Münchner Kunstfund umfasst auch bisher unbekannte Gemälde | Aktuell Deutschland | DW | 05.11.2013
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Aktuell Deutschland

Münchner Kunstfund umfasst auch bisher unbekannte Gemälde

Nach dem epochalen Kunstfund in München kommen immer mehr spektakuläre Details ans Licht. Von einigen der Gemälde wussten Fachleute gar nicht, dass es sie gibt. Schon werden erste Besitzansprüche angemeldet.

Die Sammlung sei von außerordentlicher ästhetischer Qualität und großem wissenschaftlichem Wert, sagte die Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann bei einer Pressekonferenz in Augsburg. Unter anderem sei ein Selbstporträt von Otto Dix gefunden worden, das völlig unbekannt gewesen sei. Auch ein der Fachwelt nicht bekanntes Werk von Marc Chagall sei darunter.

Es handele sich nicht nur um Nazi-Raubkunst, sondern auch bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende ältere Bilder wie etwa Werke Albrecht Dürers, so Hoffmann. Alle Bilder seien nach ihrem Eindruck echt. Es gebe "überhaupt keine Anhaltspunkte", dass Fälschungen dabei seien.

Die Werke seien "von ganz außerordentlicher Qualität", betonte die Expertin. Die Bilder entdeckt zu haben, sei "natürlich ein unheimliches Glücksgefühl". Die Forschung zu den einzelnen Künstlern werde davon sehr profitieren. Hoffmann rechnet damit, dass die Ermittlungen, bei welchen Bildern es sich um Raubkunst handelt, noch lange andauern werden.

Bilder in "sehr gutem Zustand"

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Kunstfund - Ermittler präsentieren Details

Die Wohnung des heute 80-jährigen Cornelius Gurlitt im Stadtteil Schwabing war am 28. Februar 2012 durchsucht worden, nicht bereits 2011, wie teilweise gemeldet wurde. Das stellte der Leiter des Zollfahndungsamts München, Siegfried Klöble, klar, ohne allerdings den Namen Gurlitt zu nennen.

Die Gemälde seien in einem Raum "fachgerecht gelagert und in einem sehr guten Zustand" gewesen, sagte Klöble. Hoffmann ergänzte, die Bilder seien zum Teil verschmutzt gewesen, aber nicht beschädigt.

Nach Angaben des Augsburger Oberstaatsanwalts Reinhard Nemetz beschlagnahmten die Behörden 1285 ungerahmte und 121 gerahmte Bilder. Darunter befanden sich Werke von Picasso, Chagall, Marc, Nolde, Spitzweg, Renoir, Macke, Courbet, Beckmann, Matisse, Liebermann, Dix, Kokoschka, Schmidt-Rottluff, Toulouse-Lautrec und Kirchner. Zum geschätzten Wert der Sammlung machte er keine Angaben. Die Gemälde würden derzeit an einem unbekannten Ort gelagert.

Vater verkaufte Kunst im Auftrag der Nazis

Cornelius Gurlitt ist der Sohn des von den Nazis zum Verkauf sogenannter "entarteter Kunst" - also von Werken etwa des Surrealismus oder Expressionismus - ins Ausland bevollmächtigten Hildebrand Gurlitt. Als "entartet" diffamierte das NS-Regime in den 1930er und 1940er Jahren Kunstwerke, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Menschenbild passte.

Nach einem Erlass von Adolf Hitler wurden für eine Propagandaausstellung in München 1937 in mehr als 100 deutschen Museen Werke zeitgenössischer Künstler beschlagnahmt. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte die Museen aufgefordert, ihre Sammlungen von "undeutschen" Werken zu "säubern".

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Raue: Unverständliches Verhalten der Behörden

Auf die Spur der Bilder kamen die Ermittler nach einer Personenkontrolle am 22. September 2010 in einem Schnellzug von Zürich nach München. Dabei ergab sich der Anfangsverdacht einer Steuerstraftat. Laut Nemetz wird Gurlitt außer Steuerhinterziehung auch Unterschlagung vorgeworfen. Die Ermittlungen seien aber äußerst schwierig. Anders als spekuliert worden war, gehen die Ermittler nicht davon aus, dass Gurlitt noch ein zweites Lager hat.

Gurlitt hatte sich im Zusammenhang mit der Beschlagnahme gegenüber den Ermittlern geäußert. Inhalte seiner Aussage wollte Nemetz aber nicht mitteilen. Derzeit hätten die Ermittler keinen Kontakt zu dem Beschuldigten. Ihm sei auch nicht bekannt, wo er sich aufhalte. Ein Haftbefehl liege nicht vor. Medienberichten zufolge war Gurlitt in Deutschland nicht gemeldet, sein Hauptwohnsitz soll in Österreich sein.

Cornelius Gurlitt besitzt auch ein Haus im noblen Salzburger Stadtteil Aigen, das noch nicht durchsucht wurde. "Es gibt augenblicklich noch kein Verfahren», sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg, Marcus Neher. Deutsche Behörden hätten sich noch nicht mit einem Rechtshilfeverfahren an die österreichischen Ermittlern gewandt.

Jüdische Erben fordern Prüfung

Die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim kündigten derweil an, den Münchner Kunstfund auf mögliche Besitzansprüche überprüfen zu lassen. Es bestehe der begründete Verdacht, dass in der jetzt entdeckten Sammlung Gurlitt neben dem Gemälde "Löwenbändiger" von Max Beckmann noch mehr Werke aus dem unter NS-Druck aufgelösten Flechtheim-Bestand seien, erklärten die beiden Erben, der in den USA lebende Michael Hulton und seine Stiefmutter, nach Angaben ihres Anwalts.

Gurlitt hatte den "Löwenbändiger" 2011 über das Kölner Auktionhaus Lempertz versteigern lassen wollen. Nachdem die Experten dort jedoch auf die Herkunft aufmerksam wurden, brachten sie zuvor eine Einigung zwischen Gurlitt und den Flechtheim-Erben auf den Weg

gri/wl (dpa, afp)

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