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Medwedew ordnet erhöhte Sicherheit an

25. Januar 2011

Nach dem Terroranschlag an einem Moskauer Flughafen hat Russlands Präsident Dmitri Medwedew die laxen Sicherheitsvorkehrungen kritisiert. Unter den 35 Todesopfern ist auch ein Deutscher.

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Russische Polizisten bringen nach dem Anschlag einen Verletzten in Sicherheit (Foto: AP)
Russische Polizisten bringen nach dem Anschlag einen Verletzten in SicherheitBild: AP

Nach dem Selbstmordanschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedowo hat Präsident Dmitri Medwedew für einen deutlich schärferen Anti-Terror-Kampf plädiert. Russland brauche mit Blick auf die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und andere Großereignisse einen "maximalen Schutz vor Anschlägen". Das sagte Medwedew am Dienstag (25.01.2011) nach Angaben der Agentur Interfax bei einer Sitzung mit Vertretern des Inlandsgeheimdienstes FSB. Angesichts des Blutbads mit 35 Toten und 180 Verletzten auf dem Flughafen am Montag sprach Medwedew von klaren Signalen, dass der FSB seine Arbeit besser machen müsse als bisher.

Zugleich rügte der Kremlchef erneut die laxen Sicherheitsvorkehrungen auf dem Airport. Dort habe praktisch "Anarchie" geherrscht. Jeder habe dort kommen und gehen können, ohne kontrolliert zu werden. "Wir brauchen ein schärferes Kontrollsystem. Also eine totale Kontrolle. Wahrscheinlich wird sie länger dauern für die Passagiere, aber das ist der einzige Ausweg", sagte Medwedew. Zugleich forderte er eine harte Bestrafung der Verantwortlichen in der Regierung und in den Behörden, die für die Sicherheit im Personenverkehr verantwortlich seien.

Präsident Medwedew bei einer Besprechung nach dem Anschlag (Foto: dapd)
Präsident Medwedew bei einer Besprechung nach dem AnschlagBild: dapd

Auch der FSB müsse bei sich personelle Konsequenzen ziehen, verlangte der Präsident. Er kritisierte, dass die Zahl der Terroranschläge in Russland im vergangenen Jahr gestiegen sei. "Das ist für den FSB und andere Sicherheitsstrukturen ein ernstes Signal", betonte der Kremlchef. Nach ersten Befragungen des Personals auf dem Flughafen bestätigten auch Ermittler, dass es im Grunde keine Kontrollen im Warte- und Ankunftsbereich gegeben habe. Die Terroristen hätten keine großen Probleme gehabt, in das Gebäude zu marschieren, sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin.

Vermutlich Selbstmordanschlag

Die russischen Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass der Anschlag von einem Selbstmordattentäter verübt worden ist. Der Täter habe einen Sprengstoffgürtel getragen, hieß es. Laut Medienberichten war die Bombe mit Schrauben und Metallkugeln gefüllt, um ihre verheerende Wirkung zu verstärken. "Ich bringe Euch alle um", rief der Attentäter nach Angaben von Augenzeugen - bevor er seine Bombe zündete. Stunden nach dem Anschlag entdeckten Ermittler die Leiche des mutmaßlichen Attentäters, der als 30 bis 35 Jahre alter Mann mit "arabischem Aussehen" beschrieben wurde. Nach drei verdächtigen Männern wird gesucht.

Bislang bekannte sich niemand zu der Tat. Zu früheren Anschlägen in Moskau hatten sich Extremisten aus der russischen Kaukasus-Republik Tschetschenien bekannt. Im Nordkaukasus kämpfen islamistische Untergrundkämpfer für ein von Moskau unabhängiges "Emirat". Russland hat in der Region, zu der auch die muslimisch geprägten Teilrepubliken Dagestan und Inguschetien gehören, nach Behördenangaben etwa 24.000 Soldaten und Polizisten stationiert. Fast täglich kommt es zu blutigen Zwischenfällen.

Auch Deutscher unter den Opfern

Präsident Medwedew bei einer Besprechung nach dem Anschlag (Foto:dpa)
Rauch in dem Flughafen-Terminal nach dem AnschlagBild: picture-alliance/dpa

Die russische Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa teilte am Dienstag mit, bei dem Terrorakt seien mindestens 35 Menschen getötet und 126 verletzt worden. Wegen der Schwere vieler Verletzungen werde die Zahl der Toten vermutlich weiter steigen, sagte Golikowa. Bei dem Terroranschlag kam auch ein Deutscher ums Leben. Der 34-jährige Logistikspezialist aus Köln war für das Remscheider Heiztechnikunternehmen Vaillant nach Moskau gereist, um bei einer russischen Tochtergesellschaft Arbeitsabläufe zu verbessern.

Domodedowo im Südosten von Moskau gilt als der modernste Flughafen der russischen Hauptstadt. Er wird von 77 Gesellschaften angeflogen, die Verbindungen zu 241 Orten im In- und Ausland anbieten. Auch die Lufthansa und Air Berlin fliegen den Airport regelmäßig an.

Grauenhafte Szenen am Anschlagsort

Erste Augenzeugenberichte vermitteln einen Eindruck des Schreckens bei dem Anschlag in der Ankunftshalle von Domodedowo: Ein Amateurvideo auf Youtube zeigt ein von Rauch eingehülltes Flughafenterminal, in dem in einer Ecke Leichen liegen. Weitere Tote liegen zwischen Gepäckstücken verstreut auf dem Boden der Halle. An mehreren Stellen brennen kleinere Feuer.

"Es gab eine Explosion. Dann habe ich einen Polizisten gesehen, der mit Körperteilen und Blut bedeckt war", sagte ein Augenzeuge dem Radiosender Russkaja Sluschba Nowostei. Der Beamte habe nur geschrien: "Ich habe überlebt, ich habe überlebt."

En weiterer Augenzeuge, Mark Green, sagte der britischen BBC, zum Zeitpunkt der Explosion seien Tausende Menschen in dem Terminal gewesen. Sie seien aus dem Gebäude geströmt, einige seien blutverschmiert gewesen.

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen nach dem Anschlag (Foto: dpa)
Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen nach dem AnschlagBild: picture-alliance/dpa

Weltweites Entsetzen über Anschlag

International wurde die Tat scharf verurteilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, sie empfinde "Abscheu". In einem Schreiben an Medwedew sprach sie von einem "feigen Anschlag". Sie sagte dem russischen Präsidenten Unterstützung bei der Aufklärung zu.

Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff, warnte vor einer Polarisierung in dem Land. "Die große Gefahr ist, dass sich die russische Bevölkerung durch solche Verbrechen verunsichert fühlt", sagte der CDU-Politiker der "Passauer Neuen Presse". In der Folge könnten Gewalt und Diskriminierung gegenüber Nicht-Russen zunehmen. Zwar seien der polizeiliche Kampf gegen den Terror und die Ermittlungen nach dem Anschlag wichtig, ebenso entscheidend seien aber "Fortschritte bei der Integration der verschiedenen Ethnien in die russische Gesellschaft", betonte Schockenhoff.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete das Attentat als "abscheulichen Terrorakt gegen das russische Volk". UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem beklagenswerten Akt gegen unschuldige Menschen. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte Russland enge Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus zu. "Wir sind zusammen in diesem Kampf", sagte Rasmussen in Brüssel. "Das ist eine gemeinsame Bedrohung, die wir vereint angehen müssen."

Autor: Michael Wehling (dpa/dapd/rtr/afp)
Redaktion: Annamaria Sigrist