LvivMozArt: Ostgaliziens wiederbelebte Kulturlandschaft | Musik | DW | 06.08.2019
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Klassik-Festival

LvivMozArt: Ostgaliziens wiederbelebte Kulturlandschaft

Es ist erst drei Jahre alt und schon ein Kulturevent ersten Ranges in der Ukraine: das Festival LvivMozArt. Seine Mitbegründerin, die Dirigentin Oksana Lyniv, lädt diesmal nach Brody ein.

Sie ist eine Powerfrau: Oksana Lyniv. Als Maestra hat sie es bereits bis ganz nach oben geschafft in der immer noch männerdominierten Welt der Orchesterchefs. Derzeit arbeitet die 41-jährige Generalmusikdirektorin im österreichischen Graz und gilt als eine der erfolgreichsten weiblichen Dirigentinnen der Welt. Das ist aber längst nicht alles, was die charismatische Musikerin vorzuweisen hat: In ihrer Heimat, der Ukraine, gründete sie ein Jugendorchester und ein eigenes Festival. Anfang August findet es zum dritten Mal statt – in Lwiw und der malerischen Umgebung der westukrainischen Metropole.

Ins Leben gerufen wurde es jedoch nicht als Sommerbespaßung für Einheimische und Touristen, sondern als kulturpolitische Plattform mit dem stolzen Ziel, die Region auf die kulturelle Landkarte Westeuropas zurückzuholen. Und zwar nicht nur das schmucke Lwiw, das touristisch längst erschlossen ist, sondern auch seine über Jahrzehnte vom öffentlichen Interesse benachteiligte Umgebung, die historisch und kulturell höchst spannend ist - Ostgalizien. "Es ist eine Gegend, wo sich Handelswege, Sprachen und Kulturen seit Jahrhunderten kreuzen, mischen und gegenseitig befruchten", so Oksana Lyniv im DW-Gespräch.

Dirigentin Oksana Lyniv (LvivMozArt)

Dirigentin Oksana Lyniv

Vom Mozart-Sohn bis Joseph Roth

Benannt wurde LvivMozArt nach Franz Xaver Mozart. Der jüngste Mozart-Sohn ließ sich 1813 in Lwiw nieder, das damals Lemberg hieß, und wirkte dort drei Jahrzehnte lang. Die Musik der beiden Mozarts, Vater und Sohn, ist fester Bestandteil des Festival-Programms.Es gibt aber auch weitere tiefgreifende Verbindungen zwischen dem westlichen Teil Europas und dem historischen Gebiet um Lwiw, das jahrhundertelang hin- und hergerissen war zwischen dem österreichischen und russischen, später sowjetischen, Imperium. Eine Persönlichkeit, an der sich diese Verbindungen manifestierten, war der österreichische Schriftsteller und Journalist Joseph Roth, dem die aktuelle Ausgabe des LvivMozArt gewidmet ist. "Joseph Roth war Humanist und eine wichtige Figur in den Beziehungen zwischen der Ukraine und dem deutschsprachigen Europa", sagt Oksana Lyniv. "In seinem Schicksal spiegelt sich die dramatische Geschichte unserer Völker im 20. Jahrhundert." 

Ukraine Kultur l Synagoge von Brody (LvivMozArt)

Die Ruine der Synagoge von Brody

Josef Roth kämpfte für die kulturelle Eigenständigkeit der Ukraine

Als einer der ersten hat sich Roth auch für die kulturelle Eigenständigkeit der Ukraine stark gemacht und in den 1920er Jahren bedauert, dass eins der bedeutenden Völker Osteuropas immer noch keinen eigenen Staat hat.

Der Schriftsteller des alten Österreichs kam vor 125 Jahren in Brody, knapp 100 Kilometer nordöstlich von Lwiw, in einer Familie orthodoxer Juden zur Welt. Mit 19 Jahren verließ Roth Brody für immer. 1933 gingen seine Werke in Deutschland während der Bücherverbrennung in Flammen auf. 1939 endete sein kurzes und tragisches Leben in Paris. Die einzigartige Kultur des jüdischen Schtetls, wie es Brody in der Zeit von Roths Jugend war, mit all seinen skurrilen, liebenswürdigen und gebrochenen Gestalten, blieb ein Leben lang seine Inspirationsquelle.

"Kommen sie nach Brody!"

Das diesjährige Eröffnungskonzert des LvivMozArt-Festivals war ein Wagnis, denn es fand eben nicht in der Metropole Lwiw, sondern in Roths Heimatstadt Brody statt - einem Provinzort mit knapp 24-Tausend Einwohnern, das zwar sehr viel Charme, aber keinen eigenen Konzertsaal hat. Die Kulisse für das Open-Air-Konzert lieferte die imposante Ruine der einst prächtigen zentralen Synagoge von Brody - zerstört im Zweiten Weltkrieg und nie wieder aufgebaut.

Ukraine | LvivMozArt | Jüdischer Friedhof in Brody (DW/A. Boutsko )

Die Überreste des jüdischen Friedhofs in Brody

Das Aufgebot von fast zweihundert Künstlern - Orchester, Chor und internationale Solisten - war in der über tausendjährigen Geschichte von Brody bestimmt einmalig. In Andenken an Roth erklang bei der Eröffnung des LvivMozArt am 4. August die "Kaddisch"-Sinfonie von Leonard Bernstein - die Eltern des amerikanischen Komponisten waren einst in die USA aus Rivne geflohen, einer Stadt, nur 100 Kilometer von Brody entfernt liegt.

Jüdisches Leben in Brody

Nicht nur Joseph Roths wurde mit der musikalisch höchst anspruchsvollen Darbietung gedacht, sondern auch Tausenden von jüdischen Galiziern, die Opfer der Pogrome und Massenvernichtungen in der Ukraine im 20. Jahrhundert wurden. Brody könnte man ein Brennglas der Tragödie nennen: Ende des 19. Jahrhunderts waren über 80 Prozent der Bevölkerung jüdisch, das Städtchen galt als "Jerusalem" Galiziens. Nur knapp 3000 jüdische Einwohner zählte man bei der deutschen Besatzung des Schtetls 1941. Gerade einmal 88 davon überlebten den Holocaust…

Oksana Lyniv beim Eröffnungskonzert in Brody (DW/A. Boutsko )

Oksana Lyniv beim Eröffnungskonzert in Brody

Das Konzert in Brody war für die Dirigentin Oksana Lyniv ein Heimspiel: Auch sie ist hier geboren und aufgewachsen - nur ein paar Straßen von der Ruine der Synagoge entfernt. Ihre Eltern wohnen noch in dem alten Haus. Hierher kehrt die Weltbürgerin Lyniv, Stolz der Familie und mittlerweile der ganzen Stadt, immer wieder zurück, um ihre Energieressourcen aufzuladen: "Je weiter man kommt, desto wichtiger ist es, sich seines Ursprungs zu besinnen. Nur wenn man im Hinterkopf hat, woher man kommt, begreift man, wohin man geht", sagt Oksana Lyniv.

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Kulturfestval in Ukraine

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