Lateinamerika: Wo Umweltschutz lebensgefährlich ist | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 14.09.2021
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Menschenrechte in Gefahr

Lateinamerika: Wo Umweltschutz lebensgefährlich ist

Weltweit wehren sich Menschen gegen die Zerstörung ihrer Heimat. 227 von ihnen sind laut der Organisation "Global Witness" im Jahr 2020 ermordet worden. Die meisten in Lateinamerika.

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Ermordung von Umweltaktivisten auf neuem Höchststand

Offenbar wollte Rodrigo Morales Vázquez am Abend des 2. September in der zentralmexikanischen Stadt Cuernavaca gerade einen Snack verzehren, als Unbekannte mindestens sieben Schüsse auf ihn abfeuerten. Die herbeigerufenen Notärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen.

Morales Vázquez hatte gegen die Wiedereröffnung einer Mülldeponie am Stadtrand von Cuernavaca im vergangenen Januar gekämpft. Die Halde war schon einmal - wenige Monate nach der Eröffnung 2009 - wegen Mängeln beim Umweltschutz wieder geschlossen worden. Schon damals, berichtet die Zeitung "El País", sei ein Aktivist zu Tode gekommen.

Vier Morde pro Woche

Der Mord an Morales Vázquez ist einer der jüngsten in einer ganzen Reihe von Morden an Umweltaktivisten in Mexiko, Lateinamerika und der ganzen Welt. Nach Zählung der Nichtregierungsorganisation "Global Witness" sind seit 2015 durchschnittlich pro Woche mehr als vier "Land- und Umweltverteidiger", wie die Organisation sie nennt, ermordet worden.

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Wenn Journalismus lebensgefährliche Arbeit ist

Allein im Jahr 2020 gab es dem gerade erschienenen Jahresbericht "Last Line of Defence" zufolge 227 Morde an Menschen, die sich "ungerechter, diskriminierender, korrupter oder zerstörerischer Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der Umwelt mit Wort und Tat friedlich entgegenstellen". Damit sind 2020 noch einmal 15 Aktivisten mehr ermordet worden als im Jahr davor.

Hotspot Lateinamerika

Allein in Mexiko waren es im vergangenen Jahr 30 Morde dieser Art. Mehr verzeichnet Global Witness nur für Kolumbien, das mit 65 ermordeten Aktivisten zum zweiten Mal in Folge an der Spitze dieser Statistik stand. Auf die Bevölkerung gerechnet waren Nicaragua und Honduras die tödlichsten Länder für Menschen, die versuchten, ihren Lebensraum vor Zerstörung zu schützen.

Infografik ermorderte Umweltschützer 2020 DE

Insgesamt wurden fast 75 Prozent der Morde in Lateinamerika verübt. Diese Weltregion verzeichnet schon länger die höchste Mordrate an Umweltaktivisten. Drogenkartelle, Paramilitärs, Guerilla-Gruppen und andere kriminelle Banden kontrollieren und terrorisieren ganze Landstriche in der Region. So standen in Kolumbien allein 17 der 65 Morde in Zusammenhang mit dem illegalen Koka-Anbau, den vor allem Guerillas und Paramilitärs kontrollieren.

Noch häufiger aber ging es bei den Morden um grundsätzlich legale Aktivitäten wie die Rodung von Wald zur Schaffung von Weideland, um die Ausbeutung von Bodenschätzen oder um Großprojekte wie Staudämme. Deshalb drängt sich der Verdacht auf, dass die Bedrohung von dort agierenden Unternehmen oder von den lokalen Autoritäten ausgeht, die solche Projekte vorantreiben wollen.

Straflosigkeit und starke Zivilgesellschaft

"Unsere Daten zeigen eine Tendenz zu Ländern, die ohnehin hohe Mordraten, niedrige Aufklärungsraten und einen schwierigen Zugang zur Justiz aufweisen", erklärt Rachel Cox von Global Witness. In Mexiko etwa werde in so gut wie keinem der mutmaßlichen Mordfälle überhaupt ermittelt.

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Doch das allein erkläre nicht, warum die Region das Ranking anführt: "In vielen Teilen Lateinamerikas gibt es eine vergleichsweise starke Zivilgesellschaft, in der Menschen ihre Stimme erheben." Diese sei oft unbequem und den Unternehmen und Autoritäten ein Dorn im Auge. 

Nicht nur ein Problem des globalen Südens

Ein weiterer Grund, warum gerade diese Länder die Liste anführen, liege darin, dass es für sie verlässliche Daten gebe. Die Studienautoren gehen von einer höheren Dunkelziffer an Morden in Ländern aus, die praktisch gar kein zivilgesellschaftliches Engagement zulassen. Dazu zählt der von Global Witness zitierte "CIVICUS Monitor" des gleichnamigen Netzwerks neben Bürgerkriegsländern wie Libyen und Syrien auch China, den Iran, Saudi Arabien und Kuba.

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Auf diese Weise entsteht der Eindruck, die Unterdrückung von Landrechten und Umweltaktivismus sei nur im globalen Süden ein Problem. Doch Cox widerspricht: "Das Töten ist nur die schärfste Form der Gewalt." Wenn man aber Drohungen, nicht-tödliche Gewalt oder auch mediale Schmutzkampagnen mit einbeziehe, zeige sich, dass das Problem viel weiter verbreitet sei: "Die britische Regierung etwa hat Umweltorganisationen auf Listen zusammen mit verbotenen Terrororganisationen gesetzt."

Unternehmen und Regierungen verantwortlich

Um die Situation für Aktivisten zu verbessern, seien sowohl die Unternehmen als auch die Regierungen gefragt. Zwar gelinge es fast nie, direkte Verbindungen zwischen den Morden und dem gesellschaftlichen Engagement der Aktivisten nachzuweisen. Aber genau das sei eines der Probleme, meint Cox: "Je ernster lokale Behörden die Fälle nehmen und sie untersuchen, umso klarer werden diese Verbindungen." Dann zeige sich oft erst, dass Unternehmen verantwortungslos gegenüber der Umwelt und den Menschen gewesen seien. Deshalb seien auch die Regierungen gefragt, diese per Gesetz zur Verantwortung zu ziehen.

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