Kurzfristige Erdbebenwarnung ist nicht möglich | Europa | DW | 23.09.2019
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Interview

Kurzfristige Erdbebenwarnung ist nicht möglich

Beim schwersten Erdbeben in Albanien seit Jahrzehnten sind am Wochenende Dutzende Menschen verletzt worden. Der Seismologe Frederik Tilmann erklärt die Gründe für häufige Beben in dem Land.

DW: Albanien erlebte an diesem Wochenende eine Serie von Erdbeben. Die Stärke betrug laut Richterskala bis zu 5,6. Es sind die schwersten Beben seit Jahrzehnten. Schon im Juni gab es ein Beben der Stärke 5,2. Was könnte der Grund für die jüngsten Häufungen an Erderschütterungen in dieser Region sein?

Frederik Tilmann: Die Küste von Albanien gehörte schon immer zu den Regionen in Europa, die einer starken seismischen Gefährdung ausgesetzt sind. Die Beben in dieser Region hängen mit der nördlich gerichteten Bewegung von Afrika zusammen. Die afrikanische Kontinentalplatte bewegt sich mit einigen Millimetern pro Jahr in Richtung Europa. Diese kontinentale Kollision baut Spannungen auf, insbesondere Teile der Adriatischen Mikroplatte schieben sich unter den Balkan. Das Beben in der Nähe von Tirana hängt mit diesen Spannungen zusammen.

Wenn man sich die Karte mit den registrierten Erdbeben der letzten 14 Tage in Europa ansieht, stellt man fest, dass Beben überwiegend in Italien und Südosteuropa gemessen wurden. Nicht mit der Dimension des letzten Erdbebens in Albanien, aber es sind ziemlich viele Erschütterungen. Welche geologischen Phänomene sind dafür verantwortlich? 

Italien und Südosteuropa sind die in Europa seismisch stark gefährdeten Regionen, und zeigen dementsprechend auch eine hohe Aktivität an kleineren und daher harmlosen Erdbeben. Erdbeben treten überall dort auf, wo sich Spannungen in der festen Erde bilden, aber nicht ausschließlich in der Kruste der Erde - und wo die Temperaturen niedrig genug sind, dass diese Spannungen durch plötzliche spröde Verformungen (d.h. Erdbeben) abgebaut werden. Bei höheren Temperaturen verformen sich die Gesteine dagegen plastisch in einem mehr oder weniger kontinuierlichen Prozess, so dass es zu keiner plötzlichen Energieabgabe kommt.

Es wird oft betont, dass der Klimawandel Naturkatastrophen fördert. Inwieweit hat der Klimawandel eine Auswirkung auf die Erdbeben?

Der Großteil der seismischen Energie auf der Erde wird durch tektonische Erdbeben freigesetzt, also Spannungen, die sich durch die langfristigen Bewegungen der Kontinente aufbauen und durch interne Prozesse in der Erde angetrieben werden. Der Klimawandel hat praktisch keinen Einfluss auf diese internen Prozesse.

Frederik Tilmann Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ (GFZ)

Seismologe Frederik Tilmann

Wir wissen allerdings, dass sich im Zusammenhang mit vertikalen Hebungsbewegungen nach dem großflächigen Abschmelzen von Gletschern am Ende der letzten Eiszeit sehr große Erdbeben ereigneten, zum Beispiel in Skandinavien. Dies ist aber ein sehr langsamer Prozess und die weltweite Bebenaktivität wird auch in dieser Situation durch tektonische Beben, wie zum Beispiel das in Albanien, dominiert werden.

Ihr Deutsches Geo-Forschungszentrum (GFZ) macht weltweite seismische Messungen mit Hilfe eines Erdbebenüberwachungssystems. Inwieweit kann man durch diese Messungen die Erdbebengefahr einschätzen, um sie vorherzusehen?

Eine kurzfristige Erdbebenvorhersage ist nach jetzigem Stand nicht möglich. Durch kontinuierliche Beobachtungen der Erdbebenaktivität lässt sich aber die langfristige Gefährdung verschiedener Regionen genauer abschätzen. Außerdem lassen sich aufgrund schneller Bestimmung der Erdbebenparameter Hilfsmaßnahmen effektiver einleiten, in einigen Fällen ist auch eine Frühwarnung mit einigen Sekunden Warnzeit möglich. Entsprechende Systeme gibt es aber nur an einigen wenigen Orten, zum Beispiel in Mexico-City und Japan.

Frederik Tilmann leitet seit 2010 die Abteilung Seismologie am GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. 

Das Interview führte Angelina Verbica.

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