Lanzer: ″Die humanitäre Lage ist sehr ernst″ | Afrika | DW | 14.09.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Lanzer: "Die humanitäre Lage ist sehr ernst"

In der nigrischen Diffa-Region sind tausende Menschen auf der Flucht vor Boko Haram. Sie brauchen dringend mehr Unterstützung, sagt der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Toby Lanzer, im DW-Interview.

Herr Lanzer, Sie besuchen gerade die Region Diffa im Niger, die seit drei Jahren von Boko Haram terrorisiert wird. Was sind Ihre Eindrücke?

Toby Lanzer: Ich war vor einem Jahr schon einmal hier und ich bin nun zurückgekehrt, weil wir angesichts der Angriffe, die sich seit Juni häufen, sehr besorgt sind. Wir mussten feststellen, dass die Gewalt in der Region sehr präsent ist. Es gibt immer mehr Flüchtlinge; Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten, zum Beispiel auf den Inseln im Tschadsee. Die Situation beunruhigt mich sehr. Im Gespräch mit den Frauen, Männern und Kindern habe ich festgestellt, dass die Menschen große Angst haben. Und sie benötigen Unterstützung - nicht nur seitens der nigrischen Regierung, sondern auch von der internationalen Gemeinschaft. Sie brauchen diese Unterstützung in sehr viel größerem Umfang als das, was wir bislang leisten konnten. Ich bin also vor Ort, um zu sehen, wie die Situation der Menschen tatsächlich ist.

Toby Lanzer

Toby Lanzer

Anschließend werde ich versuchen, die internationale Gemeinschaft dazu zu bewegen, sich zu engagieren - nicht nur im Bereich der humanitären Hilfe. Denn es sind Dinge wie Entwicklung, Handel oder ein funktionierendes Bildungssystem für alle Kinder, die das Problem lösen werden. Es gibt also viel zu tun. Ich habe das Gefühl, dass das Engagement der internationalen Gemeinschaft viel umfassender sein muss, als es aktuell der Fall ist.

Verglichen mit der Lage, die Sie vor einem Jahr hier angetroffen haben: Hat sich die Situation vor Ort verbessert oder verschlechtert?

Soweit ich weiß sind es heute knapp 280.000 Personen, die in dieser Region vor Boko Haram fliehen mussten. Einige Familien waren sogar mehrmals auf der Flucht: Zuerst haben sie wegen der Gewalt ihr Zuhause verlassen und sich in einem Nachbardorf niedergelassen. Dann gab es dort aber ebenfalls Gewalttaten und sie mussten an einen neuen Ort fliehen. Die Ausmaße solcher Fluchtbewegungen sind auf jeden Fall größer geworden. Die humanitäre Lage hier ist sehr ernst. Die Frauen haben Angst: Sie leben in einer Situation, in der klar ist, dass ihre Rechte, ihr Leben und ihre Hoffnungen für eine stabile und erfolgreiche Zukunft nicht wirklich eine Rolle spielen. Das, was ich heute gesehen habe, ist wirklich schrecklich.

Teilen Sie den Eindruck dieser Menschen, dass die Staaten in der Region nicht genug tun, um sie zu schützen?

Sich einer Bedrohung wie Boko Haram entgegenzustellen, ist sehr schwierig. Man muss bedenken, dass im gesamten Tschadbecken mehr als neun Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind - das ist unglaublich viel. Ich kenne keine Regierung der Welt, die das alleine stemmen könnte. Vergangene Woche war ich in Brüssel. Dort habe ich mit der EU-Kommission darüber gesprochen, wie man die nigrischen Behörden bei dieser Aufgabe unterstützen kann.

Toby Lanzer ist der regionale UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in der Sahel-Region.

Das Interview führte Abdoul-Karim Mahamadou.

Die Redaktion empfiehlt