Mehr Flüchtlinge finden eine Arbeit | Wirtschaft | DW | 15.08.2019
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Arbeitsmarkt

Mehr Flüchtlinge finden eine Arbeit

Fachkräftemangel wird für deutsche Unternehmen zum zentralen Geschäftsrisiko. Für Flüchtlinge bietet das große Chancen. Firmen sind eher bereit, sie auszubilden und einzustellen. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Am 1. August hat in Deutschland das neue Ausbildungsjahr begonnen. Die deutsche Wirtschaft ist für ihre duale Berufsausbildung im Betrieb und in der Berufsschule weltweit bekannt. 2018 stellten die Unternehmen 546.600 Ausbildungsplätze bereit, vier Prozent mehr als noch 2017. Die Zunahme hat ihren Grund: Die Wirtschaft sucht händeringend Nachwuchs. Trotz sich abschwächender Konjunktur bezeichnen zwei von drei Betrieben den Fachkräftemangel als das derzeit größte Risiko für ihr Geschäft.

Doch es gibt es immer weniger Schulabgänger und von denen zieht es immer mehr an Universitäten und Hochschulen. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl der Unternehmen, die ihre Ausbildungsplätze besetzen konnten, von 79 auf 68 Prozent geschrumpft.

Verbesserungen in Sicht

Banken, Versicherungen, Medien- und IT-Unternehmen haben weniger Probleme, junge Menschen zu finden, als Gastronomie, Verkehr und Bau. In diesem Jahr scheint der jahrelange Abwärtstrend nun aber erstmals gestoppt. "Mit 32 Prozent der Unternehmen sagen etwas weniger Unternehmen als im vergangenen Jahr, sie konnten nicht alle Plätze besetzen", berichtet Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) von der aktuellen Ausbildungsumfrage seines Verbandes. "Auf der anderen Seite gibt es aber noch einmal tausend Unternehmen mehr, die überhaupt keine Bewerbung erhalten haben."

Symbolbild | Schule Unterricht Schulklasse Schüler (imago/O. Ring)

Auszubildende müssen regelmäßig in die Berufsschule gehen

Erstmals konnten wieder mehr Abiturienten und Studienabbrecher für eine Ausbildung gewonnen werden. Aber auch die Ausbildung von Flüchtlingen hat weiter zugenommen. Bundesweit machen derzeit 1,3 Millionen junge Menschen eine Ausbildung. Davon sind 44.000 Flüchtlinge aus den acht häufigsten Asylzugangsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. "Es gibt Schwerpunkte, insbesondere in der Gastronomie, im Bau und im Verkehrsbereich", so Dercks. "Diese Branchen konnten mehr Verträge abschließen und das geht auch auf die Flüchtlinge zurück."

Das Handwerk ist Spitzenreiter

Besonders viele Geflüchtete erlernen einen Handwerksberuf. 2018, so der Zentralverband des deutschen Handwerks, habe sich die Zahl der Azubis aus Fluchtländern um 70 Prozent auf mehr als 18.600 erhöht.

Infografik Auszubildende im Handwerk DE

Die größte Gruppe sind mit 37,5 Prozent Afghanen, gefolgt von Syrern mit 33,3 Prozent. Ihre Zahl wuchs im Vorjahresvergleich mit einem Plus von 3.105 Personen am deutlichsten.

Jeder dritte Flüchtling arbeitet

Die Zunahme bei den Azubis fügt sich in das allgemeine Bild auf dem Arbeitsmarkt ein. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) hat jeder dritte Flüchtling im erwerbsfähigen Alter, der seit 2015 nach Deutschland gekommen ist, inzwischen eine Arbeit gefunden.

Wenn die Entwicklung so weitergehe, könnten es im Oktober bereits 40 Prozent sein, meint Herbert Brücker, der am IAB den entsprechenden Forschungsbereich leitet.

Infografik Zuwachs an Beschäftigten aus den Krisenländern DE

Brücker ist positiv überrascht von der Entwicklung. Die Integration in den Arbeitsmarkt sei etwa ein Jahr schneller verlaufen, als das bei früheren Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland der Fall gewesen sei. Dennoch: "Alle Lücken werden damit nicht gefüllt", so der Professor gegenüber der DW.

Einfache Deutschkenntnisse reichen nicht

Das gilt auch für die Nachwuchssuche. Im Juli 2019 haben sich aus den Asylherkunftsländern insgesamt 33.642 Menschen auf einen Ausbildungsplatz beworben. Das waren sieben Prozent aller Bewerber bundesweit. Rund die Hälfte von ihnen fand keinen passenden Betrieb. Laut DIHK liegt das größte Hindernis nach wie vor in der Sprache. "Gerade auch wenn man an die Berufsschule denkt und die dortige Herausforderung, dem Unterricht zu folgen und die Arbeiten erfolgreich schreiben zu können", so Achim Dercks. Deutschkenntnisse auf B2-Niveau reichten dafür nicht aus. Umso wichtiger sei ausbildungsbegleitender Sprachunterricht, um sowohl die Betriebe als auch die Flüchtlinge zu unterstützen, so Dercks. Das sei Aufgabe der Politik.

Deutschland Achim Dercks (DW/S. Kinkartz )

Achim Dercks bei der Vorstellung der Ausbildungsumfrage in Berlin

Belohnt werden die Betriebe, die Flüchtlinge ausbilden, mit einer überdurchschnittlichen Motivation ihrer Azubis. Das ist nicht selbstverständlich. Laut DIHK-Umfrage klagen die Betriebe inzwischen bei zwei von drei deutschen Auszubildenden über mangelnde Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit und Disziplin. "Viele Betriebe berichten uns, dass die Flüchtlinge sehr motiviert und engagiert sind, weil einfach der Wille da ist, hier anzukommen, sich sein Leben zu finanzieren und auf eigenen Füßen zu stehen."

Was, wenn die Abschiebung droht?

Eine Motivation, die allerdings rapide abnimmt, wenn am Ende die Abschiebung droht. Das treibt auch die Unternehmen um. "Es gibt nach wie vor eine große Unsicherheit, an der auch die letzte Gesetzesnovelle nicht wirklich etwas geändert hat", sagt Dercks. Nach wie vor gebe es viel Interpretationsspielraum für die beteiligten Behörden. "Vieles hängt davon ab, ob man mit der Ausländerbehörde vor Ort klar kommt oder nicht."

Je mehr Betriebe Flüchtlinge ausbilden, umso lauter wird der Ruf nach eindeutigen Vorgaben werden. Laut der jährlich durchgeführten Ausbildungsumfrage des DIHK bildeten 2017 sieben Prozent der befragten Betriebe Flüchtlinge aus, 2018 waren es 14 Prozent und in diesem Jahr sind es 18 Prozent. Die Verträge mit den Auszubildenden werden in der Regel schon Monate vor Arbeitsbeginn unterschrieben. "Aus Sicht der Betriebe wäre es besser, man sagt schon frühzeitig, dass das Risiko zu groß ist, als dass dann während der Ausbildung tatsächlich eine Abschiebung droht." Es sei kein Massenphänomen, betont Dercks, aber: "Es bleibt einfach schwierig."

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