Kunstschätze im Internet | Kultur | DW | 12.11.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Kunstschätze im Internet

Die Bundesregierung hat beschlossen, dass 25 Werke aus der Gurlitt-Sammlung online veröffentlicht werden dürfen. Zu spät, meinen Kritiker. Zudem ist die Seite nur schwer erreichbar: Der Webserver ist überlastet.

Streng blickt sie am Betrachter vorbei. Eine Frau mit geblümter Haube und Perlenkette sitzt im kurzärmeligen Blümchenkleid auf einem dunklen Sessel. Sie hat die Hände in den Schoß gelegt. Gemalt wurde die Unbekannte um 1924 von Henri Matisse (1869 bis 1954), der sich zeitlebens mit Frauenfiguren beschäftigte. Er gilt als bedeutender Vertreter des Fauvismus, einer Stilrichtung, die sich aus dem Impressionismus heraus entwickelt hat. Leuchtende Farben, harte Kontraste und rhythmische Kompositionen zeichnen die Werke von Matisse aus. Seinerzeit war sein Malstil hochmodern.

25 aus 1.406 Kunstwerken

Kind am Tisch Aquarell von Otto Griebel, undatiertFoto: Marc Müller/dpa (NEU - mit alternativem Bildausschnitt)

"Kind am Tisch" von Otto Griebel, undatiert

Die "Sitzende Frau" von Henri Matisse und 1.405 weitere Gemälde, Grafiken, Zeichnungen und Aquarelle wurden im Februar 2012 bei einer Durchsuchung der Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt gefunden. Nun - fast zwei Jahre später - sollte die Internet-Plattform Lost Art, eine Online-Datenbank für verschollene Kunst, 25 Werke aus der Gurlitt-Sammlung veröffentlichen. Lostart.de wird von der Koordinierungsstelle Magdeburg betrieben, der zentralen deutschen Serviceeinrichtung für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste. Das Interesse an dem Online-Angebot der Koordinierungsstelle Magdeburg war groß. Seit Dienstagmorgen (12.11.2013) ist die Website nur schwer zu erreichen, da der Server durch zu viele Zugriffe überlastet ist, erklärt die Koordinierungsstelle Magdeburg im Gespräch mit der Deutschen Welle. Warum nur 25 Bilder veröffentlicht wurden und welche Kriterien der Auswahl zugrunde liegen, darüber schweigt die Koordinierungsstelle Magdeburg.

Ziel: Transparenz schaffen

Ein Kunstwerk des franzöischen Malers Marc Chagall mit dem Titel Allegorische Szene ist am 05.11.2013 in Augsburg (Bayern) während einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg zum spektakulären Kunstfund in München über einen Beamer an der Wand zu sehen. Foto: Marc Müller/dpa (NEU - mit alternativem Bildausschnitt)

"Allegorische Szene" von Marc Chagall, undatiert

Ziel ist es, durch die Veröffentlichung die Provenienzforschung voranzutreiben, die sich der Herkunftsgeschichte von Kunstwerken und Kulturgütern widmet. Noch ist unklar, wie die rund 1.400 Kunstwerke in Gurlitts Besitz gelangt sind. Es besteht der Verdacht, dass sie von den Nationalsozialisten geraubt oder weit unter Wert angekauft worden sind. Die Veröffentlichung der Kunstwerke war längst im In- und Ausland gefordert worden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann sprach sich für eine zügige Herkunftsrecherche aus. "Das Gebot der Stunde ist jetzt Transparenz", betonte Bundesaußenminister Guido Westerwelle noch am Montag (11.11.2013) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa. Nun haben Zeugen und Kunsthistoriker die Möglichkeit auf die Listen zuzugreifen und können sich mit Ihrem Wissen in die Provenienzforschung einbringen.

Bislang war nur Meike Hoffmann, eine Kunsthistorikerin der Berliner Forschungsstelle für "Entartete Kunst", damit beauftragt, die Herkunft der Werke zu erforschen. Dass dies bei dem spektakulären Kunstfund von München viel zu wenig ist, haben inzwischen auch das Bayerische Justizministerium, das Bayerische Kulturministerium, das Bundesfinanzministerium und der Beauftragte der Bundesregierung für Kunst und Kultur erkannt. Unter der Leitung von Ingeborg Berggreen-Merkel soll deshalb nun eine Taskforce mit Sachverständigen ihre Arbeit aufnehmen und die Herkunft der Bilder ermitteln. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Augsburg müssen rund 970 Werke überprüft werden. 380 Werke könnten zu Kunstwerken zählen, die die Nationalsozialisten als "Entartete Kunst" verunglimpften und aus deutschen Museen und Sammlungen entfernten.

Kritik an später Veröffentlichung

A painting by German artist Max Liebermann 'Zwei Reiter am Strande' (Two Horsemen at the Beach) is beamed to a wall November 5, 2013, at an Augsburg courtroom during a news conference of state prosecutor Reinhard Nemetz and expert art historian Meike Hoffmann from the Berlin Free University. A Jewish group accused Germany on Monday of moral complicity in concealment of stolen paintings after it emerged authorities failed for two years to report discovery of a trove of modern art seized by the Nazis, including works by Picasso and Matisse. Customs officials' chance discovery of 1,500 artworks in a Munich flat owned by Cornelius Gurlitt, the reclusive elderly son of war-time art dealer Hildebrand Gurlitt, who was authorized by Hitler’s propagandist minister Joseph Goebbels to sell art the Nazis stole, was revealed in a report by news magazine Focus over the weekend. The art works missing for more than 70 years could be worth well over one billion euros. REUTERS/Michael Dalder (GERMANY - Tags: ENTERTAINMENT CRIME LAW POLITICS SOCIETY)

"Reiter am Strand" von Max Liebermann, 1901

Der Historiker Willi Korte hält die Veröffentlichung der Bilder für einen ersten, aber bei weitem nicht ausreichenden Schritt der Bundesregierung. Wichtiger sei die Frage, was mit den Bildern aus der Gurlitt-Sammlung geschehen soll. Fallen sie wieder an den Kunsthändler Gurlitt oder sollten sie an die Erben jüdischer Kunstsammler zurückgegeben werden? Zum Beispiel an David Toren, inzwischen US-Bürger und Großneffe eines jüdischen Zuckerfabrikanten, dem einst das Gemälde "Reiter am Strand" des Impressionisten Max Liebermann (1847 bis 1935) gehört hat. Das Werk, von dem mehrere Varianten existieren, befand sich in der privaten Kunstsammlung von Hildebrand Gurlitt, dem Vater von Cornelius Gurlitt. Sie war ihm von den Alliierten im Jahr 1950 zurückgegeben worden. Damit galt es als unverdächtig und tourte offiziell durch Ausstellungen in Berlin, Wien und Bremen. Niemals wurde in den 1950er oder 60er Jahren ein Verdacht geäußert oder ein Rückgabeanspruch gestellt. Erst fast 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes steht es nun unter Raubkunstverdacht.

Der Anwalt Matthias Druba mutmaßt, dass die bayerischen Justizbehörden versucht hätten, auf Zeit zu spielen. Der Jurist, der auf die Rückgabe von NS-Raubkunst spezialisiert ist, glaubt, dass die Behörden den Fund bis zum Tod von Cornelius Gurlitt geheim halten wollten. "Man hoffte offenbar, dass sich keiner meldet, die Bilder damit dem Staat zufallen und sich alles von selbst erledigt", sagte er am Dienstag gegenüber der dpa.

Derzeit gibt es keine Angaben darüber, wann die Online-Plattform Lostart.de wieder erreichbar sein wird. Die Vorwürfe an die Behörden und die Diskussion über die Vorgehensweise, wie mit dem Kunstfund in der Schwabinger Wohnung weiter verfahren werden soll, hat erst begonnen.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema