Medien in Südasien: Nicht nur über, sondern mit Geflüchteten sprechen | Asien | DW | 11.04.2019
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Asien

Medien in Südasien: Nicht nur über, sondern mit Geflüchteten sprechen

Flucht und Migration bestimmen das Leben von Millionen Menschen in Südasien. Medien können helfen, einen Dialog herzustellen. Die DW Akademie brachte Experten aus fünf Ländern zu einer Konferenz in Nepal zusammen.

Nepal Medienkonferenz DW Akademie in Kathmandu (Anisur Rahman)

Reporter Jawad Shah im Gespräch mit einer Geflüchteten aus Tibet in Kathmandu

Für Said Nazir ist es das Größte, die Freude in den Gesichtern seiner Reporter zu sehen, wenn sie sich zum ersten Mal selbst im Radio hören. Seine Reporter sind Binnenflüchtlinge, die innerhalb Pakistans vertrieben wurden. Als solche haben sie mehr Zugang zu sensiblen Themen als Außenseiter. Nicht nur einmal haben sie Geschichten aufgedeckt, die anschließend von großen internationalen Zeitungen aufgegriffen wurden. "Wir sollten mehr mit den Flüchtlingen sprechen, statt immer nur über sie", findet der Pakistaner, der in seiner Heimat mit Kollegen das Tribal News Network (TNN) gegründet hat.

Nepal Medienkonferenz DW Akademie in Kathmandu (Erol Gurian)

Besuch bei Rohingya-Flüchtlingen in Kathmandu

Das sehen die Kollegen vom Community Radio Naf im südlichen Bangladesch ähnlich. Auch hier werden Flüchtlinge als Bürgerreporter eingesetzt. Beide Projekte werden von der DW Akademie unterstützt.

Komplexe und sensible Themen

Konflikte und Armut haben Millionen Menschen in Südasien aus ihrer Heimat vertrieben. Der Klimawandel wird die Probleme weiter verschärfen – Experten rechnen für die nächsten zehn Jahre mit bis zu 20 Millionen neuer „Klimaflüchtlinge“ in der Region. Doch Flucht und Migration sind komplexe und gleichzeitig politisch und menschlich sensible Themen.

Nur wenige Journalisten und Journalistinnen in Südasien spezialisieren sich bisher darauf. Um diese zu stärken, lud die DW Akademie zusammen mit dem Centre for South Asian Studies kürzlich nach Kathmandu, Nepal, ein: Ausgewählte Journalisten, Medienexperten, Wissenschaftler, Repräsentanten der UN-Organisationen UNHCR und IOM sowie NGO-Vertreter aus Bangladesch, Pakistan, Indien, Sri Lanka und Nepal trafen sich zu einer dreitägigen Konferenz mit begleitenden Workshops, um sich zu vernetzen und sich über die Herausforderungen der Berichterstattung auszutauschen.

Nepal Medienkonferenz DW Akademie in Kathmandu (DW)

Die DW Akademie brachte Experten aus fünf Ländern zu einer Konferenz in Nepal zusammen.

Nicht nur Opfer oder Täter

"Studien aus Südasien zeigen, dass Journalisten unter dem Druck des redaktionellen Alltags eher Statistiken über Flucht und Migration veröffentlichen als mit den Menschen direkt zu sprechen", sagt Andrea Marshall, Projektmanagerin der DW Akademie. "Flüchtlinge werden außerdem oft entweder als Opfer – Vertriebene oder aber als Täter – Kriminelle – dargestellt. Wie deren normaler Alltag aussieht, kommt viel seltener zur Sprache. In anderen Teilen der Welt ist dieses so genannte Framing übrigens ähnlich."

Nepal Medienkonferenz DW Akademie in Kathmandu (DW)

Podiumsdiskussion, (von links): Samir Kuma Das, Indien, Said Nazir, Pakistan, Syed Tarikul Islam, Bangladesch und Mainul Khan, Bangladesch

In den Workshops und Podiumsdiskussionen der Konferenz sowie bei Treffen mit Flüchtlingen aus Tibet und geflüchteten Rohingya aus Myanmar wurde ausführlich diskutiert. Wer bekommt eine Stimme und wer nicht? Was wird veröffentlicht, was nicht und wieso ist das so? Wie wird man sich seiner eigenen Vorurteile bewusst? Und wie wird man, auch als Fotojournalist, seiner Verantwortung gerecht? Eröffnet wurde das Event unter anderem vom deutschen Botschafter in Nepal, H.E. Roland Schäfer, Dr. Nishchal Pandey, Direktor des Centre for South Asian Studies, und Michael Karhausen, Leiter Asien und Europa der DW Akademie.

Nepal Medienkonferenz DW Akademie in Kathmandu (DW)

Der deutsche Botschafter, H.E. Roland Schäfer im Gespräch mit Andrea Marshall, DW Akademie, und dem ehemaligen nepalesischen Außenminister, Madhu Raman Acharya.

Inder und Pakistaner nähern sich an

Während in Kaschmir die Spannungen zwischen Indien und Pakistan weiter zu eskalieren drohten, saßen in Kathmandu Konferenzteilnehmer aus beiden Ländern beim Frühstück zusammen. "Wir sprechen nicht direkt über den Konflikt. Aber indirekt beschäftigen wir uns natürlich schon damit, wenn wir gemeinsam erarbeiten, wie man verantwortungsvoll über Konflikte berichtet", sagt Elwalid Dardiry, Trainer der DW Akademie.

An der Konferenz nahm auch eine Journalistin teil, die selbst ein "Flüchtling" ist, das Wort aber nicht gerne benutzt: Sara Farid. "Ich fühle mich davon abgewertet", sagt die Pakistanerin. Sie berichtete in ihrer Heimat für internationale Medien vor allem über diskriminierte Minderheiten. Doch sie erhielt Drohungen von verschiedenen Seiten. Heute lebt sie deshalb mit ihrer Familie in Paris im Exil. Sie macht sich dafür stark, dass Geschichten erzählt werden, auch wenn es "weh tut" oder vielleicht sogar riskant ist. "Wer soll es erzählen, wenn nicht wir Journalisten?", fragt sie.

Trauma auf beiden Seiten

Wichtig ist, wie man an die Berichterstattung herangeht, findet Amantha Perera aus Colombo, Sri Lanka. Der Journalist ist Asien-Koordinator des DART Center für Journalismus und Trauma und rät seinen Kollegen und Kolleginnen, mehr zuzuhören und weniger Fragen zu stellen, wenn sie Flüchtlinge interviewen, die in ihrer Heimat mitunter Schlimmes durchlitten haben.

Nepal Medienkonferenz DW Akademie in Kathmandu (DW)

Mafia Akter Journalistin und Mitarbeiterin der DW Akademie aus Bangladesch und Chalika Sasikani Thangaraja, Dozentin aus Sri Lanka, im Gespräch

Für den bangladeschischen Zeitungsreporter Porimol Palma war es erhellend, wie er sagt, in Pereras Workshop zu erfahren, wie leicht Journalisten selbst traumatisiert werden können, wenn sie über Gewalt und Not berichten. "Obwohl das natürlich irgendwie auf der Hand liegt, war mir bisher nicht bewusst: „Wir Journalisten vernachlässigen oft unser eigenes Wohlbefinden, wenn wir über das Leiden anderer berichten", sagt er. "Aber wir können uns schützen." Er weiß schon, mit welchen Kollegen er das zuhause unbedingt besprechen will. 

Die Veranstaltung ist Teil des Schwerpunkts Flucht und Migration der DW Akademie. Sie wurde gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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