Kurzarbeit - Wenn die Konjunktur lahmt | Wirtschaft | DW | 04.07.2019
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Arbeitsmarkt

Kurzarbeit - Wenn die Konjunktur lahmt

Die deutsche Industrie befindet sich schon länger in der Rezession, erste Unternehmen kündigen Stellenstreichungen in größerem Maßstab an. Gleichzeitig nimmt die Kurzarbeit zu. Was hat es damit auf sich?

Einer Umfrage des Münchener ifo-Institutes zufolge rechnet aktuell rund jedes zwölfte Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland damit, noch in diesem Quartal ihre Mitarbeiter "auf Kurzarbeit" setzen zu müssen. Diese genau 8,5 Prozent der befragten Firmen (im Vorjahr waren es noch 2,6 Prozent) bedeuten den höchsten Wert seit sechs Jahren.

Gestützt wird die Prognose offenbar auch von Zahlen, die die Bundesagentur für Arbeit(BA) erhoben hat. Ihren Hochrechnungen nach ist die Zahl der Arbeitnehmer, die gegenwärtig Kurzarbeit leisten auf knapp 44.000 gestiegen. Diese Zahl bezieht sich auf den April. Im April 2018 waren es 13.000 gewesen. Für die Monate Mai, Juni und Juli 2019 erwartet die BA einen Rückgang dieser Zahlen.

Infografik Kurzarbeit in Deutschland DE

Das ifo-Institut teilt diese Erwartung allerdings nicht. Der Konjunktur-Chef bei den bayrischen Wirtschaftsforschern, Timo Wollmershäuser, sagt dazu: "Die tatsächlich realisierten Kurzarbeiterzahlen werden erst deutlich später vorliegen. Da jedoch zwischen ihnen und den ifo-Erwartungen ein enger statistischer Zusammenhang besteht, dürften die Schätzungen der Bundesagentur in den kommenden Monaten nach oben revidiert werden."

Erfahrungen aus fast einem Jahrhundert

Kurzarbeit gibt es bereits seit dem Februar 1924, als die "Kurzarbeiterunterstützung" im Rahmen der "Verordnung über die Erwerbslosenunterstützung" in der Weimarer Republik eingeführt wurde. In der Bundesrepublik gibt es diese Unterstützungszahlung für sonst von der Arbeitslosigkeit betroffene Arbeitnehmer unter der Bezeichnung "Kurzarbeitergeld" seit 1957.

"Erste Spuren"

"Die konjunkturelle Abschwächung hinterlässt allmählich ihre Spuren auf dem Arbeitsmarkt", sagt Timo Wollmershäuser. "Die deutsche Industrie befindet sich seit Mitte vergangenen Jahres in einer Rezession. Kurzarbeit ist ein Mittel der Wahl, wenn Unternehmen trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten ihre Fachkräfte halten wollen."

Holger Schäfer (Institut der deutschen Wirtschaft Köln)

Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln will "die Krise nicht herbeireden."

"Keine Anzeichen für Massenentlassungen"

Im Deutschlandfunk sagte der Konjunkturchef des Berliner Forschungsinstituts DIW, Claus Michelsen, viele Firmen reagierten derzeit mit Strukturmaßnahmen darauf, dass sich der gegenwärtige Konjunkturzyklus offenbar seinem Ende zuneige: "Da sind Entlassungen ein Mittel. Allerdings ist das noch kein Zeichen dafür, dass es zu Massenentlassungen und Massenarbeitslosigkeit in Deutschland kommen wird."

Der DIW-Experte warnt im Gegenteil vor Alarmismus. Auch wenn derzeit Jobabbaupläne bei Großkonzernen wie der Deutschen Bank, Telekom, Ford, Thyssenkrupp, BASF und Siemens für Schlagzeilen sorgten, sei "das Jobwunder in Deutschland nicht vorbei".

"Nicht herbeireden!"

Ähnlich äußerte sich der Ökonom Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er erinnert daran, dass die Kurzarbeiterzahlen in den Nachwehen der globalen Krise von 2008 und 2009 weit höher waren und teilweise sogar die Millionengrenze überstiegen hätten.

Es sei nicht wahrscheinlich, dass Deutschland kurzfristig wieder in eine solche Situation kommen werde. Ein boomender Dienstleistungssektor werde die Industrierezession abfangen können. Trotz der spürbaren Verlangsamung beim Beschäftigungsaufbau sei dieser aber immer noch substanziell: "Wir müssen aufpassen, dass wir uns die Krise nicht herbeireden."

Bewährtes Mittel

Aus Sicht der IG Metall hat Deutschland besonders in der Finanz- und Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren bereits gute Erfahrungen mit dieser Maßnahme gemacht. Aktuell schlägt die Gewerkschaft vor, die Kurzarbeit mit Qualifizierungsmaßnahmen zu verbinden.

So sollen strukturelle Umbrüche, wie sie etwa in der Automobilindustrie beim Umstieg vom Verbrennungsmotoren auf Elektromobilität entstehen, am Arbeitsmarkt abgefedert werden. Die Autobauer rechnen nämlich für dieses Jahr mit einem Rückgang des Neugeschäfts von einem Prozent auf ihrem Heimatmarkt.

Deutschland Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA Carl Martin Welcker (picture-alliance/dpa/VDMA)

Carl Martin Welcker, Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA, befürchtet einen Produktionsrückgang von rund zwei Prozent.

Forderung an die Politik

Auch Deutschlands zweitgrößter Industriezweig nach der Autobranche, der Maschinen- und Anlagenbau, rechnet mit einem deutlichen Rückgang der Produktion. Diese werde laut VDMA-Präsident Carl Martin Welcker um zwei Prozent schrumpfen. Die Branche litte, so Welcker, auch unter dem Handelskonflikt zwischen den USA und China, den Brexit-Unwägbarkeiten und der Unsicherheit um die Zukunft des transatlantischen Handels. "Allein die Ungewissheit ist sehr schädlich. Wir fordern daher von der Politik, endlich zu handeln."

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sieht den Arbeitsmarkt dagegen gut gerüstet und verweist dabei auf das Kurzarbeitergeld, das neue Qualifizierungschancengesetz und die hohen Rücklagen der BA. Dabei brachte der Minister eine mögliche Überarbeitung der Regeln für den Bezug des Kurzarbeitergelds ins Gespräch. "Wir werden auch im Blick behalten, ob die Möglichkeiten der Kurzarbeit stärker mit Qualifizierung verbunden werden müssen."

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