″Masters der Ausgrenzung″: Augusta ringt trotz Lee Elder immer noch mit dem Image | Sport | DW | 07.04.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Golf

"Masters der Ausgrenzung": Augusta ringt trotz Lee Elder immer noch mit dem Image

Beim wichtigsten Turnier des Golfsports schlägt Lee Elder zum Auftakt ab. Der 86-Jährige ist der erste schwarze Spieler, der einst beim US Masters teilnehmen konnte. Eine lange (Turnier-) Geschichte der Ausgrenzung.

Golfsport | Masters Tournament 2020 | Fred Ridley und Lee Elder

Lee Elder (r.) neben Fred Ridley, dem Vorsitzenden von Augusta National

Lee Elder hat sich mit der Eröffnung des diesjährigen US Masters an der Seite von Jack Nicklaus und Gary Player als Pionier im Golfsport unsterblich  gemacht. Elder wurde gebeten, den feierlichen ersten Schlag des Turniers vorzunehmen. An dem Ort, an dem er 1975 Geschichte schrieb. Damals wurde der heute 86-Jährige als erster schwarzer Spieler nach Augusta eingeladen. Ein Jahr zuvor hatte Elder die Monsanto Open in Florida gewonnen.

Zuvor waren die Türen zu den sanft geschwungenen Fairways und makellosen Grüns des Augusta National Golf Klubs über 40 Jahre lang für Schwarze verschlossen. Wenn ein Schwarzer Zugang zum Golfplatz erhalten wollte, war das nur als Bedienung in der Gastronomie, Reinigungskraft oder bestenfalls als Caddy möglich.

Es sollte weitere 15 Jahre dauern, bis der Klub 1990 sein erstes schwarzes Mitglied aufnahm. Und weitere 22 Jahre danach, im Jahr 2012, wurde dann die erste Frau in den Klub aufgenommen. So ist es also nicht gerade verwunderlich, dass das "Augusta National" in Sachen Inklusion noch immer weit hinter den meisten anderen Sportveranstaltungen hinterher hinkt.

USA Georgia | Masters at Augusta National Golf Club

Das Klubhaus von Augusta: Das Zuhause von Dennis Redmond, einem Plantagenbesitzer, wird 1854 erbaut

"Die letzte Bastion"

Der "Augusta National Golf Club", der unter den Sportstätten dieser Welt als wahre Ikone gilt, wurde vom Top-Golfer Bobby Jones in den frühen 1930er Jahren - auf dem Land einer ehemaligen Indigo-Plantage, das im Besitz von Dennis Redmond war - gegründet. Das berühmte Augusta-Klubhaus neben dem 18. Grün, erbaut 1854, ist Redmonds ehemaliges Wohnhaus.

"Wenn man sich die Ursprünge des ,Augusta National' ansieht, sagt das viel über die Gegenwart aus", sagt Charles Walker Jr., ein in Augusta geborener afroamerikanischer Geschäftsmann und Politiker, der DW. "Eine Gruppe der wohlhabenden Elite suchte nach einem schönen Ort, um diesen Golfplatz zu errichten. Augusta hatte eine Anziehungskraft aufgrund des warmen Klimas. Aber es gab auch viele Leute, die Augusta besuchten, weil Präsident (Woodrow) Wilson dort lebte. So wurde es zu einem Logenplatz der ,alten Garde' und der mächtigen Elite. Viele hielten Augusta für die letzte Bastion des ,good old boy system' in Amerika" - eine Art Vetternwirtschaft. 

USA Washington | Barack Obama überreicht Ehrenmedallie an ehemaligen Golfer Charles Siffort

Charlie Sifford (4.v.r.), der erste schwarze Spieler auf der PGA Tour, erhält 2014 die Medal of Freedom

Schwarze Spieler müssen ungewöhnlich lange warten

Die Verantwortlichen im Golfsport sind seit jeher sehr zögerlich darin, seine schwarzen Helden zu ehren. So musste Elder bis zu seinem 87. Lebensjahr warten, um diese Anerkennung zu erhalten. Und Jim Dent, ein in Augusta geborener Afro-Amerikaner und zwölffacher Turniersieger auf der PGA Tour, war auch schon jenseits der 80, als die Zufahrtsstraße zum Augusta National Golf Klub ihm zu Ehren in 'Jim Dent Way' umbenannt wurde. Das war im im Juni 2020. Aber es gibt noch weitere schwarze Spieler, die sich außergewöhnlich lange gedulden mussten. 

Charlie Sifford etwa gewann in den 1950er Jahren fünfmal in Folge die Negro National Open. Als er 1961 als erster Afro-Amerikaner an der "PGA Tour" teilnehmen durfte, lagen seine besten Jahre aber bereits hinter ihm. Auf der Tour wurde Sifford manchmal aus den Klubhaus-Restaurants verbannt und war rassistischen Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt. Später wurde er in die World Golf Hall of Fame aufgenommen. Im Jahr 2014 wurde er - im Alter von 92, wenige Monate vor seinem Tod -  von Präsident Barack Obama zudem mit der Medal of Freedom geehrt.

Tiger Woods, fünffacher Masters-Sieger und der wohl berühmteste Golfer aller Zeiten, benannte seinen Sohn Charlie nach Sifford. 

Diese Gesten der Ehrerbietung beim "Augusta National" sind allerdings nicht mehr als ein erster Schritt und wohl kaum mehr als ein Alibi. Der Turnierveranstalter - und der gesamte Golfsport - haben es bisher unterlassen, weitreichende Schritte zu unternehmen, um zu zeigen, dass sie es mit der Inklusion ernst meinen. Denn: Partnerschaften mit von Schwarzen geführten Unternehmen oder auch der Einstieg von Afroamerikanern in einflussreiche Positionen innerhalb des Golfsports sind nach wie vor eine Seltenheit.

"Es gibt langsam aber sicher Veränderungen", sagt Walker dennoch. "Seit dem Tod von George Floyd gibt es  Stipendien und Ausbildungsprogramme für Afroamerikaner. Und die Gemeinschaft befürwortet das. Aber man hat die Veranstalter einst als die Meister der Ausgrenzung bezeichnet. Ich glaube, es ist höchste Zeit, dass die Meister der Exklusion in Meister der Inklusion umbenannt werden können."

Weltspiegel 09.03.2021 | USA | George-Floyd-Demo in NEw York

Der Tod von George Floyd zwingt viele Unternehmen dazu, sich mit dem Mangel an schwarzen Mitarbeitern zu beschäftigen

"Illusion der Inklusion"

Trotz der sportlichen Erfolge von Elder, Dent, Sifford, Woods und vielen anderen schwarzen Spielern sind die Entscheidungsträger des Golfsports weiterhin überwiegend weiß und männlich. Im 19-köpfigen Vorstand der PGA of America - dem US-amerikanischen Verband der Berufsgolfer - sind 18 Mitglieder weiß und 16 männlich - niemand ist Afro-Amerikaner.

Einer der wenigen Afroamerikaner, die bei der PGA of America arbeiten, Wendell Haskins, wurde 2014 zunächst als Senior Director of Diversity and Multicultural Initiatives eingestellt - aber er entdeckte bald, dass seine Rolle ihm nur wenig Entscheidungsgewalt einräumte.

"Ich wurde als schwarzer Mann in einer Diversity-Rolle eingesetzt, weil es optisch zu dem passte, was zu der Zeit gebraucht wurde. Aber es gab keine wirkliche Macht oder Autorität, um die Dinge zu tun, die getan werden mussten", sagt Haskins der DW. "Ich habe die Rolle mit den besten Absichten übernommen, die Dinge auf einem sehr hohen Niveau zu tun, um die dunkle Geschichte des Golfsports zu überwinden. Der Tod von George Floyd zwingt die Menschen dazu, Anpassungen vorzunehmen. Und Golf ist da nicht anders. Aber diese Anpassungen geschahen nicht durch intellektuellen Diskurs. Es musste durch ein katastrophales Ereignis geschehen -  und weil alle anderen es auch tun." Und Haskins spart nicht mit Kritik. 

"Wenn also eine schwarze Person in einer Diversity-Rolle oder als Einflussnehmer eingestellt wird, sehe ich das als Trennung. 'Wir werden dir etwas geben, damit wir dich zum Verantwortlichen für die schwarze Sache machen, damit wir dieses Kästchen abhaken können.' Es ist die Illusion von Inklusion, denn Inklusion ist kein Spiel. Es ist keine Show. Entweder man ist der Gleichberechtigung verpflichtet oder nicht."

 Lee Elder und Wendell Haskins

Lee Elder (l.) mit Wendell Haskins

Bittersüßer Moment

Es werden zwar kaum Zuschauer aufgrund der COVID-19-Pandemie bei den Augusta National anwesend sein. Dennoch wird der Auftakt-Schlag von Elder ein bittersüßer Moment für Haskins sein. Es wird auf der einen Seite befriedigend für ihn zu sehen sein, dass der Mann, der Masters-Geschichte schrieb, für seine bahnbrechende Leistung geehrt wird. Auf der anderen Seite wird es bitter für Haskins sein, weil die Idee, dass Elder Ehrenspieler in Augusta sein soll, von ihm selbst während seiner Zeit bei der PGA of America kam.

Das "Augusta" National griff Haskins Gedanken auf und machte diesen zu einem zentralen Bestandteil seiner Pläne. Doch Haskins bekam als Initiator nicht einmal einen Dank bei der Verwirklichung dieser Idee. "In erster Linie werde ich mich für Lee und seine Familie freuen", sagte Haskins. "Er ist 86 Jahre alt und genau wie Charlie Sifford und Jim Dent haben sie gegen so viel Ungerechtigkeit gekämpft und so viele Barrieren überwunden. Diese Momente der Anerkennung an ihrem Lebensabend bedeuten ihnen sehr viel. Es wird historisch sein und es wird vielen Menschen viel bedeuten. Mich eingeschlossen." Aber dennoch ist Haskins ein wenig verbittert. 

"Mir persönlich tut es ein bisschen weh, diese Idee zu haben und nicht anerkannt zu werden. Das ist die Art von Momenten, von denen ich geträumt habe, sie zu erreichen. Nun tut es weh, nicht Teil davon zu sein. Aber manchmal muss man erkennen, dass es eine gute Chance gibt. Dass man aber für einige der Dinge, die man getan hat, nie Anerkennung erhält. Ich bin einfach glücklich, dass dieser Moment Lees Vermächtnis zementieren wird und den Fortschritt symbolisiert", sagt Haskins. 

"Das Schweigen brechen"

Politiker Walker sieht derweil eine Gelegenheit, auf dem Elder-Auftritt und dem Tod von George Floyd aufzubauen, um das "Augusta National" zu dauerhaften Veränderungen zu drängen. "Wenn das Masters wirklich integrieren will, kann es nicht einfach eine schwarze Person als Leiter eines Diversity-Programms einstellen. Sie sind eine private Institution, also können sie Entscheidungen treffen, Geschäfte mit schwarzen Unternehmen in Augusta und Georgia zu machen. Ob es um die Herstellung von Kleidung, Waren, Transport, Catering geht. Wir haben bereits gesehen, dass Unternehmen wie Google, Apple und PayPal diese Verpflichtung eingegangen sind", sagt Walker.

"Das ,Augusta National' hat aber eine Verantwortung", fügt er hinzu. "Eine Verpflichtung, die über die Gesten und Symbolik hinausgeht und die schwarze Gemeinschaft erreichen muss. Wir sehen einige Fortschritte von Afro-Amerikanern in der Geschäftswelt. Aber jetzt gibt es eine Gelegenheit für ein solides Engagement. Man muss das Schweigen brechen."

Haskins möchte endlich mit einem Tabu brechen: "Es gibt eine Sache, die man im Golfsport nicht tut, und das ist über Augusta [und Inklusion - Anm. d. Red.] zu reden. Reden ist ein todsicherer Weg, um nicht willkommen zu sein. Das muss sich ändern."

Die DW bat das "Augusta National" und die PGA of America um einen Kommentar, erhielt aber keine Antwort.

(Adaption Calle Kops)

Die Redaktion empfiehlt