Maiti Nepal: Tanzen, um zu vergessen | Asien | DW | 22.09.2015
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Asien

Maiti Nepal: Tanzen, um zu vergessen

Auf der Bühne versprühen die zehn Mädchen aus Nepal pure Lebensfreude. Dabei hat jede von ihnen Schlimmes durchgemacht - bevor sie im Zentrum der Hilfsorganisation Maiti Nepal ein Zuhause fanden. Und Geborgenheit.

Wenn Sita tanzt, dann strahlt sie. Man kann sehen, dass sie sich wohl fühlt. Im Takt der Musik wirbelt sie durch die Turnhalle in Köln-Mülheim, zeigt den Schülerinnen und Schülern der Elly-Heuss-Knapp-Realschule die richtige Schrittfolge eines nepalesischen Tanzes. Dabei zählt sie laut mit: One, two, three, four, five, six, seven, eight. Und wieder von vorn.

Gemeinsam mit neun anderen Mädchen zwischen zwölf und 20 Jahren ist Sita nach Deutschland gekommen. Sie alle nehmen an der diesjährigen KinderKulturKarawane teil - einem internationalen Sozial- und Kulturprojekt unter Schirmherrschaft des UN-Kinderhilfswerks UNICEF. Jugendliche aus Asien, Afrika und Lateinamerika treten dabei zurzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf, führen Workshops durch und geben ihren europäischen Altersgenossen einen Einblick in ihr Leben.

Behandelt wie menschlicher Abfall

Tänzerin Sita beim Workshop von Maiti Nepal mit Schülerinnen und Schülern der Elly-Heuss-Knapp-Realschule in Köln-Mülheim (Foto: DW/E. Felden)

Energiebündel: Beim Tanzen blüht Sita auf

Normalerweise wohnen die Mädchen im Zentrum der Hilfsorganisation Maiti Nepal in Kathmandu, zusammen mit rund 500 anderen. Man sieht ihnen nicht an, was für traurige Geschichten sie hinter sich haben.

Maiti Nepal engagiert sich gegen Zwangsverschleppung und Zwangsprostitution. Beides ist an der Tagesordnung in einem Land, in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen 2013 umgerechnet knapp 650 Euro betrug. Die Familien sind dringend auf jede zusätzliche Einnahmequelle angewiesen. Menschenhändler nutzen diese wirtschaftliche Not brutal aus. Sie ködern mit verlockenden Angeboten, stellen zum Beispiel einen Job als Haushaltshilfe in Indien in Aussicht, Jahresgehalt zwischen 1600 und 2400 Euro. Ein Vermögen.

Tatsächlich erwartet die Mädchen am Zielort die Hölle. Sie landen in den indischen Großstädten in Bordellen, müssen täglich teils dutzende Freier bedienen. Eine versklavte Pubertät, geprägt von Missbrauch und oft auch Drogen. Meist jahrelang vegetieren die Opfer vor sich hin, funktionieren - bevor sie gewissermaßen "ausgedient" haben, körperlich und psychisch so zerstört sind, dass man mit ihnen kein Geld mehr verdienen kann. Dann werden sie abgestoßen. Ins Nichts.

Die Begegnung, mit der alles begann

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Im Rahmen der KinderKulturKarawane tritt die Gruppe auf mit traditionellen und modernen nepalesischen Tänzen

Viele haben Krankheiten wie HIV/Aids oder Hepatitis. In der Gesellschaft ist für sie kein Platz. Bei Maiti Nepal schon. Seit 1993 gibt es die Organisation. In Nepals Hauptstadt Kathmandu hat sie ein großes Schutz- und Wohnzentrum aufgebaut - mit eigener Schule und Hospiz. Daneben gibt es im Land elf weitere Anlaufstellen an wichtigen Grenzpunkten, die sogenannten "Transit Homes". Hier können Frauen, die aus Indien zurückkehren, Zuflucht suchen. Auch Waisenkinder nimmt Maiti auf.

Gegründet wurde Maiti Nepal von Anuradha Koirala. Früher arbeitete sie als Englisch-Lehrerin, dann lernte sie Geeta kennen - eine Begegnung mit Folgen. Denn die Lebensgeschichte der HIV-infizierten, ehemaligen Zwangsprostituierten, die schon als Kind in ein indisches Bordell verschleppt worden war, ließ in ihr den Entschluss reifen: Ich möchte etwas tun, um Frauen wie Geeta zu helfen.

Eine "Mutter" für Zehntausende

Die heute 66-jährige Anuradha Koirala ist klein und zierlich. Und sie strahlt eine enorme Kraft aus. "Ich erlebe jeden Tag das Leid und die Qualen der Mädchen. Genau das motiviert mich, für meine Kinder zu kämpfen, so gut und so lange ich kann." Für ihr Engagement wurde Koirala im Jahr 2010 mit dem CNN Hero of the Year Award ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr erhielt sie außerdem den Mother Teresa Award.

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Anuradha Koirala: "Diese Geschichte gibt mir Kraft und Motivation"

Was die zehn Mitglieder der Tanzgruppe erlebt haben, darüber lässt sie keine Fragen zu. Es sei zu schmerzhaft. Stellvertretend für die Schicksale der Mädchen erzählt sie die Geschichte einer Frau. Eine schöne und todkranke Frau, die ihre eigene Herkunft und Familie nicht kannte. Sie war einfach zu jung, als sie verschleppt wurde. Nach mehr als 15 Jahren im Bordell kehrte sie aus Indien zurück nach Nepal. Ihren letzten großen Wunsch, möglichst viele Tempel zu besichtigen und dort Kerzen anzuzünden, konnte Koirala ihr erfüllen. Ihr Leben retten konnte sie nicht.

Aber selbst im Tod war sie noch ein Mensch dritter Klasse. "Ich wollte sie in einem Krematorium verbrennen lassen", berichtet Koirala. Aber niemand habe die Leiche nehmen wollen. Als sie schließlich doch jemanden fand wollte der fast das zehnfache des normalen Preises. "Warum, fragte ich ihn. Er antwortete: Weil sie HIV hatte und von Maiti Nepal kommt."

Anuradha Koirala klingt bitter, als sie das erzählt. "Was ist mit den Rechten dieser Frau? Sie hatte keine, weil sie ausgebeutet wurde seit sie sieben Jahre alt war. Sie wurde ihrer Jugend und ihrer Jungfräulichkeit beraubt, wurde schwer krank. Gelten die Menschenrechte für sie nicht?"

Kinder im Hof des Zentrums der Hilfsorganisation Maiti Nepal in Kathmandu (Foto: Gábor Halász)

Auch Waisenkinder, Kinder von Häftlingen oder von ihren Eltern verlassene Kinder finden bei Maiti Nepal ein Zuhause

Ankommen und Ruhe finden

Wenn neue Mädchen im Zentrum von Maiti Nepal ankommen, sind sie meist so traumatisiert, dass sie gar nicht in der Lage sind, zu sprechen. Das müssen sie auch nicht, erklärt Anuradha Koirala. "Ich lasse sie eintreten und erstmal ausruhen. Ich stelle ihnen keine Fragen. Ich warte, bis sie von sich aus erzählen, was mit ihnen passiert ist." Das könne manchmal mehrere Wochen oder gar Monate dauern, sagt sie.

"Viele denken, sie kommen von einem gefährlichen Ort an einen anderen. Es dauert, bis sie vertrauen können. Aber durch die Nähe der anderen Kinder und die Wärme, die ihnen hier entgegengebracht wird, ändert sich das nach und nach."

Wenn Sita an ihr Leben vor Maiti Nepal denkt, dann weint sie. Maiti Nepal bedeute ihr alles, sagt sie stockend. Dann schlägt sie die Hände vors Gesicht. Anuradha Koirala streicht ihr über den Arm, klopft liebevoll auf die Schulter. "Maiti Nepal ist meine Zukunft", fährt Sita fort. "Die Menschen dort haben mir so viel Unterstützung und Liebe gegeben."

Leichte Beute für Menschenhändler

Maiti-Nepal-Tänzerinnen sitzen auf dem Boden einer Turnhalle in Köln-Mülheim (Foto: DW/E. Felden)

Tanzen ist für viele Mädchen bei Maiti Nepal zu einem zentralen Lebensinhalt geworden

Behutsam versucht das Personal, die Mädchen wieder aufzubauen, betreut sie medizinisch, psychologisch und auch juristisch. Denn nach Möglichkeit versucht die Organisation, die Männer ausfindig zu machen, die die Mädchen damals verkauft haben - und sie dann vor Gericht zu stellen. "So ein Gerichtsverfahren dauert bis zu anderthalb Jahre. Währenddessen bleiben die Mädchen bei uns. Denn die Gefahr, dass sie von der Familie des Kriminellen bestochen wird, ist groß."

In dieser Zeit bekommen die Mädchen auch außerschulisches Training und Weiterbildung, so dass sie vorbereitet sind auf eine Rückkehr in die Gesellschaft. Das, sagt Koirala, sei ihr größtes Ziel: "Es macht mich immer stolz, wenn ich sehe, dass meine Mädchen gebildet sind, dass sie zur Schule gehen und ihre Menschenwürde wiedererlangt haben."

Seit einigen Monaten hat sich die Situation an Nepals Grenzen wieder verschlimmert, werden mehr Mädchen nach Indien gebracht. Grund dafür sind die beiden schweren Erdbeben, von denen Nepal im Frühjahr getroffen wurde. Viele Kinder haben dadurch ihre Eltern verloren. "Diese Kinder sind einfache Beute für Menschenhändler. Sie können praktisch jederzeit angelockt und verschleppt werden", sagt Koirala.

Zukunftsträume von der Bühne

Tänzerin Sita in traditionellem Gewand beim Auftritt (Foto: DW/E. Felden)

Viele der Tänzerinnen träumen davon, später professionell auf der Bühne zu stehen

Über die genauen Schicksale der Mädchen, mit denen sie zweieinhalb Stunden lang in der Turnhalle den nepalesischen Tanz einstudieren, wissen die Schüler der Elly-Heuss-Knapp-Realschule nichts. Das ist auch so geplant. Nach dem Workshop sind die Jugendlichen begeistert: Es sei toll gewesen, einen kleinen Einblick in die fremde Kultur zu bekommen, sagt eine Schülerin. Alle sind stolz, dass sie innerhalb kurzer Zeit die fast fünfminütige Choreografie mehr oder weniger fehlerfrei tanzen können.

Für Sita steht fest: Sie möchte ihre Leidenschaft später auch zum Beruf machen. "Ich liebe das Tanzen. Ich will Tänzerin werden und es auch anderen beibringen." Sie träumt davon, eines Tages eine berühmte Choreografin zu sein. Wenn Sita darüber spricht, dann lächelt sie.

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