Kultur der Weimarer Republik war mehr als nur ein ″Tanz auf dem Vulkan″ | Filme | DW | 14.12.2018
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Film in der Weimarer Republik

Kultur der Weimarer Republik war mehr als nur ein "Tanz auf dem Vulkan"

Die Bundeskunsthalle präsentiert das Kino der Weimarer Republik. Sabina Becker, Expertin für die Kultur der 1920er Jahre, plädiert für eine Neubewertung der Zeit: Kino und Kultur zeigen mehr als nur Vergnügen und Laster.

Prof. Dr. Sabina Becker ist eine der besten Kennerinnen der Kultur der Weimarer Republik. Ihre umfangreiche Studie "Experiment Weimar - Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918 - 1933" ist soeben erschienen. In dem Buch wendet sich Becker gegen die gängige Vorstellung, während der Weimarer Republik habe - in den Jahren vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 - eine Art "Tanz auf dem Vulkan" geherrscht. Laster und Vergnügen insbesondere in der Hauptstadt Berlin sei nur ein Teil der Gesellschaft gewesen, argumentiert Becker. Das Bild, das populäre Serien wie "Babylon Berlin" derzeit von den "wilden 20er Jahren" immer noch transportierten, greife zu kurz. 

Deutsche Welle: Frau Becker, Ihnen geht es, wie anderen Historikern auch, um eine Neubewertung der Weimarer Kultur, worum genau?

Sabina Becker (privat)

Expertin für Kultur der Weimarer Republik: Sabina Becker

Sabina Becker: Es ist eine Forderung, die seit Jahren im Raum steht und von den Geschichtswissenschaften formuliert wird. Verschiedene Historiker haben bereits angemahnt, dass die Weimarer Republik nicht nur vom Jahr 1933, vom Nationalsozialismus, von der zweiten Ur-Katastrophe der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, aus zu bewerten ist.

Der Weimarer Republik müsse die Chance eingeräumt werden, als eigenständige Epoche wahrgenommen zu werden. Ihr Scheitern darf nicht aus den Augen verloren werden. Aber die Weimarer Republik und deren Kultur dürfen eben nicht immer nur unter dem Verdikt von 1933 und der zwangsläufigen Machtübertragung auf Hitler und die NSDAP interpretiert werden.

Dieser Auffassung folge ich, aber auch andere Kulturwissenschaftler, seit einigen Jahren. Was für die Geschichtswissenschaft bereits formuliert und in vielen Arbeiten auch eingelöst worden ist, stand für die Kulturgeschichte ebenso wie für die Literaturgeschichte noch aus.

Kommen das Wissen und die Kenntnis über die kulturelle Innovationskraft der Weimarer Republik zu kurz? Ist man zu sehr darauf fixiert, immer nur auf die vergnügungsüchtige Szenerie in der deutschen Hauptstadt mit all den Clubs und Tanzpalästen zu schauen?

In der gängigen Analyse, in der Beschreibung der kulturellen Entwicklung spielte bisher folgende Metapher eine große Rolle: "Weimar ist ein Tanz auf dem Vulkan - da brodelt der Boden, da ist kein fester Boden möglich, auf dem überhaupt irgendeine Form von kultureller Innovationsleistung stattfinden kann."

Ich finde dieses Bild, diese Redewendung, die ja seit Jahrzehnten in der Debatte um die Weimarer Kultur kursiert, ist zu relativieren. Dann erst wird es möglich sein, die künstlerischen und kulturellen Entwicklungen der 1920er Jahre eben nicht nur unter dem Schlagwort "Leben/Kultur in der Krise" wahrzunehmen und zu beschreiben - sondern stattdessen mehr die Innovationsleistung zu sehen.

Schauen wir auf das Medium Kino, eine damals noch relativ neue Kultursparte. Was hat der Film der Weimarer Republik Neues in die Kulturszene gebracht?

Der Film wurde im Unterschied zur Buchkultur als ein Medium wahrgenommen, das eine gewisse Demokratisierung in der Rezeption von Kultur ermöglicht. Zweitens, auch wieder in Abgrenzung zur Buchkultur, zeigten sich Kino und Film als offene Medien, offen für den zentralen Gedanken der Kultur der Weimarer Republik - nämlich als eine Kultur für die Masse.

Der Film wird im Unterschied zur Buchkultur weniger als eine aristokratische (wie es in einer Filmrezension in der Zeitschrift "Weltbühne" damals hieß) denn als eine demokratische 'Filmdichtung' bewertet; als ein Medium, das sich tatsächlich für die Masse öffnen kann und das auch getan hat.

Das sah man ja auch ganz eindeutig an der Nutzung von Kultur…

Ja, schaut man sich nur die Zahlen in den 1920er Jahren an: Im Jahr 1926 waren das 332 Millionen Kinobesucher. Ende der 1920er Jahre strömen täglich über zwei Millionen Besucher in die Lichtspielhäuser. Das zeigt die Tendenz, die Chancen, die das filmische Medium tatsächlich in den 1920er Jahren angeboten hat. Und das ist das Entscheidende.

Filmszene Die freudlose Gasse (Edition Filmmuseum)

Neue Sachlichkeit: Filme wie "Die freudlose Gasse" von G.W. Pabst blicken auf die Ränder der Gesellschaft

Der Film hat sich ja ästhetisch entwickelt in jenen Jahren. Was waren die wichtigsten Wegmarken?

Schon seit den ersten Tagen der Weimarer Republik, in den Jahren nach 1920 und in Verbindung mit der Dominanz des Stummfilms, war der expressionistische Film, die expressionistische Filmsprache führend.

In diesen Jahren entstehen die wichtigen Filme, "Das Cabinet des Dr. Caligari" (Artikelbild) von Robert Wiene, der mit einer ganz ausgeprägten expressionistischen Filmsprache arbeitet, der ganz stark auf die geschlossenen Räume setzt, einen expressionistischen Bildaufbau verfolgt, nur spitze Winkel zulässt, kaum realistische Außenszenen kennt; das war ein Markstein setzendes Beispiel.

Danach setzte der Versuch der Filmregisseure ein, im Umfeld der Neuen Sachlichkeit zu einer neueren, einer authentischeren Form der Darstellung in der Literatur, aber eben auch im Film zu kommen.

Georg Wilhelm Pabsts "Die freudlose Gasse" (1925) ist ein Beispiel; Walter Ruttmanns "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" (1927) ein anderes. Und dann Phil Jutzis "Berlin - Alexanderplatz" und Fritz Langs "M - eine Stadt sucht ihren Mörder", die zu den ersten Tonfilmen gehören.

Letzterer arbeitet mit einer sachlichen Vorgehensweise, die ein genaues städtisches Umfeld des Täters zeichnet, akribisch die neuen Methoden der Polizeiarbeit zeigt, Fingerabdruck, Grafologie usw., und das alles im dokumentarischen Stil. Es ist eine neue Phase in der Geschichte des Films.

Film Berlin die Sinfonie der Grossstadt (picture-alliance/akg-images)

Walter Ruttmann (sitzend) mit Lotte Reiniger betrachten die Filmstreifen für "Berlin, die Sinfonie der Grossstadt"

Wenn wir in die Gegenwart schauen, da wird die Weimarer Republik ja gerade wieder in einer Großserie wie "Babylon Berlin" heraufbeschworen. Wie sehen Sie das? Wird da nicht wieder ein Klischee gezeichnet?

Unbedingt, auf jeden Fall - mit Blick auf das Bild des brodelnden Vulkans, auf die ganze Gruselgeschichte, hier demonstriert am Beispiel der Metropole Berlin, gleichgesetzt mit dem Tanz auf einem Vulkan. Die Traumatisierung des Helden und vieler Figuren als Resultat des Ersten Weltkriegs wird gezeigt. Natürlich wird auch die kriminelle Struktur einer Großstadt als Motiv eingeführt.

Es bleibt in der Schwebe, welcher Vulkan das eigentlich sein soll und durch was er ausgelöst sein könnte. Das ist das erste, was ich als eine Reduktion, als eine Einschränkung der kulturellen, aber auch der politischen Möglichkeiten der Weimarer Republik, der gesellschaftlichen allemal, ansehe. Dieses Bild ist für mich eine Einschränkung. 

Man muss zweitens sagen: Der Titel "Babylon Berlin" ist natürlich eine Referenz auf Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" - die Stadt ist der Sumpf Babylon. Aber: In Döblins Roman wird dieses Bild variiert, es wird ergänzt durch andere Faktoren des kulturellen, gesellschaftlichen und auch politischen Lebens in den 1920er Jahren. Bei der Filmserie sehe ich das nicht unbedingt. Das Bild Babylon ist in ihr dominierend: überall Drogen, Prostitution, Gewalt und Kriminalität. Das ist mir zu stark an ein Stereotyp gebunden. Was war Weimar? In dieser Serie nicht viel mehr als ein auf das Jahr 1933 hinauslaufender Vulkan. Da hätte ich mir mehr gewünscht.

Sabina Beckers Buch "Experiment Weimar" ist im Verlag "wgb - Wissen, Bildung, Gemeinschaft" erschienen, 606 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-534-27051-4. Die Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle "Kino der Moderne - Film in der Weimarer Republik" ist vom 14. Dezember bis zum 24. März 2019 geöffnet. Der Katalog zur Ausstellung kommt im Sandstein Verlag heraus, 196 Seiten, ISBN 978-3-95498-436-7.

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