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Libyen: Rettung eines Waldes inmitten der Wüste

Hendia Alashepy
20. Juli 2021

Ein Jahrzehnt voller Konflikte und Unsicherheit in dem nordafrikanischen Land hat nicht nur den Menschen, sondern auch der Natur zugesetzt. Können Umweltschützer den Wald Al-Jabal al-Akhdar in der Wüste retten?

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Libyen | Cyrene UNESCO World Heritage Site
Bild: Oliviero Olivieri/robertharding/picture alliance

Während Libyen seitzehn Jahren von Konflikten zwischen verschiedenen politischen und bewaffneten Gruppen gebeutelt wird, tobt gleichzeitig noch ein anderer Krieg: der Kampf um Libyens grünstes Stück Erde.

In dem nordafrikanischen Staat, der fast ausschließlich aus Wüste besteht, befindet sich ein einzigartiges, bewaldetes Gebiet, das von mehreren Tälern durchzogen ist. Es ist bekannt als Al-Jabal al-Akhdar -  der grüne Berg. Das bergige Plateau erstreckt sich über etwa 350 Kilometer an der Mittelmeerküste zwischen Benghazi und Derna im Nordosten Libyens und ist für seine Pflanzenvielfaltbekannt. 70 Prozent der libyschen Flora sowie mehrere archäologische Stätten befinden sich hier.

Baumstümpfe in Al-Jabal al-Akhdar, Libyen. 
Das Fällen von Bäumen in Al-Jabal al-Akhdar hat sich nach der Revolution 2011 verstärkt. Bild: Ahmed Zeidan

Ein altes Problem, verschlimmert durch den Konflikt 

Al-Jabal al-Akhdar ist schätzungsweise 943.000 Hektar groß und fast die Hälfte davon ist bewaldet, so das Zentrum für landwirtschaftliche Studien der libyschen Regierung. Sheikha Sallam, Leiterin des Medienbüros des Zentrums, sagt, dass das Gebiet im Zeitraum von 2005 bis 2019 etwa 14.000 Hektar Wald verloren hat. Nach 2011 beschleunigte sich der Waldverlust jedoch deutlich, weil die politische Unsicherheit im Land mehr Menschen dazu verleitete, mit ungeplanten Baumaßnahmen und Kahlschlägen zu beginnen.  "Die sich verschlechternde Sicherheitslage und die Ausbreitung von Waffen und Chaos sowie der Geldmangel der Bevölkerung hat viele dazu gebracht, Bäume zu fällen, um Holz zu verkaufen", so Sallam. 

Im Laufe des Krieges um Tripolis im Jahr 2019 hat sich die Situation noch verschärft. Da die bewaffneten Streitkräfte durch frühere Einsätze bereits dezimiert waren, begann die im Osten ansässige Libysche Nationalarmee Personal aus den Rängen der Polizei zu rekrutieren, was die Region mit noch weniger Sicherheitskräften zurückließ, sagt Major Saed Yoins, Leiter der Patrouilleneinheit bei der Al-Jabal al-Akhdar Landwirtschaftspolizei, die die Wälder überwacht. 

 Bereich ohne Bäume in Al-Jabal al-Akhdar Libyen. 
Ein Areal von abgeholzten Bäumen in Al-Jabal al-Akhdar, Libyen. Bild: Ahmed Zeidan

Bußgelder und Beschwerden

Die Polizei bestätigt eine zunehmende Anzahl von Beschwerden über Rodungen.

"Allein für die Stadt Shahhat [in den Bergen] haben wir zwischen 2018 und 2020 über 100 Beschwerden wegen des Fällens von mehr als 9.000 Bäumen erhalten, darunter auch bedrohte Arten", sagt Yoins. Er fügt hinzu, dass das Fällen von Bäumen in der Regel vor dem Opferfest zunimmt, wenn die Nachfrage nach Holzkohle und Grillzubehör steigt.   

Trotz der eingereichten Beschwerden sind die Ordnungskräfte in der Region zu schlecht ausgerüstet, um den meist schwer bewaffneten Tätern Einhalt zu gebieten. "Waffen sind in der Region weit verbreitet. Wenn wir versuchen, die Gesetzesbrecher zu verhaften, werden wir schon mal mit heftigem Geschützfeuer begrüßt", sagt Yoins.  

Das libysche Gesetz ahndet das Verbrennen oder Fällen von Bäumen mit einer Geldstrafe zwischen 500 - 1.000 Libyschen Dinar (93 - 186 €). "Die Strafe steht in keinem Verhältnis zum Schaden, der durch diese Taten verursacht wird", sagt Sallam. 

Sturzfluten in Libyen im Jahr 2019. 
Hunderte Häuser in Al-Bayda wurden 2019 von Sturzfluten heimgesucht.Bild: Mohamed al-Qat’ani

Einheimische leiden unter Überschwemmungen und Hitze 

Die Einheimischen haben in den letzten Jahren unmittelbar die Auswirkungen der Umweltveränderungen zu spüren bekommen. Nach Angaben des Büros des Sozialministeriums in al-Bayda - einer der größten Städte der Region Al-Jabal al-Akhdar - wurden im Jahr 2019 schon 85 Häuser zerstört und Hunderte weitere durch Sturzfluten beschädigt.  

Die Region ist der niederschlagsreichste Teil Libyens: Die Regenmenge kann bis zu 600 Millimeter pro Jahr betragen, im Vergleich zu 50 Millimetern im Rest des Landes. 

Die Abholzung der Wälder wird als eine der Hauptursachen für die zunehmende Flutgefahr gesehen. "Wo Bäume gefällt wurden, kann die Erde den Regen nicht mehr so gut aufnehmen wie früher. Das führt dazu, dass bei starken Regenfällen das Wasser in die Wohngebiete fließt, da der Mensch den natürlichen Abfluss zu den Tälern verändert hat", sagt Abd-al-Sallam Quwaider, Umweltaktivist und Forscher.  

Gehacktes Holz vor dem Eid.
Eine alltägliche Szene vor dem Opferfest in Benghazi.Bild: Hendia Alashepy

In letzter Zeit klagen die Bewohner der Gegend auch über höhere Temperaturen. 

"Die gravierendste Konsequenz der Abholzung ist der Temperaturanstieg im Sommer. Die Bäume haben zur Abkühlung beigetragen, zumal wir regelmäßig unter Stromausfällen leiden", sagt Abdallah Saleh al-Aqouri, ein Lehrer in der Schule Qasr Libya in Al-Jabal al-Akhdar. 

Infolge der hohen Temperaturen kam es zu Beginn dieses Monats in der Region auch zu Waldbränden.

Zivilgesellschaft initiiert Wiederaufforstung  

Angesichts dieser Bedrohungen haben zivilgesellschaftliche Organisationen im Jahr 2018 eine Reihe von Aufforstungskampagnen in Al-Jabal al-Akhdar gestartet.  Inzwischen wurden mehr als 4 Millionen Setzlinge gepflanzt, so der Libyan Wildlife Trust, einer der beteiligten Verbände.

"Die meisten Kampagnen sind erfolgreich, vor allem wenn die Pflanzung zur richtigen Jahreszeit erfolgt", sagt Ahmed al-Qaydi, Leiter des Libyan Wildlife Trust. 

Frauen in rosa Kleidung pflanzen Setzlinge in Libyen. 
Frauen pflanzen Setzlinge als Teil der Wiederaufforstungsmaßnahmen in Libyen.  Bild: From Earth To Sea

Neben den Kampagnen zur Wiederaufforstung haben die Organisationen begonnen, Workshops an Schulen zu veranstalten, um das Thema Baumfällung ins Bewusstsein zu rücken. Schüler sollen lernen, wie man Setzlinge pflanzt und pflegt. So sollen insgesamt mehr Menschen für den Naturschutz gewonnen werden.

"Die Resonanz ist meist sehr positiv, die Leute spenden Geld oder Setzlinge. Die Bewohner der Gegend sind sich der Bedeutung von Al-Jabal al-Akhdar durchaus bewusst. Sie brauchen nur jemanden, der die Initiative ergreift und den Weg weist", fügt al-Qaydi hinzu. 

Obwohl die Bemühungen zur Wiederaufforstung noch begrenzt sind - die meisten Organisationen sind auf Spenden angewiesen und haben nicht genug Ressourcen, um das gesamte Gebiet abzudecken - entwickelt die Initiative immer mehr Eigendynamik.

Letztes Jahr schlossen sich Tausende von Menschen einer Facebook-Gruppe an, die von mehreren Akademikern und Umweltaktivisten gegründet wurde, um das Bewusstsein für die negativen Auswirkungen menschlicher Eingriffe in diesem Gebiet zu erhöhen.  

Ein Mann in Libyen hält einen Pflanzensetzling hoch.
Die NGO From Earth To Sea sagt, dass sie seit 2020 Workshops in 21 Schulen durchgeführt hat.Bild: From Earth To Sea

Hoffnung in die neue Regierung

Trotz dieser Bemühungen müssen zivilgesellschaftliche Organisationen einräumen, dass das Tempo der Wiederaufforstung nicht mit den Schäden in der Umwelt mithalten kann. Die Ausrüstung der landwirtschaftlichen Polizeieinheit mit allen notwendigen Ressourcen wie z.B. Fahrzeugen, Waffen und Personal sei ausschlaggebend für die Rettung von Al-Jabal al-Akhdar. 

Im April dieses Jahrs wurde eine neue libysche Regierung der Nationalen Einheit vereidigt. Für die neue Regierung, die mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert sein wird, hat Al-Jabal al-Akhdar nicht unbedingt die höchste Priorität. 

Faiz Sate, Leiter der libyschen Umweltorganisation From Earth to Sea, glaubt jedoch, dass "die bloße Anwesenheit einer einzelnen Regierung, die das ganze Land regiert und die Polizei dazu ermächtigt, ihre Aufgabe zu erfüllen, sich positiv auf die Aufforstungskampagnen auswirken wird, da das die Anzahl von Straftaten aller Art verringert." 

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Egab geschrieben. 

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