Macht Nitrat im Leitungswasser krank? | Wissen & Umwelt | DW | 11.07.2018
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Wasserqualität

Macht Nitrat im Leitungswasser krank?

Der Großteil des deutschen Trinkwassers kommt aus Grundwasservorräten - und das ist voller Nitrate. Wie krank die als Dünger verwendeten Salze wirklich machen, ist noch nicht ganz klar. Gesund sind sie definitiv nicht.

Der chemische Zustand des Grundwassers in Europa wird von der Europäischen Umweltagentur (EUA) in 74 Prozent der Fälle als gut bewertet. Das ergibt der aktuelle Bericht der EUA zur Qualität des Grundwassers in Europa.

Die Bundesanstalt für Gewässerkunde schätzt die Qualität der Grundwasservorräte hingegen in Großstädten wie Hamburg, Dresden und Stuttgart als "schlecht" ein. Beatrice Claus, Referentin für Wattenmeer und Ästuarschutz bei der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) spricht sogar davon, dass 37,5% der Grundwasservorräte in Deutschland mit der schädlichen Sticktoff-Sauerstoff Verbindung Nitrat "stark belastet" seien.

Die Qualität des Grundwassers wird so unterschiedlich bewertet, weil es innerhalb der EU kein einheitliches Messverfahren gibt. Peter Kristensen, Mitautor des Berichts der EUA, weist darauf hin, dass die Ergebnisse auf den Messungen der Staaten selbst basieren. Die Daten werden an das EUA geschickt, ohne dass kontrolliert wird, wie die Messungen abgelaufen sind. Bis Dezember 2019 müssen die Mitgliedsstaaten neue Messverfahren vorstellen, die aneinander angeglichen werden sollen.

Beatrice Claus (WWF/Arndt Rathjen)

"Die Agrarpolitik nimmt keine Rücksicht auf den Gewässerschutz" - Beatrice Claus, Referentin bei WWF

Die miserablen Messwerte in Deutschland haben indes den Europäischen Gerichtshof auf den Plan gerufen, der Deutschland wegen der hohen Nitratwerte im Grundwasser verklagt. Deutschland würde die EU-Richtlinien zum Schutz von Wasservorräten nicht einhalten, stellte der EuGh im Juni fest. Über Jahre sei zu wenig gegen die Verunreinigung der Grundwasservorräte getan worden.

Zu viel Nitrat führt zu Krankheiten

Immerhin 70 Prozent des deutschen Trinkwassers speisen sich aus Grundwasservorräten. Aus diesem Grund sieht die EU-Trinkwasserrichtlinie eine Begrenzung von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser vor. Bis zu dieser Grenze gilt das Wasser als "unbedenklich" und kann ohne Probleme getrunken werden.

Wasserglas wird am Wasserhahn gefüllt, vor weißem Hintergrund (Fotolia/Artusius)

70 Prozent unseres Trinkwassers kommt aus Grundwasservorräten

Nitrate können sich durch chemische Prozesse in Nitrite umwandeln und die werden zum Problem. Der Magen von Kleinkindern kann Nitrite noch nicht verarbeiten und so wird die Sauerstoffaufnahme erschwert. Die Krankheit Blausucht kann die Folge sein.

Nitrite können aber auch Erwachsenen gefährlich werden, sobald sie mit Eiweißbausteinen reagieren und Nitrosamine bilden. Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum gibt es Tierversuche, die einen Zusammenhang zwischen Nitrosaminen und Magenkrebs belegen. Bisher ist aber kein kausaler Zusammenhang zwischen Nitrosaminen und Krebs beim Menschen nachgewiesen worden. Auf der anderen Seite kann auch keine "grundsätzlich unschädliche Konzentration" von Nitrosaminen bestimmt werden. Die Forschung hierzu steckt noch in den Kinderschuhen. 

Die Folgekrankheiten stellen vor allen Dingen in Regionen mit hoher landwirtschaftlicher Nutzung und dementsprechend häufigen Düngegebrauch ein Risiko dar.

Infografik Nitratbelastung im Grundwasser DE

Grundwasservorräte in Deutschland sind in vielen Fällen mit Nitrat belastet. In welchem Zustand sie sind, sehen Sie hier

Nitrat im Grundwasser – Woher?

Der Grund für die hohe Nitratbelastung des Grundwassers liegt in der Landwirtschaft. Es wird so viel Dünger auf die Äcker aufgetragen, dass der Boden die Stoffe nicht mehr aufnehmen kann. Je mehr Landwirtschaft in einer Region betrieben wird, desto höher sind die Nitratwerte. So sind an der Grenze zu den Niederlanden im Westmünsterland Werte von bis zu 100 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser gemessen worden – 100 Prozent mehr als die EU-Richtlinie vorsieht.

Die Lösung für dieses Problem liegt laut dem Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands Bernhard Krüsken darin "Düngung und Pflanzenbedarf in Einklang zu bringen". Laut Krüsken "haben wir in den letzten Jahren eine gute Entwicklung hin zu weniger Nitratüberschreitungen".

Beatrice Claus berichtet jedoch: "Dass, was wir heute im Grundwasser haben sind die Erträge der letzten Jahre. Die Agrar- und Industriepolitik haben bisher kaum bis gar keine Rücksicht auf den Gewässerschutz genommen". Gemeint ist damit, dass Nährstoffe, welche durch die Agrarwirtschaft in den Boden sickern, etliche Jahre brauchen, bis sie im Grundwasser ankommen.

Feld wird gedüngt (picture-alliance/dpa/P. Schulze)

In Deutschland wird mehr gedüngt als notwendig ist

Die Problematik der Nitratwerte ist also nicht auf die Agrarwirtschaft von heute, sondern auf die von vor Jahren zurückzuführen. Dabei gibt es keine klaren Zahlen, wie lange Nitrat braucht, um im Grundwasser anzukommen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Selbst wenn Deutschland seine Agrarindustrie ab sofort zu einem nachhaltigeren Umgang mit Dünger und Gülle auf ihren Feldern bewegen könnte, so würde das Ergebnis erst in Jahren, womöglich Jahrzehnten, messbar sein. Die Nitratwerte würden sich nur langsam mit der Zeit senken. 

Trinkwasser wird teurer

Sollten die Nitratwerte im Grundwasser nicht gesenkt werden, so wird das Leitungswasser in Deutschland teurer. Durch die Nitratbelastung werden in Zukunft aufwendigere Aufbereitungsverfahren seitens der Stadtverwaltungen notwendig sein. "Je belasteter das Grundwasser, desto teurer wird es [das Trinkwasser] für den Verbraucher", meint Beatrice Claus.

Filterhalle des Wasserwerkes in Sachsen (picture-alliance/dpa/M. Hiekel)

Filterhalle des Wasserwerkes in Sachsen - das Ausfiltern der Nitrate ist teurer als hohe Werte zu vermeiden

Den gesundheitlichen Folgen zu hohen Nitratkonsums kann vorgebeugt werden, indem Obst und Gemüse saisonal eingekauft wird. Treibhausgemüse wird mit mehr Dünger behandelt als saisonales und enthält deswegen mehr Nitrat. "Wer nicht immer das Gleiche auf dem Teller hat, vermeidet auch einseitige Belastungen", empfiehlt das Deutsche Krebsforschungszentrum.

Das Umweltbundesamt kommt für Deutschland zu dem Schluss, dass "Reparaturmaßnahmen teurer wären als vorbeugende Maßnahmen". In weiten Teilen des Landes müssten die Wasserreinigungsanlagen für viel Geld modernisiert werden. Wenn die Politik nicht die Gesundheit der Bürger und viel Geld riskieren möchte, dann wird es für sie Zeit zu handeln.

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