Libanon: Mit Solidarität und Humor gegen die Krise | Nahost | DW | 29.07.2020
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Wirtschaftskrise

Libanon: Mit Solidarität und Humor gegen die Krise

Viele Libanesen stemmen sich mit Waren-Tauschbörsen und ähnlichen Gemeinschaftsprojekten gegen die dramatischen Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Doch auch das Lachen wollen sie sich nicht nehmen lassen.

Wirtschaftlich geht es im Libanon immer rasanter bergab. Die Arbeitslosigkeit beträgt knapp 50 Prozent, seit März gilt das Land als zahlungsunfähig. Die Währung befindet sich im freien Fall: War das libanesische Pfund im vergangenen Herbst noch mit einem Kurs von 1500:1 an den US-Dollar gebunden, zahlt man auf dem Schwarzmarkt inzwischen 10.000 Pfund pro Dollar. Die Grundpreise für Lebensmittel haben sich unterschiedlichen Schätzungen zufolge verdoppelt bis vervierfacht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gilt als verarmt.

Doch auch oder gerade in der Not gehen viele Libanesen weiter zum Protestieren auf die Straße. Die desaströse Lage kommentieren sie mit sarkastischem Humor. So trugen Demonstranten zuletzt in einem Sarg symbolisch das libanesische Pfund - auch Lira genannt - zu Grabe.

"Wenn die Leute hier über etwas lachen, dann meist deshalb, weil sie an der Realität sowieso nichts ändern können", sagt Hussein Yassine, Autor der libanesischen Internetplattform "The961", im Gespräch mit der DW. "Damit wollen sie sich nicht über die Entwicklung und ihre düsteren Auswirkungen lustig machen. Es ist für sie einfach eine Möglichkeit, mit der Situation umzugehen."

Mit Hummus gegen Macron

Schwarzer Humor ist seit langem Zeichen der Widerstandsfähigkeit in einem Land, in dem derzeit Lebensmittel, Treibstoff und Medikamente vom Markt verschwinden - weil die zu ihrem Import nötige Fremdwährung schlichtweg nicht mehr vorhanden ist.

Als der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian vergangene Woche Beirut besuchte, ging es um mögliche Reformen, die eine wirtschaftliche Rettung des Landes einleiten könnten. Allerdings blieben die Gespräche ohne greifbares Ergebnis. Libanesische Internetnutzer ulkten später auf Social Media, ihre Regierung werde dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron wohl letztlich mit einer Groß-Invasion der libanesischen Nationalspeise Hummus drohen müssen, um ihm doch noch finanzielle Hilfszusagen entlocken zu können.

Proteste im Libanon (picture-alliance/AP Photo/H. Malla)

Mit Humor gegen die Krise: Kundgebung in Beirut

Solidarisch gegen die Not

Die Menschen solidarisieren sich allerdings nicht nur auf Humorebene. Die Supermärkte des Landes sehen sich gezwungen, die Preise der wenigen überhaupt noch verfügbaren Waren regelmäßig zu ändern, um Spekulations- und Hamsterkäufen vorzubeugen. Facebook-Gruppen wie die "Libanon-Tauschhändler" sind entstanden. Auf solchen Plattformen tauschen Bürger Haushaltswaren wie Decken, Uhren und Schuhe gegen Lebensmittel, Windeln und Babynahrung. Es gibt mehrere Gruppen dieser Art und viele verzeichnen massiven Zulauf.

Durch Tauschhandel könnten die Menschen an jene Waren kommen, die sie bräuchten, ohne gezwungen zu sein, Gegenstände unter Wert zu verkaufen, sagt Nour Haidar, einer der Initiatoren der Gruppe. Die Teilnehmer würden zudem gebeten, nicht nur Anfragen zu stellen, sondern immer auch aktiv ein Angebot abzugeben - auf diese Weise sollen sie im Netz ihre Würde behalten.

Die Solidarität geht aber noch weiter: Da mehrere Krankenhäuser und Apotheken von einem Mangel an Medikamenten berichten, bieten viele Gruppenmitglieder das, was sie selbst noch an Tabletten im Schrank haben, sogar kostenlos an. "Die Menschen versuchen, für einander einzustehen", so Haidar gegenüber der DW. "Die Solidarität zeigt sich in dieser Situation sehr deutlich."

Armut treibt in die Kriminalität

Zugleich zeigt allerdings der Anstieg so genannter "Hungerverbrechen", dass nicht alle Menschen allein mit Humor und Solidarität durch die Krise kommen. So beobachtet die Polizei eine "neue Art von Diebstahl", wie die Nachrichtenagentur Agence France Presse (afp) aus Beirut berichtet. Gestohlen würden unter anderem Babymilch, Lebensmittel und Medikamente.

Nicht immer geht dies allerdings schlimm aus, es gibt auch reumütige Täter: Letzte Woche habe ihn ein Mann, der Essen für seine Familie benötigte, ausrauben wollen - berichtet etwa der libanesische Bürger Zakaria al-Omar gegenüber afp. Dann aber habe der Täter sich plötzlich doch noch einmal umgedreht, sich vielfach bei ihm entschuldigt und das gestohlene Geld zurückzugeben, so al-Omar. "Er hat mir dann erzählt, dass er seinen Job verloren habe und seine Miete nicht mehr zahlen könne. Ich habe ihm geantwortet, dass ich ihm vergebe, und dann ging er auch schon weg", so der beinahe Bestohlene. "Ich hatte Angst. Zugleich war ich aber auch traurig, dass dieser Mann auf diese Art vor mir zusammengebrochen ist."

Libanon Beirut Wirtschaftskrise (picture-alliance/abaca/A.A. Rabbo)

Zielschreibe des Zorns: die Libanesische Zentralbank

"Hunger ist Häresie"

Berichte über Menschen, die an der Krise zerbrechen, häufen sich ebenfalls. Vor zwei Wochen brachte sich ein Mann mitten in der Beiruter Haupteinkaufsstraße ums Leben. Zuvor hatte er sein - sauberes - Strafregister und eine Notiz mit der Aufschrift "Ich bin kein Ketzer" an einen Baum geheftet. Das Zitat stammt aus einem populären Lied, dessen zweite Zeile die erste fortführt: "Aber Hunger ist Häresie" - was hier ironisch ebenfalls im Sinne von Ketzerei zu verstehen ist.

Menschliche Tragödien gibt es auch unter jenen Menschen, die sich durch die Corona-Pandemie noch stärker ausgegrenzt sehen, als sie es vorher ohnehin schon waren. So wurden ausländische Hausangestellte auf die Straße gesetzt, nachdem deren Arbeitgeber ihre Verträge gekündigt hatten. Bisweilen wurden Angestellte auch um ihren Lohn betrogen. Vielen fehlen derzeit die Mittel, nach Hause zu reisen. Einige finden Schutz bei Wohltätigkeitsorganisationen, während andere vor den Botschaften ihrer Herkunftsländer campen.

Die Sorgen der Flüchtlinge

Rund die Hälfte aller Libanesen fürchtet laut einer Umfrage, in einigen Wochen nicht mehr genug zu essen zu haben. Noch mehr sorgen sich allerdings die vielen im Land lebenden Flüchtlinge um ihre Zukunft. So machen sich laut einem Bericht des Welternährungsprogramms gut zwei Drittel der im Libanon lebenden Palästinenser Sorgen um ihre Ernährung, unter den anderthalb Millionen syrischen Flüchtlingen sind es sogar 75 Prozent. Während viele Libanesen versuchen, das Land zu verlassen, haben die meisten Flüchtlinge diese Möglichkeit nicht.

Libanon, Sidon I Corona I Flüchtlinge (Getty Images/AFP/M. Zayyat)

Angst vor der Zukunft: syrische Flüchtlinge im Libanon

"Auch ich würde das Land bei der erstbesten Gelegenheit verlassen", sagt Internet-Autor Hussein Yassine im DW-Gespräch. "Wir leben in einer sehr harten Situation, und in den kommenden Monaten wird es wohl noch schlimmer - das macht mir wirklich Angst."

Ihren Humor würden die Libanesen aber in jedem Falle behalten, meint Yassine. "Im Libanon ist es einfach so, dass es in jedem Gespräch Humor geben muss, sonst gilt das als schlechte Unterhaltung", kommentiert der Internet-Autor. "Wo immer Libanesen leiden, werden Sie auch auf Humor treffen."

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