Lüttichs Metamorphose zur Kulturmetropole | Lebensart | DW | 09.03.2016
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Lebensart

Lüttichs Metamorphose zur Kulturmetropole

Lange war das Image von Lüttich nicht besonders gut. Nach dem Niedergang der Montanindustrie lag die belgische Stadt am Boden. Jetzt wirbt Liège, wie die Stadt amtlich heißt, selbstbewusst für sich als Kulturmetropole.

Viele Reisende kennen den imposanten Bahnhof von Lüttich nur aus dem Zugfenster. Circa zehn Minuten hält der Thalys auf dem Weg von Köln nach Paris in Lüttich. Wer aussteigt, glaubt in der Zukunft angekommen zu sein. Das gigantische Glasdach des Bahnhofs wölbt sich luftig leicht wie ein Insektenflügel über die Gleise. Allein diese Bahn-Kathedrale des 21. Jahrhunderts zu besichtigen, lohnt einen Lüttich-Besuch. 10.000 Tonnen Stahl wiegt der 200 Meter lange Bogen des Daches. 40 Meter hoch erhebt er sich über den Bahnsteigen. Der Bahnhof, den vor sieben Jahren der Star-Architekt Santiago Calatrava im Lütticher Vorort Guillemins bauen ließ, ist aber mehr als eine protzige Visitenkarte.

Lüttich im Aufbruch

Die Lütticher nennen ihn "Calatravo". Der Bahnhof gilt als Aushängeschild des Strukturwandels in Lüttich: von der abgetakelten Bergbaustadt hin zum Kulturstandort. Rund eine halbe Milliarde Euro wurde dafür investiert. Eine Hälfte stammt von Stadt und Region, die andere von der EU. 312 Millionen kostete allein der Bahnhof, der Rest floss in die Modernisierung der Oper, der Philharmonie, des Theaters und in den Bau eines Museumszentrums für Stadtgeschichte.

Der Umbau von Lüttich ist noch immer nicht fertig. Überall blockieren Baustellen den Weg. Ein Bagger reißt das ehemalige Finanzministerium ab. Der Neubau, ein verspiegelter Wolkenkratzer, steht schon fertig daneben und wirkt, als sei er von Katar nach Lüttich gebeamt worden. "Er hat von der Form her ein bisschen was von Burj Al Arab, dem höchsten Haus der Welt in Dubai ", sagt Rolf Minderjahn. Der Aachener hat den einzigen deutschsprachigen Stadtführer von Lüttich geschrieben. Seit Jahrzehnten verfolgt er die Entwicklung der Stadt und neue Projekte wie die "Esplanade". Auf dieser neuen Achse, ebenfalls ein Entwurf Santiago Calatravas, sollen die Besucher künftig vom Bahnhof zum neuen Kunstmuseum La Boverie flanieren.

Neuer Kunsttempel für Lüttich: Musée La Boverie

"Ideal wäre, wenn man über diese Fußgänger- und Radfahrerbrücke gehen könnte", sagt Minderjahn. Noch versperrt eine Absperrung dieses futuristische Gebilde aus Stahl und Beton. Es soll den Weg vom Bahnhof zum "Parc de la Boverie" verkürzen. Der Park ist ein prachtvolles Idyll mit Rosengarten und Spielplätzen. Mittendrin steht der Palast der Weltausstellung von 1905, in dem das neue Museum untergebracht werden soll. Dafür wurde das Gebäude für 30 Millionen Euro renoviert und um einen Anbau erweitert.

Das Lütticher Museum La Boverie, Foto: DW/Sabine Oelze

Das "Museé La Boverie" soll in die Top-Liga der Museen aufsteigen

Chloé Beaufays vom Museumsteam Musée La Boverie läuft durch die weißgetünchten Ausstellungsräume mit reichlich Stuck unter der Decke. Es riecht nach frischer Farbe. Gerade würden Klimatests durchgeführt, erklärt sie. Die obere Ebene umfasst 3000 Quadratmeter für Sonderausstellungen. Im gläsernen Anbau, der sich wie ein Schaufenster zur Maas und zum Park hin öffnet, stehen weitere 2000 Quadratmeter zur Verfügung. Geplant hat ihn Rudy Ricciotti, Architekt des Museums MUCEM in Marseille. In der Eröffnungsausstellung "En Plein Air" (dt. "Unter freiem Himmel"), die am 5. Mai startet, werden Leihgaben aus 40 internationalen Museen zu sehen sein.

Kooperation mit dem Louvre

Für das Musée La Boverie ist Lüttich ein Coup gelungen: Es kooperiert mit dem Pariser Louvre. Das berühmteste Museum der Welt präsentiert künftig Teile seiner Sammlung in Lüttich – und greift den Belgiern bei der Organisation von Ausstellungen unter die Arme.

"Als Museum soll La Boverie in der ersten Liga mitspielen", sagt Beaufays. Deshalb habe die Stadt Lüttich nach Kooperationspartnern gesucht. "Uns war klar, dass wir für Top-Ausstellungen auch mit den Top-Häusern zusammenarbeiten müssen."

Ein Vorbild für Lüttich ist etwa die nordspanische Industriestadt Bilbao. Auch dort haben die Lütticher eine Kooperation angefragt. Genauso wie in Düsseldorf bei der Kunstsammlung NRW. Doch der Louvre griff schneller zu.

Meisterwerke aus aller Welt kommen nach Lüttich

"Das Gute bei unserer Partnerschaft ist: Der Louvre fragt für uns die Leihgaben an. Das ist schon ein Unterschied, ob der Louvre beim Prado ein Gemälde ausleihen möchte, oder ob wir das machen", schwärmt Chloé Beaufays von den Vorteilen der Zusammenarbeit und betont, dass La Boverie in Lüttich kein Zweit- oder Dritt-Louvre werden würde. Trotzdem gäbe es Parallelen zum Louvre-Lens, der Filiale des Louvre, die 2012 in einem ehemaligen Bergarbeiterdorf in Nordfrankreich eröffnet wurde. Denn auch durch die Zusammenarbeit mit Lüttich will der Louvre neue Publikumsschichten erschließen. "Klar, in Paris sehen zehn Millionen Besucher die berühmten Kunstwerke. Aber genau wie in Lens kann der Louvre in Lüttich die eigenen Werke in einen neuen Zusammenhang stellen. Außerdem reize den Louvre die Aussicht, große Kunst in die Provinz zu bringen", so Beaufays.

Vergangenheit bleibt sichtbar

Kultur für alle. Kunst, die niemanden einschüchtert, aber zugleich ein hohes Niveau bietet. Die Verwandlung von Lüttich erinnert an das westdeutsche Ruhrgebiet, eine Bergbauregion, die sich nach der Schließung der Zechen neu erfinden musste - und erfolgreich auf Kultur setzte. "Diese Partnerschaft mit dem Louvre, aber auch der Ausbau anderer Institutionen in Lüttich sind Teil einer großangelegten Kampagne, mit der wir die Stadt wiederbeleben möchten. Auch die Wirtschaft hat Interesse an dem Ausbau des Kulturlebens", sagt Jérôme Hardy, der für dynamische Stadtentwicklung in Lüttich zuständig ist. Theater, die Oper, die Philharmonie und jetzt La Boverie seien wichtige Standortfaktoren und sollen Lüttich konkurrenzfähig machen.

Lüttich als internationale Marke wird dabei seine Bodenständigkeit bestimmt nicht verlieren. Auch wenn sich die Stadt allerorten rausputzt, die Vergangenheit wird sichtbar bleiben. Das ist auch gut so, meint Autor Rolf Minderjahn: "Lüttich darf nicht perfekt sein. Lüttich muss schon Patina haben."

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