Lateinamerika: Konflikte um Öl und Gas | Wirtschaft | DW | 08.06.2022
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Energie

Lateinamerika: Konflikte um Öl und Gas

Nicaragua will Öl aus Iran statt aus den USA, Bolivien droht Brasilien das Gas abzudrehen. Der russische Überfall auf die Ukraine sorgt auch in Lateinamerika für Turbulenzen auf dem Energiemarkt.

Venezuela Chevron

Bohrtürme im Maracaibo-See in Venezuelas ölreichem Bundesstaat Zulia

Kein Tag vergeht in Lateinamerika ohne Nachrichten und Spekulationen aus dem Energiesektor: Nicaragua erwägt, Erdöl künftig aus dem Iran und nicht mehr aus den USA zu beziehen. Bolivien will die Gaslieferungen an Brasilien neu verhandeln. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine schlägt die Energiekrise auch in Lateinamerika voll durch.

"Es gibt keinen Handelsstreit zwischen Brasilien und Bolivien, sondern einen Konflikt um das operative Geschäft", sagt Roberto Goulart Menezes, Professor für Internationale Beziehungen von der Universität Brasilia, im DW-Gespräch.

Bolivien will marktüblichen Preis

Das Abkommen über Gaslieferungen von Bolivien nach Brasilien sei 1999 in Kraft getreten und habe eine Laufzeit von 20 Jahren. Seit 2019 wurde dieser Vertrag jedoch nicht verlängert, so Goulart Menezes.

Nun zahle Brasilien weiterhin sieben US-Dollar pro MMBTU (Million British Thermal Units, entspricht 26,4 Kubikmeter). Argentinien dagegen zahle für dieselbe Menge 19 US-Dollar. Bolivien will für seine Gaslieferungen an Brasilien einen marktüblichen Preis durchsetzen, wie ihn auch Argentinien zahlt.

BdTD Brasilien Sao Paulo Protest Klimakrise Dinosaurier

Im Dinosaurier-Kostüm demonstriert ein Aktivist in Sao Paulo Ende 2021 gegen Investitionen in den Öl- und Gassektor

Mitten im brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf sind Neuverhandlungen über die Gaslieferungen aber emotional aufgeladen. Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro wirft der sozialistischen Regierung in Bolivien vor, seiner Regierung gezielt schaden zu wollen. Das Lager um Bolsonaros Herausforderer Lula da Silva kontert, Bolsonaro würde Fake-News über Bolivien zu verbreiten.

Nicaragua will Öl aus dem Iran

Neben den wirtschaftlichen Veränderungen gibt es auf dem internationalen Markt auch politisch gesteuerte Lieferturbulenzen. So berichtete jüngst die regierungskritische Zeitung "La Prensa" aus Nicaraguas Hauptstadt Managua, die international wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen in der Kritik stehende sandinistische Regierung um Präsident Daniel Ortega und dessen Ehefrau und Vizepräsidentin Rosario Murillo plane eine Umstellung ihrer Erdölimporte.

Statt vom ideologischen Feind USA wolle die Regierung ihr Öl künftig aus dem Iran beziehen. Nicaragua folgt damit derselben Logik wie viele andere Länder: Energie soll aus Staaten bezogen werden, die ideologisch auf der eigenen Seite stehen.

Interesse an Argentinien und Venezuela

Ende Juni wird Argentiniens Präsident Alberto Fernandez als Vertreter Lateinamerikas beim G7-Gipfel in Deutschland erwartet. Die Industrieländer sind sehr an den großen Gasvorkommen im argentinischen Fördergebiet "Vaca muerta" interessiert. Um das Gas noch intensiver fördern zu können, braucht Argentinien internationale Investoren - Kontakte könnten auch beim G7-Gipfel in Deutschland vermittelt werden.

Spannend ist auch das schleichende Comeback Venezuelas, des erdölreichsten Landes der Welt. Die USA haben jüngst erste Sanktionen gegenüber Venezuela gelockert, die unter anderem den Handel mit dem staatlichen Erdölkonzern PDSVA untersagten. Die Sanktionen machten Exporte in zahlungskräftige Drittländer praktisch unmöglich.

Venezuelas sozialistische Regierung wird wegen Menschenrechtsverletzungen international scharf kritisiert. Doch Präsident Nicolas Maduro kann nun hoffen, dass die USA bald wieder grünes Licht geben für Erdölexporte aus Venezuela.

Venezuela Erdöl-Anlage von PDVSA

Raffinerie der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA in Puerto La Cruz, Venezuela

Allerdings braucht die heruntergewirtschaftete Erdölindustrie des Landes internationale Investitionen, um die Produktion wieder hochfahren zu können. Erster Ansprechpartner wäre da der US-Konzern Chevron. Washington hat Chevron erlaubt, direkte Verhandlungen mit Venezuela über eine Wiederaufnahme von Geschäftsbeziehungen zu führen. "Die seit fast einem Jahrzehnt andauernde Krise in Venezuela hat die Ölförderkapazität stark geschwächt", sagt Professor Goulart Menezes.

Lithium nächstes Ziel der Begierde

Brasilien ist in der Krise deutlich besser aufgestellt als seine Nachbarländer in der Region. "Die Diversifizierung seiner Energiematrix mit mehr Wind- und Solarquellen trägt viel dazu bei, den Einsatz von thermoelektrischen Anlagen, die von Gas abhängig sind, zu reduzieren", sagt Menezes.

Unterdessen bereitet sich die Region bereits auf den nächsten Verteilungskampf vor: Firmen aus den USA, Europa und China haben großes Interesse an den reichhaltigen Lithiumvorkommen in Lateinamerika. Das Leichtmetall ist ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Batterien für Elektroautos und Smartphones.

Lithium-reiche Länder wie Mexiko, aber auch Argentinien, Bolivien und Chile, wollen sicherstellen, dass sie von diesem Boom profitieren und nicht übervorteilt werden. Dabei verfolgen sie ganz unterschiedliche Strategien. Mexiko oder Chile wollen vor allem Staatsunternehmen beauftragen, Argentinien setzt auch auf die Privatwirtschaft.

Mitarbeit: Ramona Samuel (Rio de Janeiro)

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