Lange Nacht der Ideen: Debatte über Kultur in Zeiten wachsenden Populismus′ | Kultur | DW | 02.06.2018
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Kunst- und Meinungsfreiheit

Lange Nacht der Ideen: Debatte über Kultur in Zeiten wachsenden Populismus'

15 Orte, 15 Ideen. Unter diesem Motto fand in Berlin "Die lange Nacht der Ideen" statt. Debattiert wurde unter anderem über die bedrohte Kunstfreiheit. Wie kann diese im In- und Ausland garantiert werden?

Vom Museum für Islamische Kunst bis zum Silent Green Kulturquartier im Wedding öffneten unterschiedliche Orte der Berliner Kulturlandschaft im Rahmen der dritten Langen Nacht der Ideen ihre Tore. Die Veranstaltungen waren kostenlos und vielfältig: Sie reichten von Ausstellungen über interaktive Erlebnisse, Musik, Theater, Literatur bis hin zu Podiumsdiskussionen. Ins Zentrum der diesjährigen Langen Nacht stellten die Veranstalter angesichts des zunehmenden Populismus' das Thema der offenen Gesellschaft.

"Was können wir über die Kultur und Bildung der zunehmenden Skepsis an Europa entgegensetzen? Was müssen wir tun, um Freiräume für Kunst und Kultur, Wissenschaft und Meinung aufzubauen und zu schützen?" Diesen und ähnlichen Fragen widmeten sich die über die ganze Stadt verteilten Veranstaltungen. Organisiert wurde die Lange Nacht der Ideen vom Auswärtigen Amt und seinen Partnern, darunter das Goethe-Institut, das Humboldt Forum und die Barenboim-Said Akademie.

Menschenrechte und Kunstfreiheit in Gefahr

Zum dritten Mal dabei war auch das Maxim Gorki Theater. "Was tun, wenn Menschenrechte und Kunstfreiheit in Gefahr geraten?", lautete das Thema der Podiumsdiskussion, an der Esra Küçük, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theaters und Mitinitiatorin des Artists-at-Risk-Programms für Kunst- und Kulturschaffende aus der Türkei, Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, der syrische Regisseur Anis Hamdoun und Maik Müller vom Schutzprogramm für gefährdete Akteure aus Kultur und Zivilgesellschaft teilnahmen. 

Noch vor der Diskussion stellte die Intendantin des Theaters, Shermin Langhoff, klar, man wolle nicht über die Angriffe der AfD und der Identitären auf das Maxim Gorki und andere Kulturinstitutionen sprechen. Sondern vielmehr darüber, dass "autoritäre Staaten und Weltbilder, die unserer Ordnung doch sehr widersprechen, auch in Europa angekommen sind" und das Theater tagtäglich Repressalien gegen Kolleginnen und Kollegen erfahre.

Künstler büßen als erste an Freiräumen ein 

Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, betonte kurz vor der Debatte, die deutsche Außenpolitik setze sich aktiv dafür ein, dass gesellschaftliche und künstlerische Freiräume geschaffen und geschützt oder aber auch nicht eingeschränkt werden. Deutschland habe eine historische und moralisch begründete Schutzverantwortung.

Screenshot von Jan Böhmermanns Stellungnahme zum Gerichtsurteil auf Twitter.(picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd)

Entfachte eine Debatte über die Grenzen von Satire in Deutschland: Jan Böhmermann mit seinem Schmähgedicht auf Erdogan

Maik Müller erklärte im Rahmen der Podiumsdiskussion, es sei ein globaler Trend zur Einschränkung von Freiräumen zu beobachten. Die Bandbreite der Einschränkungen reiche von Zensur bis hin zu Folter. Esra Küçük vom Maxim Gorki Theater sagte, es sei überraschend, dass es die Kunst- und Kulturschaffenden seien, die dort, wo die Demokratie abhanden komme, als erste angegriffen werden und ihre Freiräume verlieren. Und nicht etwa große Unternehmen oder politische Organisationen, von denen man meine, sie hätten die Macht.

"Solidarisch mit der liberalen Kulturszene"

Angesichts dieser Situation stellen sich für deutsche Kulturinstitutionen, die im In- und Ausland agieren, zwei Fragen: Wie ist mit der Situation in den jeweiligen Ländern umzugehen? Und wie können Künstler ihre Arbeit in Deutschland oder anderen Ländern fortsetzen?

Can Dündar, Asli Erdogan und der Buchmessen Direktor Juergen Boos. (picture-alliance /dpa/A. Dedert)

In der Türkei stehen Künstler und Journalisten wie Can Dündar und Asli Erdogan - hier mit dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos (r.) - massiv unter Druck.

Johannes Ebert unterstrich die Aufgabe der Kulturinstitutionen im Ausland. Es gehe darum, für die Künstlerinnen und Künstler Freiräume zu schaffen. "Wir, als deutsche Kulturinstitutionen, müssen im Ausland zeigen, dass wir solidarisch sind mit der liberalen Kulturszene." Einen gewissen Einfluss könne man dadurch auch auf die Politik der entsprechenden Länder haben, doch entscheidend sei die Sensibilität. Denn so etwas könne auch nach hinten losgehen.

Veränderter Blick auf Künstler aus dem Ausland

Anis Hamdoun berichtet von seinen letzten Theaterjahren in Syrien: "Es gab Themen, die durfte man als Theatergruppe nicht diskutieren", sagt er. Um nicht als zu kritisch zu gelten, müssten Künstler in den Ländern selbst die Balance halten, nicht zu viel mit ausländischen Kulturinstitutionen zusammenarbeiten. Esra Küçük dagegen hält es für falsch, in vorauseilendem Gehorsam nicht mit den Künstlern zusammenzuarbeiten. Ihre Kollegen aus der Türkei würden immer wieder betonen, wie wichtig ihnen die Zusammenarbeit vor Ort ist, erzählt sie.

Anis Hamdoun und Maan Mouslli mit einer Spiegelreflexkamera und Licht. (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Anis Hamdoun (l.) und Maan Mouslli beim Dreh. Auch wenn es um ihre Flucht geht, will Hamdoun nicht nur "der geflüchtete Regisseur" sein.

Das vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), dem Goethe-Institut und dem Auswärtigen Amt geplante Schutzprogramm für Künstler soll es Kulturschaffenden ermöglichen, für eine Zeit nach Deutschland oder in ein anderes Land zu gehen. Doch die Teilnehmer sind sich einig: Wie genau die Kulturschaffenden in den künstlerischen Betrieb integriert werden, muss gut durchdacht sein.

In Deutschland sähen viele in ihm "den geflüchteten syrischen Regisseur" und nicht einfach einen Regisseur, erzählt Anis Hamdoun. Das erfahre er immer wieder. Es wäre daher für die deutsche Kulturpolitik ein großer Erfolg, die Kunstfreiheit im Ausland weiter zu stärken und gleichzeitig den Blick im eigenen Land auf Künstler, die aus dem Ausland kommen, zu ändern.

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