber nicht, dass unsere guten Feen auch besser bezahlt werden. Als ich das erste Mal erfuhr, wie wenig sie verdienen, war ich schockiert. Auf die Frage, warum sie dennoch Erzieher geworden sind, bekam ich als Antwort: weil sie den Beruf liebten. Man muss Idealist sein, wenn man Tag für Tag diesem Dauerstress ausgesetzt ist, mit hoher Verantwortung handeln muss und am Monatsende nicht mal genug Geld nach Hause bringt, um die eigene Familie ernähren zu können.

Nach einer 30-prozentigen Gehaltssteigerung in den vergangenen sechs Jahren verdienen die rund 250.000 Erzieher und Sozialarbeiter in Deutschland jetzt im Schnitt 2500 Euro brutto im Monat. Also immer noch deutlich weniger als Industriemechaniker, deren Ausbildung ähnlich umfangreich ist. Deutlich höher ist auch das durchschnittliche Monatsgehalt der Bundesbürger, das bei 2900 Euro liegt. Aufstiegschancen haben die Erzieher kaum, gleichwohl sind die Anforderungen an sie stetig gestiegen. So sollen sie Kindern aus Migrantenfamilien bei der Integration helfen und möglicher Misshandlung in der Familie möglichst früh auf die Schliche kommen. Pfleger, Lehrer und Psychologe in einer Person - so könnte man das Profil eines Erziehers beschreiben.

Zhang Danhong Kommentarbild App
DW-Redakteurin Zhang Danhong

Kein akademischer Beruf

Für diesen anspruchsvollen Beruf muss man bisher in Deutschland nicht studiert haben. Tatsächlich hat nur rund jeder 20. Erzieher einen Hochschulabschluss. In einem Land, wo Abschlüsse und Zeugnisse besonders schwer wiegen, ist das wohl der Grund, warum Erzieher schlecht verdienen und auch in der Gesellschaft nicht hoch angesehen sind. In anderen Industrienationen wie Frankreich, Schweden oder Japan ist Erziehung ein Studienfach und wird dementsprechend honoriert.

Warum nicht auch in Deutschland? Weil keiner bereit sei, das zu bezahlen, sagt mir ein Erzieher, der in diesen Tagen für mehr Lohn streikt. Wenn das stimmen würde, wäre das eine eigenartige Logik: Erzieher sind in der Lohnskala ziemlich unten angesiedelt, weil sie nicht studiert haben. Sie sollen aber auch nicht auf die Idee kommen, zu studieren, weil gar keiner bereit ist, sie finanziell besser zu stellen.

Kindertagesstätte
Bild: picture-alliance/dpa

Deutschland scheint nicht in der Lage zu sein, gerade denjenigen, die das Teuerste der Gesellschaft - unsere Kinder - hüten, einen anständigen Lohn zu zahlen. Dabei dachte ich, ich lebte in einem der reichsten Länder der Welt, dem es zudem nie so gut ging wie heute.

Falsche Priorität

Ich vermute, dass Geld nicht das wirkliche Problem darstellt, sondern die etwas andere Setzung der Prioritäten: Rund 200 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für die Förderung der Familien ausgegeben. Für jede neu erfundene soziale Wohltat wird ein Bürokratieapparat geschaffen. So schätzt der Deutsche Kinderschutzbund, dass rund 10.000 Sachbearbeiter allein damit beschäftigt sind, das Bildungs- und Teilhabepaket zu verwalten, eine Maßnahme für die Chancengleichheit aus der vergangenen Legislaturperiode. Wenn diese Zahl stimmt, lägen allein die Personalkosten hierfür bei 850 Millionen Euro im Jahr.

Eine zehnprozentige Lohnerhöhung, wie sie die Erzieher und Sozialarbeiter jetzt fordern, würde nicht wesentlich mehr kosten. Verdient haben sie nicht nur eine deutlich bessere Bezahlung ihrer wertvollen Arbeit, es sollte auch mehr Personal für die Kitas eingestellt werden. Denn dann werden sich viele überforderte und genervte Erzieher in gute Feen verwandeln. Davon werden unsere Kinder, die Zukunft dieses Landes, nur profitieren.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.