Marc Elsberg: ″Wer definiert eigentlich, was perfekt ist?″ | Bücher | DW | 29.11.2018
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Gentechnik

Marc Elsberg: "Wer definiert eigentlich, was perfekt ist?"

Genmanipulierte Babys in China? Wohin die Suche nach dem "perfekten Menschen" führen kann, hat der österreichische Autor Marc Elsberg bereits in seinem Roman "Helix" beschrieben. Ist er überrascht?

Am Anfang steht der Tod des US-Außenministers, verursacht durch ein genetisch modifiziertes Virus. Ermittler gelangen nach und nach auf die Spur eines geheimen Projekts, das zum Ziel hat, kommende Generationen von Menschen per Gentechnik als Designerbabys aufwachsen zu lassen. Der Roman "HELIX - Sie werden uns ersetzen" des österreichischen Schriftstellers Marc Elsberg erschien 2016 im Münchener Blanvalet Verlag.

Die apokalyptische Vision des Autors erweist sich als erschreckend aktuell, seit ein chinesischer Wissenschaftler am Wochenende die Geburt genmanipulierter Babys verkündet hat. 

DW: Herr Elsberg, in China verkündet ein Wissenschaftler die Geburt genmanipulierter Babys. Überrascht Sie die Nachricht?

Marc Elsberg: Nicht wirklich. Als ich gerade begonnen hatte, an "Helix" zu schreiben, kamen erste Meldungen, dass solche Experimente, nach denen jetzt angeblich diese Babys geboren wurden, schon durchgeführt wurden. Damals hat man die befruchteten Eizellen relativ schnell wieder zerstört. Aber genau diese Experimente gab es schon. Es ging auch um HIV. In einem zweiten um eine Blutkrankheit.

Unter den meisten Wissenschaftlern ist Genmanipulation beim Menschen verpönt. Zu Recht?

Bei den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten auf jeden Fall. Und grundsätzlich haben wir das ethische Problem, dass wir hier an zukünftigen menschlichen Wesen, salopp gesagt: herumbasteln, die ihrerseits keinen Einfluss darauf haben.

Unter heutigen ethischen Maßstäben ist das eine eklatante Verletzung der Menschenwürde.

Gibt es den perfekten Menschen?

Wer definiert, was perfekt ist? Der Mensch ist letztlich auch nur irgendeine Entwicklungsstufe im organischen Leben. Und wenn ich mir die acht Milliarden da draußen anschaue, jeder ein bisschen anders: Was bitte soll da perfekt sein?

"Verletzung der Menschenwürde"

In Ihrem Buch "Helix" haben Sie eine Welt beschrieben, in der Genmanipulation kurz vor dem Durchbruch steht. Was hat Sie an dem Thema so fasziniert?

Einerseits der technische Fortschritt der letzten Jahre, allen voran natürlich die neue CRISPR/Cas-Technologie. Andererseits die neuen Möglichkeiten bei der Analyse von Genomen. Damit kann man heute immer genauer erfahren: Gen XY ist zum Teil verantwortlich für diese Eigenschaft oder jenes Verhalten. Inzwischen wissen wir, dass das sehr komplexe Mechanismen sind.

Marc Elsberg

Marc Elsberg

Außerdem habe ich in meinem Umfeld immer öfter dieses Sich-selbst-verbessern, das Bemühen um Selbstoptimierung beobachtet - sogar bei den Kindern! Kinder werden schon im Kindergartenalter in Sprachkurse geschickt, gefördert bei Musik und Sport, mit Zusatzwissen gespickt, damit sie in den kommenden Wettbewerben um gute Jobs, um Partnerinnen, um Weiß-der-Teufel was, möglichst gut bestehen können.

Meine Überlegung war: Was, wenn diese zwei Aspekte zusammenkommen? Was, wenn Eltern, die ihren Kindern möglichst gute Zukunftschancen verschaffen möchten, Zugriff hätten auf Technologien, die ihren Kindern von vornherein potentiell höhere Chancen geben?

"Wer setzt die Normen?"

Diese Haltung, "Optimierung über alles", bildet die einen guten Nährboden für solche Menschenversuche?

Auf jeden Fall. Natürlich ist nichts falsch daran, Dinge besser zu machen. Die Frage ist nur: Wer bestimmt, was besser ist?

In "Helix" werden die Eltern vor die Frage gestellt, welche Eigenschaften sie bei ihrem Kind bestimmen wollen. Da geht es dann um Dinge wie körperliche Leistungsfähigkeit, geringeren Energieverbrauch, um Aussehen, Größe, Intelligenz. Worum es nie geht, ist Kooperationsfähigkeit oder Freundlichkeit, Eigenschaften, die in unserer kompetitiven westlichen Welt als positiv begriffen werden.

Was, wenn sich jemand die Macht aneignet, diese Dinge zu bestimmen?

In anderen kulturellen Kontexten scheint es leichter zu solchen Experimenten zu kommen.

In China paart sich diese Meldung mit einer anderen Tendenz. Informationstechnologie wird eingesetzt, um das Verhalten von Menschen zu steuern. Eine gefährliche Entwicklung?

Was in China mit dem Social-Credit-System entsteht, ist ein Alptraum. Da wird gerade "1984" gebastelt, in einem Ausmaß, wie sich George Orwell das nicht hätte vorstellen können. Letztlich wird es für diese Gesellschaft ein großer Nachteil sein, aber die Entwicklung ist ausgesprochen besorgniserregend.

Symbolbild DNA-Fehler (picture-alliance)

Error: Fehler in der DNA?

Dem müssen wir bei uns vorbeugen. Aber was nicht weniger dramatisch ist, wie wir uns in den letzten Jahren geradezu freiwillig in ähnliche Systeme begeben haben - nur dass diese nicht staatlich gesteuert werden. Der große Unterschied ist, wir können noch darüber diskutieren und sogar Mittel und Maßnahmen dagegen ergreifen.

Was muss jetzt passieren? Brauchen wir sowas wie eine Internationale Genmanipulation-Überwachungsbehörde, wie bei der Atomkraft?

Dazu müsste man sich erst einmal international verständigen können. Nach den ersten Versuchen, die damals bekannt wurden, gab es eilig Konferenzen führender Genetiker. Die konnten sich nicht einmal auf ein Moratorium für Versuche an Menschen einigen. Die Frage ist, ob das jetzt eher gelingen kann. Die internationale politische Lage stimmt mich da nicht sehr optimistisch.

Marc Elsberg, Jahrgang 1967, heißt eigentlich Marcus Rafelsberger. Unter seinem Wahlnahmen veröffentlichte der österreichische Schriftsteller die meisten seiner bisher sieben Romane. Sein jüngster ("Helix - Sie werden uns ersetzen") kreist um das Thema Genetik.

Mit Marc Elsberg sprach Stefan Dege.

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