Mächtige stehen nicht: ″Stühle der Macht″ im Vitra Design Museum | Kunst | DW | 19.11.2018
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Ausstellung

Mächtige stehen nicht: "Stühle der Macht" im Vitra Design Museum

Seit Jahrtausenden ist klar: Die Mächtigen der Welt sitzen. Das Vitra Design Museum zeigt, wie die Macht von Königen und Kaiserinnen, FIFA-Bossen und Päpsten mit deren Sitzgelegenheiten zusammenhängt.

Sitzen hat heute ein negatives Image. Es sei schlecht für Rücken und Durchblutung, warnen Mediziner. Manche behaupten sogar, Sitzen sei das neue Rauchen. Doch von den gesundheitlichen Folgen einmal abgesehen: Sitzen ist seit jeher ein Symbol von Macht und Stärke. Natürlich war und ist dabei immer entscheidend, wo und auf welchem Stuhl jemand sitzt.

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich mit seiner aktuellen Ausstellung"Stühle der Macht" der Beziehung zwischen den Mächtigen dieser Welt und ihren Sitzgelegenheiten. Anhand von rund 20 ausgewählten Objekten aus der Museumssammlung zeigt das Ausstellungsteam um Kuratorin Heng Zhi, wie sich Auffassungen von politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Macht bis heute in unseren Sitzgelegenheiten ausdrücken.

Sitzen: Privileg der Herrschenden

Die Ursprünge des modernen Stuhls gehen auf Thronsitze der Antike zurück. "Bis ins Mittelalter war das erhöhte Sitzen den Herrschenden und der Oberschicht vorbehalten", erklärt Kuratorin Heng Zhi im DW-Gespräch. "Damals ging es nicht um die Funktion des Sitzens aus Gründen der Bequemlichkeit, sondern darum, ein Zeichen der Herrschaft zu vermitteln."

Heng Zhi - Kuratorin des Vitra Design Museums (Vitra Design Museum/B. Matthiessen)

Kuratorin Heng Zhi will den Zusammenhang zwischen Macht und Sitzgelegenheit aufzeigen

Aber warum gerade im Sitzen? Stehend wirkt ein Herrscher doch viel größer, mächtiger und bedrohlicher. Zhi klärt auf: "Damals waren die Machtsymbole ja nicht einfache Stühle. Der Herrscher saß erhöht auf einem übergroßen und überhohen Thron, der weit über die eigentliche Körpergröße hinausging. Der Papstthron, den wir in der Ausstellung zeigen, hat beispielsweise eine Rückenlehne, die über zwei Meter hoch ist. Außerdem ist der Stuhl sehr breit. Mit einem solchen Sitzobjekt kann der Herrscher seine Machtposition noch einmal verstärken."

Demokratisierung durch Industrialisierung

Heute sitzen die Mächtigen der Welt nicht mehr auf opulenten Thronkonstruktionen, sondern auf viel schlichteren Vierbeinern. Doch der Prozess der Demokratisierung des Sitzens war ein langsamer. Er begann erst in der Neuzeit mit dem Aufkommen des Bürgertums. "Eine tatsächliche Demokratisierung erfolgte aber erst durch die industrielle Massenproduktion", weiß Zhi. "Der Thonet-Stuhl aus dem 19. Jahrhundert ist beispielsweise einer der ersten 'Massenstühle' der Geschichte."

Michael Thonet - Tischler und Industrieller (picture-alliance/akg-images/)

Vater des ersten "demokratischen Stuhls": Der deutsche Tischler und Industrielle Michael Thonet

Es ist kein Zufall, dass die Verbreitung einer demokratischen Sitzordnung mit der Verbreitung demokratischer Werte in den westlichen Gesellschaften einherging. Nicht nur die meisten nationalen Parlamente haben heute eine runde Sitzordnung, auch internationale Institutionen folgen diesem Prinzip. Ein Bild in der Ausstellung zeigt den Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrats. "Die Vertreter der Staaten sitzen dort in einer runden Sitzordnung und jeder Platz hat ein eigenes Mikrofon. Es gibt in diesem Kreis keinen herausgestellten Vorsitzenden mehr im klassischen Sinne. Jeder ist möglichst gleichwertig repräsentiert", erklärt Zhi.

Nichtsdestotrotz hat sich die Verbindung zwischen Sitzgelegenheit und Machtstatus bis heute gehalten. "Die Unterschiede werden heutzutage aber subtiler vermittelt", so Zhi. Auch wenn die Mächtigen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport versuchen, das Image der Gleichberechtigung zu pflegen: Durch minimale Höhenunterschiede der Rückenlehne oder die Verwendung teurerer Materialien werden immer noch unterschiedliche Machtverhältnisse zum Ausdruck gebracht. Es gibt sie also noch, die Throne der Gegenwart - nur stehen die meisten heute nicht mehr in Schlössern und Palästen.

Die Ausstellung "Stühle der Macht" ist bis zum 17.02.2019 im Vitra Designmuseum in Weil am Rhein zu sehen.

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