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Er stand für seine Werte

Miodrag Soric4. August 2008

Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Welt einen Menschen, der zeitlebens für seine Werte einstand, erinnert Miodrag Soric.

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Soric Miodrag DW-Experte 2007
Miodrag Soric

Mit seinem Namen verbanden sich viele Titel: Literaturgigant, Dissident, Kämpfer für Menschenrechte, Prophet, moralische Instanz, Mahner. Weltweit bewunderten ihn viele für seinen Mut, den kommunistischen Diktatoren in der Sowjetunion die Stirn zu bieten. Keine Drohung, keine Gefängnisstrafe, nicht die Verbannung konnten ihn davon abhalten, die Wahrheit zu sagen und zu schreiben über das, was im früheren Ostblock geschah. Jetzt ist Alexander Solschenizyn, Literatur-Nobelpreisträger und Autor des "Archipel Gulag" im Alter von 89 Jahren verstorben.

Solschenizyns Hauptinteresse galt dem Thema Werte. Er hasste die Lüge und bekämpfte sie auf seine Art und Weise - mit dem geschriebenen Wort. Die Kommunisten sagten die Unwahrheit über die so genannte Oktoberrevolution. Solschenizyn entzauberte den Mythos, nannte die Okkupation der Macht durch Lenins und Trotzkijs Schergen wahrheitsgemäß einen Staatsstreich. Lange Zeit taten die Kremlherrscher so, als ob der so genannte erste Arbeiter- und Bauernstaat das Paradies auf Erden bedeutete.

Solschenizyn beschrieb in seinem Text "Im ersten Kreis der Hölle", im "Archipel Gulag" und in anderen Werken die Wahrheit über das Leben von Millionen unschuldiger Menschen in den Gefängnislagern des roten Imperiums. Nach dem Untergang der UdSSR sonnten sich die neuen Herren in Moskau in Selbstgefälligkeit. Wieder meldete sich Solschenizyn zu Wort. Kritisierte die Unfähigkeit, die Wirtschaft des Landes zu stabilisieren, geißelte den Raubtierkapitalismus, der Russlands Reichtümer vernichtete.

Auch für den Westen war Solschenizyn kein einfacher Partner. Er war zwar Demokrat, kritisierte aber die negativen Seiten des Parteiensystems. Er warnte seine Landsleute davor, den Westen nachzuäffen. Solschenizyn war überzeugter Christ, Mitglied der Russisch-Orthodoxen Kirche. Viele im Westen konnten damit nichts anfangen, stand die Kirche doch für einen moralischen Rigorismus, der nicht so recht in den relativistischen Zeitgeist der Gegenwart passte. Ein Leben lang ist der bärtige Schriftsteller mit dem ernsten Blick verleumdet worden. Er ertrug dies geduldig, konzentrierte sich mit bewunderungswürdiger Disziplin auf seine Arbeit. Die Medien aber, Fernsehen oder Zeitungen mied er im Alter zunehmend.

Mit dem Tod Solschenizyns verliert Russland einen Patrioten und Deutschland einen Freund. Unvergessen bleibt die Tatsache, dass die Kommunisten 1974 Solschenizyn ausgerechnet in die Bundesrepublik Deutschland auswiesen, wo er zunächst bei seinem Freund und Literaten Heinrich Böll unterkam. Solschenizyn liebte und kannte die deutsche Kultur. Er versuchte sie, so gut er konnte, seinen Kindern nahe zu bringe. Als Angehöriger einer Generation, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte, setzte er sich ein Leben lang für eine Aussöhnung der beiden großen Völker ein. Wie schrieb er doch einst: "Mir wurde offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz."