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Politik

Große Oper in Riad

27. Februar 2018

Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman plant ein ehrgeiziges Kulturprogramm. Das soll insbesondere den Bedürfnissen der jungen Bürgern des Königsreichs entgegenkommen. Doch Kultur bedeutet vor allem Unterhaltung.

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Saudi-Arabien Riad Kurzfilmfestival
Bild: Getty Images/AFPF. Nureldine

"Willkommen in Las Vegas!" Mit lakonischen Worten kommentierte ein Twitter-Nutzer den jüngst bekannt gewordenen Plan der obersten saudischen Sportbehörde, dieses Jahr einen nationalen Wettbewerb im Kartenspiel zu organisieren. Den Bürger mit dem gerissensten Pokerface zu finden, ist der Behörde einiges wert: Dem Gewinner winkt ein Preisgeld von umgerechnet 270.000 US-Dollar.

Die Idee hat in den sozialen Netzwerk gemischte Reaktionen ausgelöst. "Absurd" nannte ein User auf Twitter den Plan. Ein anderer beklagt den Verfall der religiösen Sitten: "Soweit sind wir also gekommen - ein Spiel zu legalisieren, das sogar ohne Geldeinsätze verboten ist. Gnade uns Gott!" Andere gaben sich pragmatischer: "Wir wollen das Handbuch zu dem Wettbewerb", forderten sie.

Saudi-Arabien modernisiert sich, auch kulturell. Kronprinz Mohammed bin Salman hat Großes vor: Im Rahmen seines Zukunftsprojekts "Vision 2030" will er dem Land auch ein enormes Kultur- und Unterhaltungsprogramm verpassen. Was ihm vorschwebt, hat er Im Ansatz bereits im vergangenen Jahr angedeutet. Da hatten die Bürger des Königsreichs landesweit die Wahl zwischen 2000 Unterhaltungsveranstaltungen. Die zogen insgesamt acht Millionen Besucher an. Im laufenden Jahr soll das Angebot mit 5000 Abenden kräftig wachsen. Dem Vernehmen nach steht ein Opernhaus kurz vor Baubeginn.

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Die Zukunft vor Augen: Werbung für die "Vision 2030" von Kronprinz bin SalmanBild: Getty Images/AFP/G. Cacace

Kino nach 35 Jahren

Auch sonst durchläuft das Königreich einen kulturellen Wandel: Frauen dürfen seit kurzem ausgewählte Fußballspiele besuchen. Anfang dieses Jahres wurde, zum ersten Mal seit 35 Jahren, wieder ein Kino zu einer Vorführung geöffnet. Auf dem Programm stand ein harmloser Zeichentrickfilm für Kinder. Er könnte nun für die Wiederauferstehung eines lange verfemten Vergnügens stehen - vor allem aber für das Ende der kulturellen Verhärtung, die im Schicksalsjahrs 1979 eingesetzt hatte.

Mekka Besetzung Moschee November 1979
Fromme Geiselnehmer: Die Gruppe von Dschuhaiman al-Utaibi nach dem Ende der GeiselnahmeBild: AFP/Getty Images

Im Jahr 1979 prägten drei große Ereignisse die ideologische und politische Entwicklung der Region: Im Iran stürzte Ayatollah Khomenei den Schah und leitete die islamische Revolution ein; die UDSSR marschierte in Afghanistan ein, in deren Folge sich ein rigoroser dschihadistischer Widerstand etablierte. Und in Saudi-Arabien selbst stürmte eine Gruppe junger Männer unter Führung eines religiösen Fundamentalisten, Dschuhaiman al-Utaibi, die Moschee von Mekka und nahmen zahlreiche Geiseln. Die Geiselnahme wurde nach zwei Wochen blutig niedergeschlagen. Spätestens seitdem wusste das Königshaus, dass es den religiösen Hardlinern Konzessionen machen muss.

Formen der Protestkultur

Die fromme Verhärtung, vorangetrieben vor allem von den Vertretern der Staatsreligion, des Wahhabismus, nahm den Bürgern viele ihrer bis dahin erlaubten Unterhaltungsmöglichkeiten. Auch die Trennung der Geschlechter wurde rigoroser etabliert als zuvor. Dagegen begehren in den letzten Jahren insbesondere die jungen Menschen auf.

Saudi-Arabien Kamel-Festival
Erlaubtes Vergnügen: Schönheitskonkurrenz für KameleBild: Getty Images/AFP/F. Nureldine

"Offen herausfordernde Verhaltensweisen wie öffentliches Flirten, Homosexualität oder Drogen- und Alkoholkonsum wurden zu Protestakten gegen die vom Staat vorangetriebenen Verhaltensmuster und das rigide Verhältnis der Geschlechter," schreibt der französische Soziologe Pascal Menoret in seiner Studie über illegale Autorennen in Saudi-Arabien. Mit halsbrecherischen Fahrten suchen die Jugendlichen zum einen ihrer Langeweile zu entkommen; zum anderen begehren sie auf diese Weise auch gegen die gesellschaftliche Ordnung auf.

Die Vision 2030

Der Kronprinz weiß, dass er vor allem den jungen Bürgern kulturell entgegenkommen muss - immerhin sind knapp 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. "Wir sind uns bewusst, dass die derzeitigen Kultur- und Unterhaltungsmöglichkeiten den steigenden Ansprüchen unsere Bürger und Einwohner nicht entsprechen", heißt es in der Vision 2030. "Ebenso wenig harmonisieren sie mit unsere prosperierenden Wirtschaft".

Darum wird Saudi-Arabien, den Plänen des Kronprinzen zufolge, innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 65 Milliarden US-Dollar in den Unterhaltungssektor investieren. Dadurch sollen rund 22.000 neue Arbeitsplätze entstehen - in Zeiten, in denen immer mehr jungen Bürgern des Landes die Arbeitslosigkeit droht, wäre das ein dringend notwendiger (Teil-)Erfolg.

Freiheit hinterm Steuer

Auch der Tourismus soll angekurbelt werden: In den kommenden Jahren will das Königreich, zusätzlich zum Hadsch-Tourismus, rund 50 Millionen Besucher ins Land holen.

Bereits im vergangenen Oktober hatte Kronprinz Mohammed amerikanische Investoren nach Riad eingeladen. Unten ihnen war Ari Emanuel, Geschäftsführer des Unterhaltungsunternehmens William Morris Endeavor. In Riad umriss er die Zukunft der dortigen Unterhaltungsindustrie: "Man wird Entertainment- und Musikveranstaltungen erleben, Festivals rund um Essen und Kunstausstellungen. Das Gute an der Vision 2030 besteht darin, dass die Ziele sehr langfristig geplant sind."

Verfemte Künstler

Die in Berlin lebenden saudische Menschenrechts-Aktivistin Kholoud Bariedah vermutet, die saudische Regierung wolle mit dem Programm nicht zuletzt das Image des Landes im Westen verbessern. "Wenn die 64 Milliarden Dollar in eine ernsthafte kulturelle Entwicklung gesteckt würden, wäre das für die Bürger des Landes sehr gut", sagt Bariedah im Gespräch mit der DW. "Aber wie will die Regierung mit den Wahhabiten umgehen, die sich jeglicher religiösen Neuerung verweigern?" Ein Kompromiss werden die beiden Seiten nicht finden, vermutet sie. "Eine der beiden Seiten wird klein beigeben müssen."

Saudi Arabien Aschraf Fajadh Dichter
Im Kerker des Königs: Der Lyriker Aschraf Fayyadh Bild: picture alliance/AP Photo/Ashraf Fayadh/Instagram

Zudem gehe es um noch etwas: die Bürgerrechte. Die Menschen, insbesondere die Frauen, litten daran, dass ihnen so viele Rechte entzogen wären.

Noch mehr leiden aber die inhaftierte Künstler und Autoren. Eine Reihe derer, die nicht auf Unterhaltung, sondern Aufklärung und Kritik setzen, befinden sich weiterhin im Gefängnis - so etwa der Blogger Raif Badawi, der mit für westliche Verhältnisse sehr zurückhaltenden Worten die Vorherrschaft der Wahhabiten kritisierte, oder der im Königreich lebende staatenlose Lyriker Aschraf Fayyadh, Sohn  palästinensischer Flüchtlinge. Wegen als islamkritisch erachteter Gedichte wurde er zunächst zum Tode verurteilt. Später wurde das Urteil in eine achtjährige Haftstrafe umgewandelt. Mehr vielleicht als alle anderen stehen Kritiker und Künstler wie Badawi und Fayyad für den kulturellen Fortschritt Saudi-Arabiens.

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika