Mariupols unermüdlicher Kampf gegen Russland | Europa | DW | 03.12.2018
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Ukraine

Mariupols unermüdlicher Kampf gegen Russland

Nicht weit von der Krim entfernt kämpft die ukrainische Hafenstadt Mariupol ums Überleben. Russland ist stets präsent und hält den Schiffsverkehr unter Kontrolle - seit der jüngsten Eskalation stärker als je zuvor.

Dmytro Yeremenko steht auf seinem Dach. Vor ihm erstreckt sich Mariupol: der Hafen mit seinen vielen leeren Kais, die Stadt selbst und die riesigen Stahlwerke, die alles überschatten und Zehntausenden Arbeit geben. Am Horizont zeigt Yeremenko auf einen Leuchtturm, der das Ende des Regierungsgebiets markiert. Dahinter liegt die Frontlinie mit den Separatisten, die von Russland unterstützt werden; alles nur 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Aber das will Yeremenko eigentlich gar nicht zeigen. Der Chefingenieur des Hafens in Mariupol, im Osten der Ukraine, möchte die Aufmerksamkeit auf seinen ganzen Stolz lenken: ein mit nagelneuen Solarmodulen bedecktes Dach - ein Zukunftsprojekt. Aber: Wie sieht die Zukunft aus, hier im Hafen und in der Stadt, wenn Russland kontrolliert, wer in das Asowsche Meer einlaufen darf? Jenes kleine Meer, das zwischen der umkämpften Halbinsel Krim und dem russischen Festland, zwischen Mariupol und dem Schwarzen Meer liegt.

Krim-Brücke schwächt Mariupol

Schon bevor Russland am 25. November drei ukrainische Militärschiffe auf dem Weg nach Mariupol aufbrachte und beschlagnahmte, lief es für die Hafenstadt nicht gerade gut. Der seit 2014 wütende Konflikt zwischen der ukrainischen Regierung und den pro-russischen Separatisten hat Mariupol vom größten Teil der industriell geprägten Region abgeschnitten. Einer der größten Rückschläge: die Fertigstellung der neuen Krim-Brücke. Im Mai 2018 eröffnete der russische Präsident Wladimir Putin höchst persönlich das Bauwerk über die Straße von Kertsch, die das Asowsche mit dem Schwarzen Meer verbindet und die Krim von Russland trennt. Große Frachtschiffe, die sogenannte Panamax-Klasse, passen nicht unter der Brücke hindurch - sie können die Meerenge also nicht mehr passieren. Früher transportierten sie mehr als 40 Prozent der über Mariupol gehandelten Güter.

Ukraine Mariupol Artillerieboote (Foto: DW/N. Connolly )

Wenige ukrainische Artillerieboote sind noch in Mariupol stationiert - ähnliche Schiffe hat Russland jüngst beschlagnahmt

Als wäre das nicht schon genug, klagt Kiew, verstärke Moskau die Schikanen gegen ukrainische Schifffahrtsunternehmen unentwegt. So legen ausgeklügelte Sicherheitschecks des russischen Geheimdiensts FSB den Verkehr unter der Krim-Brücke regelmäßig lahm. Wartezeiten von mehr als einer Woche sind nicht selten. Dieses Vorgehen hält viele ausländische Reeder mittlerweile ganz davon ab, ihre Schiffe ins Asowsche Meer zu schicken. Ukrainische Beamte werfen Russland seit der jüngsten Eskalation vor einer Woche sogar vor, kein einziges Schiff mehr die Meerenge passieren zu lassen.

Top-Ziel für Russland

"Mariupol ist die Ukraine!", heißt es auf einem riesigen, zerfetzten Plakat, das trotzig die ausgebrannten Ruinen des ehemaligen Rathauses flankiert. Das Gebäude ging im Mai 2014 in Flammen auf, als pro-russische Separatisten zwei Monate lang die Stadt kontrollierten. Aber auch nach der Rückkehr ukrainischer Regierungstruppen nach Mariupol ging das Inferno weiter, ebenso das Töten. Beobachter vermuten seit langem, dass die Hafenstadt eines der Top-Ziele wäre, sollten die Separatisten eine neue Offensive starten.

Karte Asowsches Meer Ukraine Russland DE

Die Menschen in Mariupol halten sich von der Frontlinie fern. Viele sind zu müde, um sich wirklich zu sorgen. Einen "Notfallkoffer" fertig gepackt zu haben, ist für sie nichts anderes als gesunder Menschenverstand. Aber es gibt auch andere Stimmen.

Vor allem jüngere Menschen zeigen sich wenig beeindruckt - sie sind mehr oder weniger mit Checkpoints und Granateinschlägen aufgewachsen. "Alles ist in Ordnung", sagt ein junger Mann. "Die Menschen haben sich bereits an solche Dinge gewöhnt. Für uns ist diese Situation überhaupt nicht ungewöhnlich."

Kampf gegen ehemalige Kameraden

Auf dem Meer ist die Lage angespannter: An Bord der "Donbas", dem Flaggschiff der ukrainischen Flotte auf dem Asowschen Meer, sind die Spannungen mit dem großen Nachbarn allgegenwärtig. Die meisten Crewmitglieder kennen die Männer, die bei dem Vorfall in der Meerenge von Kertsch verhaftet und jetzt in Moskau festgehalten werden. Aber sie kennen auch die "Kollegen" auf russischer Seite gut: Vor der Annexion der Krim waren die meisten ukrainischen Seestreitkräfte auf der Halbinsel stationiert - neben der russischen Schwarzmeerflotte, die ihren Hauptstützpunkt Sewastopol nie verlassen hat. Auch nicht während der Zeit, in der die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion die Krim kontrollierte.

Ukraine Mariupol Maxym Nosenko (Foto: DW/N. Connolly )

Offizier Nosenko glaubt nicht, dass die ukrainische Flotte wieder stärker wird

Als Moskau die Krim in Beschlag nahm, standen die ukrainischen Seeleute dort vor der Wahl: an Ort und Stelle bleiben und damit Russland die Treue zu schwören oder ihre Heimat verlassen, um weiter der Ukraine zu dienen. Die meisten Seeleute entschieden sich für die Ukraine. Doch bei jeder Konfrontation mit Russlands Flotte sehen sie Männer, die einst dieselbe Uniform trugen wie sie selbst.

Schwache Flotte, starker Gegner

Offizier Maxym Nosenko erzählt, auch er habe sein altes Leben auf der Krim aufgegeben, um in Mariupol zu dienen. Er glaubt aber nicht, dass die neue ukrainische Flotte im Asowschen Meer ernsthaft die Position Russlands in der Region bedrohen könnte - ein Argument, das der Kreml immer wieder vorbringt, um die Schließung der Meerenge zu rechtfertigen. "Im Moment hat Russland viel mehr Schiffe in der Region als die Ukraine - sei es die Küstenwache, FSB-Schiffe oder die Russische Schwarzmeerflotte. Das ist überhaupt kein Vergleich", sagt Nosenko.

Nach einem Blick in den Hafen von Mariupol fällt es schwer, ihm zu widersprechen. Abgesehen von der fast 50 Jahre alten "Donbas" besteht die ukrainische Marine in der Region aus kleinen Patrouillenbooten, die kaum größer als ein Ausflugsdampfer sind.

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Leben im Konfliktgebiet: Alltag an der Krim-Brücke

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