Lesbos: Türkische Touristen als Rettungsanker | Wirtschaft | DW | 30.09.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Tourismus

Lesbos: Türkische Touristen als Rettungsanker

Aus der Türkei kommen nicht nur viele Flüchtlinge, sondern auch immer mehr Touristen nach Lesbos. Sie haben die griechische Insel in einer schwierigen Urlaubssaison vor dem wirtschaftlichen Ruin bewahrt.

Im kleinen Bergdorf Vafios auf der griechischen Insel Lesbos, inmitten eines idyllischen Olivenhains, kocht und serviert der Tavernenbesitzer Nikos Molvalis seinen Gästen griechische Landkost. Nichts erinnert hier an die Bilder von kenternden Schlauchbooten und brennenden Flüchtlingsunterkünften. Molvalis war im Sommer 2015 einer der ersten, der seine Schürze ablegte, um geflüchtete Menschen aus dem Wasser zu retten. Diese Erlebnisse sitzen beim ihm noch tief. Der gelernte Koch hat es gerne gemacht und er würde es immer wieder tun. Doch damals dachte er noch, dass die Welt die Menschen auf Lesbos für ihre heldenhaften Rettungsaktionen ehren würde.

Stattdessen folgten Negativbilder im Fernsehen und eine schlechte internationale Presse, die die potentiellen Feriengäste vor einer Reise nach Lesbos warnten. "Aus Lesbos wird immer berichtet, dass wir die Geflüchteten nicht haben wollen. Das stimmt - wir wollen, dass sie registriert und nach Westeuropa gebracht werden, wo sie sowieso hinwollen", sagt Molvalis. 

Griechenland Evakuierung während des Brandes in Lesbos (picture-alliance/AP Photo/M. Schwarz)

Negativ-Schlagzeilen wie der Brand im Flüchtlingslager prägen in vielen Ländern das Bild von Lesbos

Viele Bewohner von Lesbos empfinden es als unmenschlich, dass die Geflüchteten so lange in Moria festgehalten werden. Und sie leiden mit ihnen. "Das Schlimmste aber ist, dass die Europäer jetzt denken, dass wir dreckig sind und Krankheiten haben und sie deshalb unsere schöne grüne Insel meiden", sagt Molvaris.

Die Türken retten das Geschäft

Der Koch fühlt sich mehrfach gestraft. "Zum einem sind die Gäste ferngeblieben, allen voran die Deutschen. Und dann werden außerdem noch die Steuern erhöht." Von Gewinn kann Molvalis schon lange nicht mehr sprechen. Der Geschäftsmann ist froh, wenn er die Urlaubssaison mit einer Null unter dem Strich abschließen kann. Dass er keine roten Zahlen schreibt, hat er seinen Gäste aus der benachbarten Türkei zu verdanken.  "Wir hatten in diesem Spätsommer rund 6000 türkische Gäste  - meistens junge, gut situierte Paare, die sehr hohe Ansprüche beim Essen setzten. Manche reisten sogar mit der ganzen Familie an; Großeltern, Eltern und Kinder. Wir konnten endlich Geld verdienen", erzählt er.

Auch die Café-Besitzerin Tenia Karamanoli bedauert, dass der gute Ruf von Lesbos unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise gelitten hat. Aber auch sie ist sich sicher, dass die meisten Betriebe auf Lesbos ohne die Gäste aus der Türkei hätten dicht machen können: "Bisher haben wir viel auf die Türken und ihre Politiker geschimpft. Aber in diesem Jahr hatten wir so viele großartige Gäste aus der Türkei!"

Griechenland Samos DW-Wiso-OnlineReportage (DW/M. Milona)

Die Tavernen sind auch am Ende der Saison noch gut gefüllt

Bis vor rund 20 Jahren war das Verhältnis zwischen der Türkei und Griechenland angespannt - erst allmählich beginnt man, sich gegenseitig zu besuchen. In den Jahren vor der Flüchtlingskrise reisten rund 30.000 Türken nach Lesbos, in diesem Jahr sind es kurz vor Ende der Saison 37.000. Gleichzeitig ist die Zahl der Gäste aus anderen europäischen Staaten von 64.000 auf nur noch 24.000 eingebrochen.

Nichts anderes auf Samos

Auch auf der Insel Samos, die ebenfalls unweit der türkischen Küste liegt und Zwischenstation für tausende Flüchtlinge ist, lobt man sich die Touristen aus dem Nachbarland. "Die muslimischen Touristen sind unsere besten Gäste", sagt Markos Kottoros, der ein Fischrestaurant im Küstenort Pythagorion betreibt. Maria Aksiotu, die für eine Autovermietung arbeitet, erzählt, dass sie in diesem Jahr bislang 7000 türkische Kunden hatte. "Sie sind zum Teil nicht sonderlich kultiviert und halten sich nicht an die vereinbarten Zeiten", klagt sie. "Aber wir akzeptieren das. Denn was hätten wir ohne die türkischen Gäste in diesem Jahr nur gemacht?"

Klar ist: Die Flüchtlingskrise und die schwere wirtschaftliche Situation auf den Inseln der Nordägäis stellen die griechische Tourismusbranche vor neuen Herausforderungen. Doch am Ende sind sich alle einig: Die Krise habe die Griechen und Türken nähergebracht und so manche alttradierte Kontaktängste beseitigt.

Die Redaktion empfiehlt