Kulturelles Erbe: Mega-Städte teils gefährlicher als Krieg | Kunst | DW | 11.10.2018
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Kultur

Kulturelles Erbe: Mega-Städte teils gefährlicher als Krieg

Klimawandel, Kriege, aber auch Mega-Städte bedrohen das kulturelle Erbe weltweit. Die Archäologin Friederike Fless spricht über Möglichkeiten und Grenzen, Kulturgut weltweit zu schützen.

Feuerwehrleute löschen in Rio de Janeiro das Nationalmuseum (Agência Brasil/Tomaz Silva)

Abgebrannt: das Nationalmuseum in Rio de Janeiro

Deutsche Welle: Frau Fless, Kulturerbe ist durch verschiedene Faktoren wie Krieg und Klimawandel weltweit bedroht. Aber was zählt eigentlich zum "Kulturerbe"?

Friedrike Fless: Kulturerbe selber ist ein ausgesprochen komplizierter Begriff, weil er voraussetzt, es gäbe jemanden, der Kultur vererben und erben kann. Diese Vorstellung ist in der französischen Revolution entstanden. Heute haben wir ein sehr weites Verständnis. Wir sehen, dass wir international bedeutende Stätten als Welterbe definieren und beziehen jetzt auch das immaterielle Kulturerbe mit ein, also Traditionen wie zum Beispiel Musik. Das alles bezeichnen wir heute als kulturelles Erbe.

Sie haben das "Archaeological Heritage Network" gegründet, das sich mit dem archäologischen Kulturerbe befasst. Was ist die Aufgabe dieses Netzwerks?

Wir haben 2016 dieses Netzwerk gegründet, um die Kompetenzen in Deutschland zusammen zu bringen. Wir kümmern uns zum einen um Fragen des Schutzes und Erhalts von gebauten Denkmälern, aber natürlich auch um Objekte in Museen und Archiven. Sehr bedeutend im Rahmen des Kulturerhalts sind Inventare oder Denkmalregister, die viele Länder nicht oder nur in analoger Form haben. Bei einer Katastrophe wie in Rio de Janeiro, als das Nationalmuseum brannte, sind unter anderem die Inventare verloren gegangen. Da lässt sich dann eben nicht mehr rekonstruieren, was wann ins Museum gekommen ist.

Friederike Fless (ArcHerNet, 2018. Photo: Andreas Paasch)

Friederike Fless ist Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts

Worauf kommt es beim Erhalt des kulturellen Erbes besonders an - Prävention, Bestandsschutz oder Krisenmanagement und Rekonstruktion?

Wichtig ist natürlich jede Art von Prävention: dass Objekte gesichert sind und dass es Evakuierungsorte für Museen gibt, etwa im Kriegsfall. Aber genauso wichtig ist es natürlich, dass man sich fragt: Kann man unmittelbar im Moment der Krise etwas tun? Und besonders wichtig ist die Phase danach. Da stellen sich Fragen wie: Kann man etwas konservieren, restaurieren oder sogar wieder aufbauen? Das alles sind unterschiedliche Qualitäten.

Sie haben das Nationalmuseum in Rio de Janeiro erwähnt. Da gab es nicht nur den Brand, der viel zerstört hat, sondern das Löschwasser war ein zusätzliches Problem. Welche Maßnahmen sind in so einem Fall erforderlich?

Bei solch einer Katastrophe, wie wir sie ja auch in Deutschland mit der Anna Amalia Bibliothek in Weimar oder dem Einsturz des Stadtarchivs in Köln erlebt haben, ist es notwendig, sehr schnell zu handeln. Das Gefährliche an dem Löschwasser ist, dass die organischen Substanzen nass werden. Wenn man sie nicht sofort einfriert oder kühl lagert, kommt der Schimmel, und wenn das dann nicht zur Zerstörung beigetragen hat, kommen Tiere, Termiten, kleine Silberfischchen, die die Sachen auffressen. Das heißt, man muss sofort etwas tun.

Sie sind sehr aktiv in Syrien und dem Irak und haben dort auch Projekte mit einheimischen Kollegen initiiert. Worum geht es da?

Wir wollen im Rahmen des Projektes "Stunde Null, eine Zukunft für die Zeit nach der Krise" vor allem Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern unterstützen, in denen derzeit Krisen herrschen - sei es im Irak, Syrien oder dem Jemen. Wir ermöglichen ihnen, dass sie selbst etwas tun können, um ihr kulturelles Erbe zu erhalten, zu schützen, vielleicht auch zu konservieren und zu restaurieren. Das heißt, wir investieren sehr viel in Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Im Irak können wir aktuell auch direkt bei Wiederaufbau- und Konservierungsmaßnahmen unterstützen.

Ein Mann deutet in Aleppo auf eine Ruine (imago/Xinhua)

Ganze Stadtteile der syrischen Stadt Aleppo wurden im Krieg in Schutt und Asche gelegt

Ist das Verständnis für die Wichtigkeit des kulturellen Erbes in den genannten Ländern genügend ausgeprägt? Ist nicht gerade in Kriegsgebieten wie Syrien vorrangig, Schulen, Krankenhäuser, die ganze zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen?

In keinem der Länder haben die Kolleginnen und Kollegen jemals aufgehört, sich selbst um ihre Denkmäler zu kümmern. Die haben auch in den direkten Kriegsauseinandersetzungen versucht, etwas zu tun. Sie haben Sachen begraben oder, wie man es hier auch im Zweiten Weltkrieg gemacht hat, Sandsäcke vor Mosaike gestellt, Tore zugemauert. Sie haben wirklich versucht, alles zu unternehmen, was in ihrer Macht stand. Auch in den schlimmsten Situationen der Auseinandersetzung. Und das verbindet alle Länder, das ist im Jemen so, in Syrien, aber auch im Irak.

Meistens wird das kulturelle Erbe in Kriegs- und Krisengebieten thematisiert. Wie stark aber ist die Zerstörung von Kulturerbe durch Klimawandel und Mega-Städte?

In manchen Städten und Regionen ist die Zerstörung durch Überbauung oder Beseitigung historischer Strukturen fast umfangreicher als durch Kriegszerstörung. Das passiert in Ländern, die wir momentan gar nicht im Blick haben. Zum Beispiel in Libyen, wo kulturelles Erbe einfach mit dem Bulldozer weggeschoben wurden, oder in Beirut, wo eine Firma kurzerhand die Altstadt  entsorgt hat. Da stehen jetzt lauter Hochhäuser, das geht dann rasant schnell, da bleibt nichts von dem übrig, was war.

Kräne vor Hochhäusern in Beirut (DW/S.Cords)

In Beirut wird überall gebaut

Gibt es einen internationalen Bewusstseinswandel im Hinblick auf die Wertigkeit von kulturellem Erbe? Die Zerstörungen von Moscheen und Mausoleen in Timbuktu kamen vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Sehen Sie da eine positive Entwicklung?

Es gibt im Endeffekt zwei Entwicklungen: Zum einen ist der Kulturerhalt immer mehr zum Thema der internationalen Politik der Vereinten Nationen geworden. Zum anderen erleben wir aber, dass einmal gewonnene Vereinbarungen darüber, was Welterbe ist, durch terroristische Gruppen in Mali, in Afghanistan, in Syrien und dem Irak einfach aufgekündigt werden und sich keiner mehr an sie hält. Wir sind alle ein bisschen ratlos, was für einen neuen Modus des Aushandelns, des politischen Agierens wir entwickeln müssen.

Friederike Fless ist Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), das Ausgrabungen und Forschungen im Bereich der Archäologie und Altertumswissenschaften auf fünf Kontinenten in über 350 Projekten durchführt. Vor zwei Jahren gründete sie das "Archaelogical Heritage Network", ein Expertennetzwerk zum Erhalt des Kulturerbes. 

Das Gespräch führte Andrea Kasiske.

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