Little Venezuela in Bogotá | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 30.03.2019
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Kolumbien

Little Venezuela in Bogotá

Wieso Jarlín Díaz Gómez an ihre Stadt Bogotá glaubt

"Bogotá hat die Tradition, eine Stadt für alle zu sein. Es ist eine Stadt, die Migranten und Menschen aus aller Welt immer mit offenen Armen empfängt", sagt Jarlín Díaz Gómez. Die Integrationsbeauftragte der Stadt Bogotá verkörpert die Solidarität mit den Flüchtlingen aus Venezuela wie kaum eine andere.

Unter den acht Millionen Einwohnern Bogotás sind mittlerweile über 260.000 Venezolaner, Tendenz steigend. Und fast jeder zweite von ihnen hält sich illegal in der kolumbianischen Hauptstadt auf, weil die Flüchtlinge in ihrer Heimat schlechte Erfahrungen mit dem Staat gemacht haben und glauben, dass ihnen der legale Status Nachteile bringt. Díaz Gómez versucht, diese Befürchtungen zu zerstreuen. 70 Menschen betreut die Behörde der Stadt täglich. "Wir erklären ihnen, wie sie ihren Aufenthaltsstatus ändern können, wie sie Papiere bekommen, um zu arbeiten, und wie sie sich gegen Ausbeutung im Job schützen."

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in Bogota - Jarlín Diaz Gomez (DW/Oliver Pieper)

Inbegriff der Integration: Jarlín Díaz Gómez

Venezolaner mit legalem Aufenthaltstitel können ihre Kinder in Bogotá zur Schule schicken. Kinder unter vier Jahren - ob sie legal oder illegal hier wohnen - werden in den Kindergärten betreut. Eine Zeltstadt für 600 Personen mit Frühstück, Mittag- und Abendessen und psychosozialer Betreuung wurde innerhalb kürzester Zeit aufgebaut. Außerdem bietet Bogotá seit jüngstem den Service, Habseligkeiten und Koffer der Flüchtlinge aufzubewahren. "Wir müssen jeden Tag besser werden", appelliert Díaz Gómez. "Das ist die große Herausforderung für Bogotá, gerade im Hinblick auf die verletzlichen Menschen, die jetzt kommen."

Oft muss die Integrationsbeauftragte auch Ängste der Eingesessenen abbauen. Jeder vierte Venezolaner in Kolumbien lebt in Bogotá, das gibt manchen Hauptstädtern ein Gefühl der Unsicherheit. "Ich sage den Menschen immer, dass diese Krise gleichzeitig eine Chance für Bogotá ist", so Díaz Gómez, "denn durch den demografischen Wandel haben wir wenig junge Menschen in der Stadt. Jetzt kommen viele Kinder und Jugendliche. Das müssen wir für uns nutzen!"

Warum Alejandro Sánchez über Mut singt

Ein Stockwerk tiefer nimmt Alejandro Sánchez seine Gitarre, fängt an zu spielen und singt mit kraftvoller Stimme "Sé valiente", "Sei mutig". Ein Song für alle jungen Venezolaner, die versuchen, sich in Bogotá durchzuschlagen. "Das Lied habe ich für sie geschrieben, weil die Jugend die verletzlichste Etappe im Leben ist." Der 31-Jährige spricht aus eigener Erfahrung, vor gerade einmal zehn Monaten ist er aus Venezuela nach Bogotá gekommen: "Es ist verrückt. Du kannst hier eigentlich arbeiten, aber du bekommst keinen Job."

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in Bogota - Alejandro Sanchez (DW/Oliver Pieper)

Staatenloses Kind: Sänger Alejandro Sánchez mit seiner Frau Yaritza Elena Zambrano und der Tochter Anyelis

Der Sänger versucht deswegen, mit romantischen Songs, Criollo Romántico, in der kolumbianischen Metropole über die Runden zu kommen - zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter, die vor sieben Monaten in Bogotá geboren wurde. Die kleine Anyelis Aranza Sánchez Zambrano hat keine Staatsbürgerschaft und deswegen auch kein Anrecht auf kostenlose Gesundheitsvorsorge wie etwa Impfungen.

"In Kolumbien gilt das Blutrecht. Und weil keiner von uns Eltern Kolumbianer ist, ist unser Mädchen auch keine Kolumbianerin," erklärt Alejandro Sánchez. Und weil die diplomatischen Beziehungen zwischen Kolumbien und Venezuela auf Eis liegen und das Konsulat nur sehr unregelmäßig geöffnet hat, ist seine Tochter derzeit sogar offiziell staatenlos. Irgendwann fängt Anyelis an zu weinen. Ihr Vater schnappt sich sofort seine Gitarre und schmunzelt: "Wenn sie weint, fange ich an zu singen und dann ist sie sofort ruhig. Sie ist mein größter Fan."

Weshalb Sandra Rodríguez gerne Schuluniformen einkauft

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in Bogota - Sandra Rodríguez (DW/Oliver Pieper)

Schlaflose Nächte: Kindergärtnerin Sandra Rodríguez

Auch Sandra Rodríguez hat so ihre Erfahrungen mit Ämtern, in ihrem Fall sind es die Schulbehörden. Die Kolumbianerin leitet den Kindergarten Casa Maristas, in dem venezolanische Kinder zwischen fünf und 14 Jahren von montags bis freitags betreut werden. Rodríguez versucht, die Mädchen und Jungen auch in kolumbianischen Schulen unterzubringen, aber "viele Lehrer und Rektoren in Bogotá weigern sich, venezolanische Kinder aufzunehmen".

Das kann die Erzieherin sogar nachvollziehen - einige ihrer Schützlinge im Kindergarten könnten mit zehn oder elf Jahren weder lesen noch schreiben. "Die venezolanische Bildung hat sehr viel Qualität verloren, weil viele Lehrer ausgewandert sind und weil die Kinder nicht zur Schule geschickt werden, sondern arbeiten müssen." In der Casa Maristas gibt es zwar auch Nachhilfe in Naturwissenschaften, Mathematik und Englisch, aber vor allem soll das Selbstwertgefühl der Kinder nach der oft traumatischen Flucht wieder aufgebaut werden: "Sie kommen alle gerne hierhin, weil sie hier Kinder sein dürfen. Sie werden mit der Zeit ruhiger und lachen wieder."

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in Bogota - Kindergarten Casa Marista (DW/Oliver Pieper)

Einfach nur Kinder sein: Die venezolanischen Mädchen und Jungen in der Casa Maristas

Den Kindergarten gibt es seit Juni 2018 und eigentlich ist Platz für 25 Kinder, doch häufig sind es wesentlich mehr. Jedes bekommt gleich zu Anfang das Buch "Mi viaje", "Meine Reise", und kann dort die Fluchtroute nachzeichnen, Fotos einkleben und Träume aufschreiben. Einmal die Woche sind auch ein Arzt und ein Zahnarzt da, weil die Mädchen und Jungen oftmals unterernährt sind, schlechte Zähne haben oder auch an Haut- oder Lungenkrankheiten leiden.

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in Bogota - Kindergartenmaterial (DW/Oliver Pieper)

Erinnerungen verarbeiten: Das Buch "Mi viaje", "Meine Reise"

"Es tut mir sehr weh zu sehen, wie die Kinder hier ankommen" - das mache ihr schlaflose Nächte, sagt die Erzieherin. Im Kindergarten können die venezolanischen Flüchtlinge bleiben, bis Sandra Rodríguez eine Schule für sie findet. "Der schönste Moment für mich ist, wenn wir für die Kinder Schuluniformen kaufen. Das ist das größte Glück", erklärt sie mit Tränen in den Augen, "weil wir wissen, dass sie nur mit Bildung etwas aus ihrem Leben machen können."

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