Literaturnobelpreis: ″Louise Glücks Sprache wirkt nur an der Oberfläche einfach″ | Bücher | DW | 08.10.2020
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Interview

Literaturnobelpreis: "Louise Glücks Sprache wirkt nur an der Oberfläche einfach"

In den USA ist die neue Literaturnobelpreisträgerin eine feste Größe. Warum ist Louise Glücks Lyrik in Deutschland kaum bekannt? DW fragte Übersetzerin Ulrike Draesner.

Bücher von Louise Glück liegen auf einem Tisch aus

Zwölf Bände mit Gedichten von Louise Glück liegen vor, viele wurden ins Spanische übersetzt.

Wie überrascht waren Sie, als Sie heute kurz nach 13 Uhr von der Nobelpreis-Auszeichnung für Louise Glück erfahren haben?

Ich war sehr überrascht. Ich saß gerade im Zug, und plötzlich fing mein Telefon an zu klingeln. Ich habe mich sehr gefreut, denn ich halte Louise Glücks Gedichte für ein wichtiges, sehr originäres, ganz eigenes lyrisches Werk. Und ich habe mich auch darüber gefreut, dass eine Lyrikerin ausgezeichnet wird, und dass damit auch mehr Licht auf die Lyrik überhaupt fällt, und dass nochmal klar wird, was für ein großartiger Raum ja auch die angloamerikanische Dichtung ist.

Sie haben zwei Bände ihrer Lyrik 2007 und 2008 ins Deutsche übertragen. Wie erinnern Sie sich an die Übersetzungsarbeit?

Foto zeigt Ulrike Draesner, Autorin & Übersetzerin

Ulrike Draesner hat die Lyrik von Louise Glück ins Deutsche übersetzt

Das war spannungsreich, weil ich sie mir ausgesucht hatte, gerade weil sie ganz anders arbeitet als ich selbst. Mich haben besonders die Zyklen interessiert, also das lange Gedicht, das etwas erzählt. Aber es treibt dieses Erzählen auf mehreren Ebenen zugleich voran. Die Dichterin erzählt zum Beispiel den Persephone-Mythos neu - aber durch ihre Arbeit in der Sprache.

Damit sind wir bei der Übersetzung. Zunächst scheint, was sie sprachlich macht, oft sehr einfach: Subjekt, Prädikat, Objekt. Die Sätze sind unmittelbar zu verstehen. Die Feinheit des Übersetzens entsteht dann eigentlich erst auf der Fläche, also im Gewebe der Worte. Im Englischen kann man zum Beispiel sehr viele Wörter auf "ay" reimen, wie day, may, play. Glück benutzt Mittel dieser Art, aber ich kann im Deutschen nicht so reimen. "Spielen" und "Tag" reimen sich einfach nicht.

Ich erinnere mich, dass im ersten Gedicht das Wort "planted" vorkam. Es heißt ja eigentlich "pflanzte". Das habe ich aber nicht mit "pflanzte" übersetzt, sondern mit "die Samen wurden ausgebracht", weil das Wort "ausgebracht" mir später die Möglichkeit gab, an Stellen, an denen sie dann wieder mit diesen Pflanzen arbeitet, im deutschen Wortnetz mit "einbringen" oder "ausgeben" weiterzuarbeiten.

Übersetzen ist eine Verschiebungsarbeit, denn man kann ja nie nachahmen, was im Original geschehen ist. Man verliert immer etwas, und die Frage ist, wie baue ich trotzdem einen Gewinn auf?

Das Nobelpreis-Komitee hat die Klarheit und die intelligente Einfachheit der Sprache von Louise Glück gewürdigt.

Schön, dass das Wort intelligent vorkommt, denn so habe ich das auch wahrgenommen. Einfach erscheint ihre Sprache eben nur an der Oberfläche. Tatsächlich entfaltet sie aber ein ganzes Gedankengewebe. Für mich war das oft der erste Zugang überhaupt, dieses Gedankengewebe zu verstehen. Das sind wirkliche Erkundungen. Die Gedichte sind sinnlich, sie sind anschaulich, sie sind sehr bildkräftig und manchmal auch sehr bildschön. Und zugleich bewegen sie aber noch etwas dazu und erzählen von Gedanken, oder auch von Emotionen, von seelischen Zuständen.

Louise Glück Barack Obama

2015 verlieh der damalige US-Präsident Barack Obama Louise Glück die National Humanities Medal

Wie erklären Sie sich, dass eine Lyrikerin, die in Amerika zu den renommiertesten und vielfach ausgezeichneten Dichtern des Landes gehört, in Deutschland so gut wie unbekannt ist?

Da gibt es vermutlich eine ganze Reihe von Gründen, die natürlich auch mit Zufälligkeiten zu tun haben, wie dem wer entdeckt wen, welche Tür steht offen, wo entstehen Zusammenhänge, die aber auch etwas Systemisches enthalten. Ich erinnere mich daran, wie ich in den 80er Jahren in England studiert habe, und weit und breit gab es nichts von Ingeborg Bachmann auf Englisch zu lesen. Das hat mich damals wirklich schockiert. Wie konnte das sein?

Daneben ist die amerikanische Lyrik natürlich ein riesen Gebiet, und wir wissen alle, wie die Marktbedingungen für Übersetzungen und das Publizieren von Lyrik aussehen. In dieser Hinsicht müssen wir abwarten, wie sich in Zukunft die digitalen Formate entwickeln, aber eben auch, wie Übersetzungsarbeit dann honoriert wird. Zu übersetzen ist sehr zeitaufwändig und etwas ganz Feines und Sensibles, weil ja tatsächlich die Stimme in der Übersetzung neu geschaffen werden muss.

Die beiden von Ihnen übersetzten Gedichtbände "Averno" und "Wilde Iris", die 2007 und 2008 im Luchterhand Literaturverlag erschienen, haben damals trotz Ihrer herausragend guten Übersetzung und der schönen Aufmachung der Bücher wenig Echo gefunden. Liegt das vielleicht auch daran, dass die Dichterin selbst so zurückhaltend ist und zum Beispiel auch nicht auf Lesereise geht?

Ja, ich hatte auch keinen direkten Kontakt mit ihr. Ich habe sie nie getroffen. Ich konnte sie fragen, wenn irgendetwas ganz und gar nicht mehr zu finden war, aber nur über ihre Agentur. Sie scheint eher menschenscheu zu sein. Das ist in einer medial aufgestellten Gesellschaft, in der zunehmend auch die Persona des Dichters mit dem Werk verknüpft wird, schwierig.

Ihre beiden deutschen Übersetzungsbände sind vergriffen. Wird der Literaturnobelpreis möglicherweise dazu führen, dass Sie sich erneut intensiv mit dem Werk von Louise Glück beschäftigen?

Das müsste sich zeigen. Aber ich hoffe natürlich, dass ihre Gedichte jetzt stärker wahrgenommen werden, und das freut mich sehr. Und wenn das auslöst, dass man auch im Umfeld schaut und überhaupt mehr Lyrik übersetzt, auch aus dem Amerikanischen, gerne auch aus anderen Bereichen, dann wäre ich sehr, sehr glücklich.

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, ist Lyrikerin, Romanautorin, Essayistin und Übersetzerin. Für ihre Werke wurde sie vielfach preisgekrönt. Als jüngster Roman erschien im August 2020 "Schwitters" im Penguin Verlag. Sie lebt in Berlin und Leipzig, wo sie seit 2018 das Deutsche Literaturinstitut leitet.

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