Mali und der Wunsch nach Sicherheit | Afrika | DW | 10.08.2015
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Afrika

Mali und der Wunsch nach Sicherheit

Mali erlebt eine neue Welle terroristischer Anschläge. Die Bevölkerung lebt in Angst. Hilfe kam zuletzt aus der malischen Armee. Sollte sich auch die Bundeswehr stärker engagieren?

In Malis Hauptstadt Bamako hat die sitzungsfreie Zeit begonnen. Eine Gelegenheit für die Abgeordneten, sich wieder in die Heimat aufzumachen, um den Kontakt zur Basis aufzufrischen. Für viele Abgeordnete aus dem Norden des Landes kommt das aber nicht infrage. Dédéou Traoré, Abgeordneter für den Ort Niafounké in der Region Timbuktu, wird in Bamako bleiben. "Dort anzukommen, ist nahezu unmöglich", sagte Traoré der DW. Alle Straßen nach Niafounké seien gefährlich: "Entweder überfallen und töten sie dich, oder du trittst auf eine Mine."

Verwüstetes Zimmer im Hotel Byblos Foto: AFP/Getty Images

Verwüstetes Zimmer im Hotel Byblos

Wehmütig denkt der Abgeordnete an seinen letzten Besuch im Dezember 2014 zurück. Auch damals hätten ihn die Menschen schon gewarnt. "Aber ich bin dennoch nach Niafounké gereist. Ich hatte nicht einmal einen Leibwächter bei mir." Jetzt häufen sich die Angriffe in Traorés Heimatregion. Noch am Montag kamen bei Überfällen 100 Kilometer östlich von Timbuktu zehn Menschen ums Leben. Und die Kleinstadt Sévaré, auf dem Weg von Bamako nach Timbuktu nahe der Stadt Mopti gelegen, wurde am Freitag Ziel eines mutmaßlich islamistischen Anschlags. Eine Geiselnahme in dem Hotel Byblos, die am Sonntag blutig beendet wurde, kostete mindestens 13 Menschen das Leben, darunter mehrere UN-Mitarbeiter.

Islamisten, nicht Separatisten verüben die Anschläge

Zu dem Angriff bekannte sich Souleyman Mohamed Kennen, ein dschihadistischer Anführer und Vertrauter des islamistischen Predigers Amadou Koufa. Der Prediger habe seinen Segen für die Attacke gegeben, sagte Kennen gegenüber der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Er kündigte zudem "weitere Angriffe auf die Feinde des Islams" an.

Zunächst hatten Ermittler die islamistische "Befreiungsfront von Macina" (FLM) hinter der Geiselnahme vermutet. Die FLM soll in Verbindung zu Ansar Dine stehen, einer Miliz, die im Bürgerkrieg 2012 selbst große Teile von Malis Norden unter ihrer Kontrolle hatte. Die jüngsten Überfälle spielten sich aber außerhalb dieses Kerngebiets in Nordmali ab, das seit 2012 im Zentrum eines Konflikts steht. Immer häufiger ist auch Malis Süden betroffen. "Es ist schwer zu sagen, ob diese Angriffe alle koordiniert waren", sagt Westafrika-Experte Paul Melly vom britischen Thinktank Chatham House. "Um einen Terroranschlag zu verüben, einige Geiseln zu nehmen oder für ein paar Minuten einen Militärstützpunkt unter Beschuss zu nehmen, braucht es nur eine kleine Zahl von Menschen." Kein Land könne diese Art der Übergriffe effektiv bekämpfen - auch nicht, wenn es die militärischen Mittel radikal aufstockt.

Erst Ende Juni hatten mehrere Separatistengruppen einen Friedensvertrag mit der Regierung unterschrieben, der Experten Grund zur Annahme gibt, dass sich die Lage stabilisieren könne. Das für die Friedensvermittlungen wichtige Tuareg-dominierte Bündnis "Koordination der Azawad-Bewegungen" (CMA) hatte am Sonntag "die terroristischen Anschläge" und die Geiselnahme von Sévaré in einer Stellungnahme verurteilt. Mali-Experte Paul Melly zeigt sich davon wenig überrascht. Auch wenn es persönliche Verbindungen zwischen den säkularen und den islamistischen Rebellengruppen in Mali gebe, seien diese von Anfang an getrennte Wege gegangen. Die Islamisten hätten sich nicht ohne Grund aus den Friedensverhandlungen herausgehalten: "Sie haben per Definition einen Absolutheitsanspruch, der sich nicht mit einem säkularen malischen Staat vereinen lässt", so Melly im DW-Interview. Sévaré sei ohnehin weitab vom Kerngebiet der Tuareg-Rebellen, die stärkere autonome Strukturen für Nordmali, das so genannte "Azawad", forderten. Diese seien vor allem in der Region Kidal aktiv.

Zeit für weitere deutsche Militärhilfe?

In Sévaré war es die malische Armee, die das Geiseldrama nach 24 Stunden beendete. Das sei ermutigend und wichtig für das Selbstbewusstsein des Landes, sagt Melly. Es handelte sich aber um eine Spezialeinheit, die für solche Situationen geschult sei. Trotz intensiver Trainings, die die Europäische Union seit Beginn des Konflikts in Mali durchführt, sei ein Großteil dieser Armee noch nicht in der Lage, so effektiv zu arbeiten.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit Bundeswehrsoldaten bei der Kommandoübergabe der EUTM Foto: dpa

Bundesverteidigungsministerin mit Bundeswehrsoldaten bei der Kommandoübergabe der EUTM

Just in diesen Tagen wurden Überlegungen der deutschen Bundeswehr öffentlich, sich stärker in dem Land zu engagieren. Demnach könnte Deutschland Soldaten auch in den Norden Malis schicken. Bisher ist es nur im Süden des Landes im Rahmen der EU-Trainingsmission EUTM mit 160 Soldaten präsent. SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich hält den Zeitpunkt im DW-Interview für günstig. Er sieht in dem neuen Friedensvertrag ein Zeichen, "dass die Konfliktakteure bereit sind, sich auszusöhnen, dass ein transparenter Prozess im Gange ist." Zunächst müsse es aber im Deutschen Bundestag ein Gespräch darüber geben, so Mützenich. Nicht zuletzt zählt auch die Sicherheit der deutschen Soldaten.

Allen Gefahren zum Trotz: Ein Ausbildungseinsatz auch im Norden des Landes sei notwendig, findet Henner Papendieck, ehemaliger Leiter des Nord-Mali-Programms der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Mali. Wie gefährlich ein solcher Einsatz sei, werde sich "im Laufe der Zeit herausstellen". Papendieck geht aber davon aus, dass Deutschland weiter in der Ausbilder-Rolle bleiben werde: "Die eigentlich kämpfenden Truppen sind die Franzosen und das werden sie wohl auch bleiben."

Mitarbeit: Mark Caldwell, Yaya Konaté

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