Lungenärzte fragen: Ist Stickoxid wirklich so gefährlich? | Wissen & Umwelt | DW | 23.01.2019
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Schadstoffe

Lungenärzte fragen: Ist Stickoxid wirklich so gefährlich?

Mehrere deutsche Lungenärzte stellen die geltenden Stickoxid- und Feinstaub-Grenzwerte in Frage. Diese seien nur unzureichend und vor allem durch fragwürdige epidemiologische Studien begründet.

Smog in Deutschland- Kaiserdamm in Berlin (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

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Wie gefährlich sind Stickoxide (NOx) und Feinstaub eigentlich wirklich? In die Debatte über Fahrverbote in Innenstädten, um geltende Schadstoff-Grenzwerte durchzusetzen, haben sich jetzt auch Lungenärzte eingeschaltet. Und diese sind sich keineswegs einig in der Bewertung.

Zuerst hatte die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) am 3. Dezember 2018 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem die Autoren grundsätzlich auf die Gefährlichkeit von Luftschadstoffen hinweisen. Sie zählen die Auswirkungen verschiedener Schadstoffe auf Lunge, Herz, das Organsystem, auf das Gehirn und auf ungeborene Kinder auf.

Und sie stellen Forderungen: Eine "deutliche Reduktion der Luftschadstoffbelastung ist geboten und eine Absenkung der gesetzlichen Grenzwerte erforderlich", heißt es dort. Sie fordern eine "Kultur der Schadstoffvermeidung" mit ganz konkreten Maßnahmen.

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Epidemiologische Studien oder doch besser Toxikologische Experimente?

Grundsätzlich weisen die Autoren allerdings auf eine Schwierigkeit bei der wissenschaftlichen Festlegung von Grenzwerten hin: In der Regel nutzen Statistiker epidemiologische Studien als Grundlage für Empfehlungen an die Politik. Auf dieser Basis legen die Gesetzgeber dann geltende Grenzwerte fest. 

Die Epidemiologie, die sich auf Grundlage von Statistiken mit den Ursachen und der Verbreitung von Krankheiten innerhalb von Bevölkerungsgruppen beschäftigt, stößt dabei allerdings an ihre Grenzen: Da im Straßenverkehr "zumeist Schadstoffgemische auftreten, kann eine rein epidemiologische Separierung der Effekte von Einzelbestandteilen auf den Organismus schwierig bzw. nicht möglich sein," schreiben die Autoren des Positionspapiers. Aussagekräftiger seien experimentelle Studien an Zellen, Tieren oder Menschen zur Toxikologie. 

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Keine Einigkeit unter Lungenärzten

Die Unzulänglichkeit epidemiologischer Studien ist auch der Hauptkritikpunkt einer Gruppe von hochrangigen Lungenärzten, die ein zentrales Fazit des Positionspapiers – nämlich, dass Grenzwerte weiter zu reduzieren sind - nicht teilen. Bisher haben 112 deutsche Lungenärzte ihre Unterschrift unter eine Gegenposition zu Stickoxid- und Feinsstaub-Grenzwerten  gesetzt.

Der Pneumologe und Intensivmediziner Dieter Köhler ist Initiator der Gruppe und hatte Anfang 2019 für Unterstützer seiner Position innerhalb der Ärzteschaft geworben. 

Bereits im September 2018 hatte er im Ärzteblatt einen Artikel veröffentlicht, in dem er den epidemiologischen Studien, die Grundlage der geltenden Grenzwerte sind, die "wissenschaftliche Basis" abgesprochen hatte.

Zufall oder Ursache?

Kern seiner Kritik ist die Verwechslung von Kausalität und Korrelation durch die Epidemiologen. Mit anderen Worten: In Gebieten mit hoher Feinstaub- und NOx Belastung sterben die Menschen zwar im Durchschnitt etwas früher als anderswo. Aber ob sie auch an Feinstaub und NOx sterben, sei dabei völlig unklar.

Es könne auch an ganz anderen Störfaktoren liegen: Rauchen, Alkoholkonsum, mangelnde körperliche Bewegung, fehlende medizinische Betreuung, unregelmäßige Einnahme von Medikamenten und vielem mehr. "All diese Faktoren wirken meist hundertfach stärker" als das erhöhte Risiko durch Luftschadstoffe, schreiben Köhler und seine Mitstreiter.

Zu guter Letzt blenden die epidemiologischen Studien die Frage einer toxikologischen Schwellendosis für den jeweiligen Luftschadstoff völlig aus, kritisiert der Autor, obwohl "jedes Gift, auch das stärkste, eine Schwellendosis" habe. 

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Symbolbild Lungenkrebs (picture alliance/Rainer Jensen)

Raucher haben ein deutlich erhöhtes Lungenkrebs-Risiko. Das ist kausal eindeutig geklärt.

Opfer des Rauchens gibt es viele - aber wo sind die NOx-Toten hin?

Sollte es tatsächlich viele kausale Todesfälle durch Feinstaub und NOx geben, müsste das den Lungenärzten in ihrer täglichen Praxis auffallen. Dies sei aber gar nicht der Fall.

Köhler zitiert eine epidemiologische Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) als Beispiel. Diese errechne für NOx 6.000 – 13.000 und für Feinstaub 60.000 – 80.000 zusätzliche Sterbefälle im Jahr. Das wären in etwa so viele Menschen, wie in Folge des Rauchens sterben.

"Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken [durch Zigarettenrauch verursachte Todesfälle] täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie", schreiben die Lungenärzte in ihrer Gegenposition.

Also sei es "sehr wahrscheinlich", dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen Schätzungen führen "einen systematischen Fehler enthalten". Offenbar seien sie "extrem einseitig interpretiert" worden, "immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen." 

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Sachlich miteinander streiten

Köhler und seine Mitstreiter sehen ihr Papier als Beitrag zur Versachlichung der emotional geführten Debatte um Fahrverbote, Grenzwerte und Dieselabgase. Zumindest darin sind sie sich einig mit den Vertretern der etablierten Verbände der Lungenärzte.

Auch diese sind dankbar für Veröffentlichung der Gegenposition zum eigenen Papier: "Die DGP, der Verband der pneumologischen Kliniken (VPK) und die Deutsche Lungenstiftung betrachten die Veröffentlichung (…) als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub" schreiben die jeweiligen

Vorsitzenden der drei Verbände Klaus F. Rabe, Thomas Voshaar und Claus Vogelmeier in einer Pressemitteilung.