Mehr Mut zu geschlechtergerechter Sprache | Deutschlehrer-Info | DW | 14.02.2019
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Mehr Mut zu geschlechtergerechter Sprache

Es ist offenbar wissenschaftlich erwiesen: Steht in einem Text die männliche Form, also etwa „Verkäufer“, dann denken Leser die „Verkäuferin“ nicht automatisch mit. Dies hätten Dutzende Tests ergeben, so ein neues Buch.

Eigentlich kann jeder selbst testen, welche Person er bei den Worten „der ewige Student" vor seinem inneren Auge sieht: Einen Mann? Oder auch eine Frau? Wer nur an einen männlichen Studenten denkt, ist in guter Gesellschaft.

Inzwischen hätten zahlreiche psychologische Tests ergeben, dass „Frauen nicht automatisch mitgedacht werden", wenn die maskuline Personenbezeichnung verwendet wird, wie zum Beispiel „Student", „Tourist", „Verkäufer", „Einwohner", „Leser" oder „Pilot". Das betonen die beiden Sprachwissenschaftlerinnen Damaris Nübling und Helga Kotthoff in ihrem neuen Lehrbuch  „Genderlinguistik – Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht".

Seit drei Jahrzehnten wird, so Nübling, Professorin für Sprachwissenschaft an der Gutenberg-Universität Mainz, in der Psychologie und der Psycholinguistik erforscht, „ob wir vor unserem inneren Auge tatsächlich auch eine Frau sehen, wenn etwa von ‚Pilot' oder ‚Piloten' die Rede ist". Mittlerweile lägen dazu zwei Dutzend empirische Tests vor. Keiner davon habe ergeben, „dass die maskuline Form tatsächlich geschlechtsübergreifend verstanden wird".

Völlig unterschiedliche wissenschaftliche Tests kämen „zu dem gleichen Ergebnis, dass das sogenannte generische Maskulinum nicht funktioniert", betont Nübling. Das generische Maskulinum ist die männliche Personenbezeichnung, die geschlechtsübergreifend gemeint sein und damit auch Frauen einbeziehen soll. Dieser psychologische Effekt greife aber höchstens im Plural: Bei „Studenten" würden gedanklich noch eher Frauen assoziiert als bei „Student".

Nach Nüblings Ansicht könne man ruhig Neuerungen mal mutig ausprobieren. Das gelte auch für neue Schreibweisen. Doppelformen wie „Einwohner/Einwohnerinnen" sowie Schreibweisen mit einem Großbuchstaben im Wortinnern wie „EinwohnerInnen" würden das Textverständnis nicht erschweren und auch den Leseprozess nicht verlangsamen. Sie trügen aber dazu bei, gedanklich auch Frauen mit zu assoziieren.

Noch nicht erforscht, so die Wissenschaftlerinnen sei, ob mit dem sogenannten Gendersternchen, also bei „Einwohner*innen" oder mit dem Unterstrich wie bei „Einwohner_innen" auch Menschen jenseits der beiden Geschlechter assoziiert werden, also das dritte Geschlecht.

Die Sprachforscherinnen beklagen, dass nicht nur in Stammtischrunden, sondern auch in renommierten Medien bereits zaghafte Vorschläge für eine geschlechtergerechte Sprache oft vehement zurückgewiesen würden. Fachwissen spiele in dieser „aufgeheizten, ideologischen Debatte" kaum eine Rolle. „Wir erleben zurzeit einen Kult um die deutsche Sprache, als ob sie heilig und unantastbar wäre", so Nübling. Die Sprachwissenschaftlerin plädiert stattdessen dafür, die verschiedenen Möglichkeiten unvoreingenommen zu prüfen. Denn die deutsche Sprache sei damit nicht dem Untergang geweiht. Ganz im Gegenteil, so Nübling: „Sprachwandel ist das beste Lebenszeichen einer Sprache."

rh/wa (mit KNA)

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