München erwartet 50.000 Flüchtlinge | Aktuell Europa | DW | 11.09.2015
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Aktuell Europa

München erwartet 50.000 Flüchtlinge

Tausende Flüchtlinge sind von Ungarn aus Richtung Westen unterwegs. Österreich setzt daher den Bahnverkehr über die Grenze weiter aus. In München rechnet man dennoch mit bis zu 50.000 weiteren Flüchtlingen.

Flüchtlinge passieren die ungarisch-österreichische Grenze bei Nickelsdorf (Foto: Reuters)

Flüchtlinge passieren die ungarisch-österreichische Grenze bei Nickelsdorf

Nach Polizeiangaben überquerten 8000 Flüchtlinge alleine am Donnerstag die ungarisch-österreichische Grenze, weitere 3600 kamen seit Mitternacht. Viele von ihnen verbrachten die Nacht im Freien. Wegen der vielen Flüchtlinge setzen die Österreichischen Bundesbahnen den Zugverkehr aus dem und in das Nachbarland auch über das Wochenende aus. Dies sei wichtig, um den Betrieb an den Wiener Bahnhöfen zu stabilisieren, teilt das Unternehmen mit. Für Freitag sind sechs reguläre Züge aus Ostösterreich nach Deutschland geplant. Sonderzüge werde es voraussichtlich nicht geben, erklärt die Bahn.

Da wie in den vergangenen Tagen wieder zahlreiche Menschen zu Fuß entlang der Fahrbahn die ungarisch-österreichische Grenze überquerten, wurde auch die Autobahn an einem Grenzübergang zum Nachbarland vorübergehend gesperrt. Von der ungarischen Seite aus dürfen bei Nickelsdorf vorerst keine Wagen in Richtung Österreich fahren, teilte der Autobahnbetreiber Asfinag mit.

Syrischer Flüchtling an der griechisch-mazedonischen Grenze

Syrischer Flüchtling an der griechisch-mazedonischen Grenze

Ungarn zäunt sich weiter ein

Um weitere Flüchtlinge von der Einreise abzuhalten, hat Ungarn 3800 Soldaten an die Grenze zu Serbien abkommandiert, die dort den Bau des 175 Kilometer langen Grenzzauns beschleunigen sollen. Das sagte der neue Verteidigungsminister Istvan Simicsko im ungarischen Privatsender TV2. Täglich müssten weitere zehn Kilometer fertig werden. "An der Grenze brauchen wir eine verstärkte Verteidigung, der Zaun reicht nicht", betonte der Minister.

Ob Ungarn den nationalen Krisenfall ausruft und dadurch die Armee die Grenzschutzpolizei verstärken darf, soll das Kabinett am 15. September entscheiden. Der Grenzzaun war bereits am 31. August offiziell für fertiggestellt erklärt worden, tatsächlich steht er aber nur in Teilen in seiner ursprünglich geplanten Form. Auf weiten Strecken wurden nur eilig mehrere Rollen Nato-Draht übereinander gezogen, die eine niedrigere Absperrung ergeben als die geplanten vier Meter Höhe.

Auch Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban meldete sich zum Thema Flüchtlinge erneut zu Wort. Sollte Ungarn in der kommenden Woche den Krisenfall ausrufen, soll jeder illegale Einwanderer "sofort verhaftet" werden. Das erklärte der rechtskonservative Politiker in Budapest. "Wir werden sie nicht mehr höflich begleiten wie bisher", so Orban. Orban machte Griechenland für die aktuelle Flüchtlingskrise verantwortlich. "Wenn Griechenland seine Außengrenzen nicht schützt, müssen wir es tun", sagte er.

Fast 40.000 Flüchtlinge in weniger als einer Woche

Über die Balkanroute drängen immer mehr Flüchtlinge nach Westeuropa. Die Menschen kommen in Griechenland an - die Internationale Organisation für Migration spricht von mehr als 430.000 Menschen, die bislang in diesem Jahr über das Mittelmeer kamen. Sie wollen über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich weiter nach Deutschland.

Seit Samstag sind fast 40.000 Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof angekommen – mehr als Bayern im ganzen Jahr 2014 aufgenommen hat. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien. Mehr als 63.000 Menschen stellten im August einen Asylantrag in Deutschland, wie das Innenministerium bekannt gab. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahresmonat. Gut der Hälfte der Anträge wurde stattgegeben.

Auch für das kommende Wochenende rechnet die bayerische Landeshauptstadt mit 50.000 neuen Flüchtlingen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kündigte personelle und materielle Hilfe durch die Bundeswehr an, um den Flüchtlingsstrom zu bewältigen.

Unterdessen forderte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, die massenhafte Einreise von Flüchtlingen zu drosseln. "Das Tempo des Zustroms ist sehr hoch, zu hoch", sagt der CDU-Politiker. "Wir brauchen dringend eine Entschleunigung, sonst kommen wir selbst an Belastungsgrenzen."

Auch Flüchtlinge aus der Türkei wollen nach Deutschland

Ein Abebben des Flüchtlingsstroms ist nicht in Sicht – im Gegenteil. Einem Zeitungsbericht zufolge wollen auch immer mehr syrische Flüchtlinge in der Türkei auf dem Landweg nach Deutschland reisen. Die Kontrollen an der türkischen Landgrenze zu Bulgarien und Griechenland im europäischen Nordwesten des Landes seien verstärkt worden, meldete die regierungsnahe Zeitung "Sabah". Mehr als 700 Flüchtlinge seien innerhalb eines Tages gefasst worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf die Behörden in der Provinz Edirne an der türkischen Grenze zu den EU-Ländern Bulgarien und Griechenland.

Der Zeitung zufolge machen unter den syrischen Flüchtlingen in der Türkei Berichte über eine generelle Aufnahmebereitschaft Deutschlands die Runde. Deshalb und wegen der Gefahren einer Überfahrt über die Ägäis nach Griechenland hätten sich viele Syrer nun entschieden, über den Balkan nach Deutschland zu gelangen.

Seit Ausbruch der Gewalt in Syrien vor rund vier Jahren hat die Türkei fast zwei Millionen Flüchtlinge aus dem südlichen Nachbarland aufgenommen. Rund 300.000 von ihnen leben in Auffanglagern, die anderen haben sich Wohnungen gemietet, sind bei Verwandten untergekommen oder leben auf der Straße. Flüchtlinge, die in der Türkei registriert sind, dürfen die ihnen angewiesene Provinz nicht verlassen. Laut "Sabah" lassen die Behörden in Edirne alle Flüchtlinge festnehmen, die nicht in dieser Provinz registriert sind. Im Grenzgebiet seien die Kontrollen von Lastwagen, Bussen und Personenwagen verstärkt worden.

Unter den EU-Staaten herrscht nach Angaben eines hochrangigen Diplomaten Einigkeit, alle Westbalkanstaaten als sichere Herkunftsländer einzustufen. Bei der Türkei haben viele EU-Länder aber noch Bedenken. Flüchtlinge aus sogenannten sicheren Herkunftstaaten haben keine Chance auf Asyl und können direkt in das Herkunftsland zurückgeschickt werden.

chr/se (rtr, dpa, epd, afp)

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