Macarena Valdes: Tod einer Umweltschützerin | Wissen & Umwelt | DW | 11.02.2019
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Mord aus Profitgier?

Macarena Valdes: Tod einer Umweltschützerin

Etwa 200 Umweltaktivisten werden jedes Jahr ermordet, viele davon in Lateinamerika. Ein chilenisches Dorf sucht nach der Wahrheit über den Tod der jungen Mutter Macarena Valdes, die gegen ein Wasserkraftwerk kämpfte.

Macarena Valdes und ihr Mann Ruben Collio hatten genug vom Stadtleben und entschieden, mit ihren drei Kindern von Chiles Hauptstadt Santiago in ein kleines Dorf in den Anden zu ziehen. Tranguil liegt in der Gemeinde Panguipulli, im Süden Chiles, dem Heimatregion der Mapuche, Chiles größtem indigenen Volk. Die junge Familie wollte dort ihre eigenen indigenen Wurzeln wiederentdecken. Valdes und ihr Mann erneuerten ihr Hochzeitsversprechen in einer traditionellen Mapuche-Zeremonie und bekamen ihren vierten Sohn, Antulen.

Die junge Mutter war eine leidenschaftliche Gärtnerin und beschäftigte sich viel mit Ernährung, Botanik und Ökologie. Sie versorgte ihre Familie mit selbstangebautem Bio-Obst, Gemüse und Kräutern. "Macarena war einfach magisch", erzählt ihr Mann der DW. "Alles was sie anfasste, gedieh. Sie hatte so viel Lebensenergie." Das Haus der Familie liegt umgeben von einzigartiger Natur, deren saftig grüne Wälder, majestätische Berge und glitzernden Seen und Flüsse jedes Jahr zahlreiche Touristen anziehen. "Als wir in den Bergen angekommen waren, wollten wir nicht mehr weg", sagt Collio. "Macarena hatte immer davon geträumt, an einem Fluss zu wohnen. Dies war der perfekte Ort."

Wasserkraft - nur vordergründig nachhaltig

Die wertvollen Wasserressourcen der Region weckten auch ökonomische Interessen: Das österreichische Energieunternehmen RP Global plante am Tranguil-Fluss ein Wasserkraftwerk zu bauen. Das Unternehmen versprach, dass das kleine Laufwasserkraftwerk nur minimale Auswirkungen auf die Umwelt haben würde und dass die örtlichen Gemeinden von einer besseren Stromversorgung und neuen Jobs profitieren würde.

Chile, Das Haus von Macarena Valdés und Ruben Collio in Tranguil (Sophia Boddenberg)

Das Haus von Valdes und Collio liegt mitten in der Natur, genauso wie es sich das Paar immer gewünscht hatte

"Die meisten Menschen hier verdienen etwa 150 Dollar im Monat (130 Euro)", sagt Collio. "Das Unternehmen bot ihnen viermal so viel an. Sie kamen und stellten den Nachbarn alles Mögliche in Aussicht - Geld, Arbeit, Weiterbildung, Straßen, Brücken." Aber, so sagt Collio, das Kraftwerk sei lange nicht so umweltfreundlich wie das Unternehmen versprach. "Das Leben rund um einen Fluss hängt von der Wasserströmung ab", erklärt er. "Laufwasserkraftwerke sind also nicht ökologisch und sie produzieren auch keine nachhaltige Energie."

Indigene Umweltschützer wehren sich

Der Damm für das Kraftwerk hätte wegen der Umweltfolgen nicht genehmigt werden dürfen, meint Collio. Außerdem seien Gesetze verletzt worden, laut denen indigene Gruppen einbezogen werden müssen, bevor ein Projekt auf ihrem Land bewilligt werden darf. Ein Sprecher von RP Global erklärt auf Anfrage der DW, das Unternehmen habe die örtlichen Mapuche-Gemeinden konsultiert. Doch mindestens eine Gruppe sagt, dass sie nie befragt wurde.

Zur ersten Auseinandersetzung zwischen den indigenen Gemeinden und RP Global kam es im Januar 2016, als Fahrzeuge des Unternehmens auf einer Straße im Gebiet der Quilempan unterwegs waren. Die Quilempan forderten, die Firma solle die Strasse reparieren, um sie im Gegenzug befahren zu dürfen. Als das Unternehmen dies ablehnte, hielten fünf Frauen eines der Autos auf und starteten eine Initiative, um den Bau des Kraftwerks zu blockieren. Valdes engagierte sich, und da ihr Mann Colio Umweltingenieur ist, ernannte ihn die Quilempan-Gemeinde zu ihrem Sprecher. 

Chile, Ruben Collio am Ufer des Flusses Manio neben seinem Haus (Sophia Boddenberg)

Collio kämpft immer noch gegen das Wasserkraftwerk

Die Spannungen nahmen weiter zu, als das Energieunternehmen einen Maschinenraum auf dem Gelände eines indigenen Friedhofes baute. Im August 2016 demonstrierten rund 150 Menschen in Tranguil. Sie blockierten die Hauptstraße und hielten die Bauarbeiten am Damm für 13 Stunden auf. Valdes und Collio waren unter den Demonstranten. Die junge Frau schwenkte stolz die Mapuche-Flagge mit dem weißen Stern auf blauem Hintergrund.

Brutaler Tod                       

Drei Wochen später fand Valdes' und Collios Sohn, der 11-jährige Francisco, seine Mutter erhängt in der Küche. Der einzige Zeuge für den Tod von Valdes: ihr damals zweijähriger Sohn Antulen. Laut Polizei war es Selbstmord. Doch Collio, der dem Urteil des Gerichtsmediziners nicht vertraut, engagierte einen unabhängigen Gutachter, den renommierten Pathologen Luis Ravanal.

Ravanal kam zu dem Ergebnis, dass Valdes Tod kein Selbstmord war. "Es gibt keine Beweise, die die Diagnose der ersten Autopsie, dass es Erstickung durch Erhängen war, stützen", sagte Ravanal. Laut seinen Untersuchungsergebnisse war Valdes allerdings schon tot, als sie aufgehängt wurde. Im Januar 2018 übergab Ravanal seine Ergebnisse dem zuständigen Staatsanwalt. Doch der schloss die Akte. Es seien "keine genügenden Voraussetzungen vorhanden, um eine Anklage zu rechtfertigen", so die Begründung.

Mehr dazu: Umweltschützer in Lebensgefahr

Monica Painemilla ist die Besitzerin des Grundstücks, auf dem Valdes und ihre Familie wohnten. Sie berichtet, dass am Tag vor Valdes' Tod zwei Männer kamen, die sich als Vertreter der Landwirtschaftsvereinigung und der Trinkwasserkommission von Tranguil vorstellten. Laut der Unternehmens-Webseite haben beide Organisationen im Juli 2016 Kooperationsvereinbarungen mit RP Global unterschrieben. "Sie kamen zu mir nach Hause und sagten, ich solle Ruben Collio von meinem Grundstück werfen, weil er die Leute anstacheln würde. Sie sagten, dass es viele Menschen gebe, die ihm schaden wollten", erzählt Painemilla im örtlichen Radio.

Der Kampf geht weiter

Nur zwei Tage nach Valdes' Tod, die Familie war mit den Vorbereitungen für die Beerdigung beschäftigt, wurden auf dem Grundstück Hochspannungsleitungen für das Kraftwerk installiert. Inzwischen ist das Wasserkraftwerk in Betrieb.

RP Global bestreitet, am Tod von Valdes beteiligt gewesen zu sein, die chilenischen Behörden haben die Ermittlungen eingestellt. Aber Collio und andere Aktivisten kämpfen weiter  - für die Wahrheit über den Tod von Macarena Valdes, und für den Wald und die Menschen, für die sie sich eingesetzt hat. 

Chile, Jorge Huece und Rubén Collio zum Gedenken an zwei Jahre Tod von Macarena Valdes (Sophia Boddenberg)

Gedenken am zweiten Jahrestag von Valdes' Tod

Am zweiten Jahrestag von Valdes' Tod kommen Menschen aus ganz Chile und auch internationale Aktivisten nach Panguipulli zu einer Gedenkfeier. Auf einem Altar mit Kerzen und Blumen steht ein Foto von Valdes, daneben ein Bild von Berta Caceres, einer indigenen Aktivistin, die gegen den Agua-Zarca-Damm in Honduras kämpfte, bis sie im März 2016 ermordet wurde.

Laut einem Bericht der internationalen Antikorruptionsorganisation Global Witness wurden 2016 mindestens 200 Umweltschützer ermordet, 2017 waren es 197. Für 2018 sind die Zahlen noch nicht bekannt. Lateinamerika ist nach Angaben von Global Witness die mit Abstand gefährlichste Region für Umweltschützer. Dabei sind Frauen besonders gefährdet. Viele Aktivistinnen werden mit sexueller Gewalt eingeschüchtert, ihre Kinder werden bedroht.

"Macarena Valdes' ist Tod ein Beispiel für Gewalttaten, die aus Profitinteressen gegen Frauen und indigene Gruppen verübt werden, die ihre Rechte einfordern", sagt Lorena Cabnal. Die indigene Maya-Xinka-Aktivistin aus Guatemala hat eine klare Botschaft: "Wir rufen die internationale Politik dazu auf, die patriarchalischen, kolonialistischen und rassistischen Formen des neoliberalem Kapitalismus zu verurteilen, die uns auf unserem angestammten Land töten."

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Reporter - Unser Land! Brasiliens Guajajara-Krieger

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