Leisure Sickness: Krank in der Freizeit | Wissen & Umwelt | DW | 21.12.2019
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Psychologie

Leisure Sickness: Krank in der Freizeit

Noch schnell vor dem Urlaub alles abarbeiten, egal wie stressig es sein mag. Das Immunsystem protestiert und rächt sich dafür. Aber nicht während der stressigen Zeit, sondern erst, wenn der Urlaub begonnen hat. Warum?

Ein Kratzen macht sich im Hals bemerkbar, dann kommt das erste Husten. "Nein, kommt gar nicht in Frage", herrsche ich meinen Körper an. Meine To-Do-Liste rollt gefühlt schon den Tisch herunter, mein Körper steht unter sprichwörtlichem Dauerstrom, dienstliche Emails sind Bestandteil meiner Freizeit geworden, weil ich noch vor meinem Urlaub alles erledigen möchte. Für eine Erkältung habe ich also gar keine Zeit.

Aber bald ist es ja endlich soweit. Nur noch die Liste abarbeiten und dann heißt es: entspannen. Mein Körper kriegt das schon irgendwie hin. Ein paar Tage später starte ich endlich in den langersehnten Urlaub. "Bye-bye! Schreibtisch", langsam schalte ich ab.

Doch dann kommt Tag zwei. Mein Körper rächt sich für die stressige Phase der letzten Tage, ich bin verschnupft, habe Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen. Dass ich allerdings nicht während der stressigen Zeit erkranke, sondern erst in der Ruhephase, erscheint mir paradox.

Jeder Fünfte betroffen

In der Fachsprache nennt man dieses Phänomen "Leisure Sickness". Krank macht allerdings nicht die plötzliche Freizeit, sondern der Mangel an Entspannungsphasen davor. In einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts YouGov von 2017, im Auftrag der Internationalen Hochschule Bad Honnef Bonn gaben 22 Prozent der mehr als 2000 Befragten an, in ihrem Leben bereits an Leisure Sickness erkrankt zu sein. Jeder Fünfte ist also betroffen. 18 Prozent der Befragten gaben außerdem an, im letzten Jahr am Wochenende oder im Urlaub ohne erkennbaren Grund erkrankt zu sein. 

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Symbolbild Journalisten Beamten (Fotolia/BildPix.de)

Bei Stress schlägt das Herz schneller, die Muskeln werden besser mit Sauerstoff versorgt und die Sinne sind geschärft

Der Vorbote der Leisure Sickness ist oft psychologischer Stress im Gehirn. Der Körper greift bei akutem Stress auf evolutionäre Reaktionsmuster zurück. Professor Michael Stark, Leiter des Instituts für Verhaltenstherapie und für Stress- und Fatigueforschung in Hamburg, nennt das den "Säbelzahntiger-Reflex".

Im sogenannten limbischen System, einem Teil des Gehirns, wird entschieden, ob eine Situation bedrohlich ist. "Ich nenne diesen Bereich die Lebensbibliothek. Hier werden Erinnerungen gespeichert, die immer an eine positive oder negative Emotion geknüpft sind. Bei einem Knall erschrecken wir uns und schauen uns erstmal um", erklärt der Stressforscher.

Stress-Reflex bleibt gleich

Ist eine Situation als bedrohlich oder im Falle des Bürobeispiels "anspruchsvoll" klassifiziert, übersetzt der Körper das in eine physiologische Reaktion. "Auch wenn wir heute nicht mehr mit Säbelzahntigern kämpfen, sondern unseren Stress aussitzen, bleibt der Reflex gleich", sagt Stark. Ein weiterer Bereich des Gehirns, die Amygdala, sorgt dafür, dass im Körper Neurotransmitter wie Adrenalin ausgeschüttet werden. 

Es folgt der Auftritt von Sympathikus und Parasympathikus, den beiden Bestandteilen des vegetativen Nervensystems. Bei akutem Stress sorgt der Sympathikus dafür, dass das Herz schneller schlägt, die Muskeln besser mit Sauerstoff versorgt werden und die Sinne geschärft werden. 

Der unterdrückte Parasympathikus wirkt sich hingegen hemmend auf die Darmfunktionen und die Blase aus. Wer Stress hat, hat keine Zeit auf die Toilette zu gehen, egal, ob man einem Säbelzahntiger gegenübersteht oder dem Chef.

Weniger Immunzellen durch Stress

"Zunächst boostet der akute Stress das Immunsystem. Es wird Alarmbereitschaft ausgelöst, weil der Körper vermehrt mit Mikroorganismen in Berührung kommen könnte, die Krankheiten verursachen", erklärt der Immunologe Carsten Watzl vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund. Diese sogenannten Pathogene gibt es in Form von Bakterien, Viren oder Parasiten. 

In einem Experiment mit Studenten, die vor einer anstrengenden Prüfungsphase standen, konnte Watzl mit seinem Team nachweisen, dass sich durch den Stress gewisse Blutwerte verändern. Den Studenten wurden vor, während und nach den Prüfungen Blut abgenommen. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Anzahl der sogenannten Monozythen abgenommen hatte. Diese Immunzellen sind für die Abwehr von Krankheitserregern verantwortlich. 

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Überforderte Büroangestellte mit vielen Post-Its im Gesicht (picture alliance/Bildagentur-online/Begsteiger)

Zuviele Aufgaben kurz vor dem Urlaub? Trotzdem die Pause nicht vergessen!

"Natürlich haben sich die Monozyten nicht in Luft aufgelöst. Wir haben es so interpretiert, dass sie ins Gewebe gewandert sind, weil der Körper sich aufgrund der evolutionären Prozesse in der Stresssituation auf Verletzungen im Gebe vorbereitet", erklärt der Immunologe. 

Chronischer Stress schwächt das Immunsystem

Das Wort "interpretiert" wählt Watzl bewusst. Denn noch ist es nach aktuellem Forschungsstand nicht vollständig möglich, wissenschaftlich gesehen zwischen einem starken und einem schwachen Immunsystem zu unterscheiden, sondern nur zwischen gesund und krank. 

Von letzterem spricht man, wenn Menschen an einer Autoimmunerkrankung leiden und oder an HIV. Das Besondere bei den Menschen, die der Leisure Sickness zum Opfer fallen: Sie gelten per se alle als gesund, wenn man nur das Immunsystem betrachtet. 

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Interview: was tun bei Leisure Sickness

Interessant: Bei den Studenten, die im Vorfeld angegeben hatten, unter chronischem Stress zu leiden, war die Anzahl der Immunzellen von vorneherein wesentlich geringer. "Während akuter Stress dem Immunsystem einen temporären Boost verschafft, bewirkt chronischer Stress genau das Gegenteil", sagt Watzl.

Chronischer Stress kommt mit vielen unangenehmen Folgen daher: Schlafmangel, Muskelverkrampfungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Heißhunger. "Die Ursache liegt in der dauerhaften Unterdrückung des Parasympathikus", sagt der Psychiater Stark. Außerdem wird das Immunsystem so geschwächt, dass es im schlimmsten Fall zum Burn-Out-Syndrom oder Chronic-Fatigue-Syndrom kommen kann.

Pausen statt Durchpowern

Wer die Leisure Sickness verhindern will, sollte laut Watzl bereits in der Stressphase beginnen. "Jede Person geht natürlich anders mit Stress um und bewertet die Situation anders. Aber für alle gilt: Anstatt die letzten Tage vor dem Urlaub durchzupowern, lieber gezielt fünf Minuten Pause zwischendurch einplanen", sagt der Immunologe. 

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Deutschland Wiederverwendbarer Kaffeebecher aus Bambus (picture-alliance/dpa/Z. Scheurer)

Kurze Kaffeepause als mentale Zäsur

Der Stressforscher Stark rät außerdem dazu, den Tag bewusst zu beenden: "Man nimmt eine mentale Zäsur vor und macht sich bewusst, dass die Aufgaben auch bis morgen warten können. So kommt der Verstand leichter zur Ruhe."

Auch im Büro müsse man sich durchaus gesunden Egoismus erlauben. "Leider sind wir so auf Hochleistung trainiert, dass sich viele Menschen nicht trauen, neue Aufgaben abzulehnen. Aber Selbstfürsorge ist sehr wichtig", sagt Stark.

Wichtig sei auch, die Leistungserwartungshaltung an die eigene Person nicht permanent zu übersteigern. "Man sollte sich von dem Gedanken lösen, dass man nur dann gemocht wird, wenn man möglichst viel leistet."

Vor dem nächsten Urlaub werde ich also versuchen, damit leben zu können, wenn nicht alle Punkte von meiner Liste abgehakt sind und mir zwischendurch Zeit für einen Kaffee mit Kollegen oder eine kleine Auszeit für mich gönnen. Dann muss ich im Urlaub nicht schlecht gelaunt zur Apotheke fahren, sondern kann die freie Zeit hoffentlich genießen. 

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