Kuba vor der digitalen Revolution | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 22.03.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Kuba vor der digitalen Revolution

Viele junge Kubaner hoffen, dass mit dem Besuch des US-Präsidenten der Zugang zum Internet erleichtert wird. Für Journalisten ist es jetzt schon lebensnotwendig. Aus Havanna Ines Pohl.

Maria Ramon lacht, schneidet Grimassen und winkt in ihr Handy. Sie wirft Luftküsse zu dem kleinen Gerät. Dann fließen dicken Tränen über ihre Wangen. Maria hat vor drei Wochen zum ersten Mal ihren Enkel sehen können beim Telefonieren. Im echten Leben hat sie ihn noch nie getroffen. Er ist fünf und lebt in Miami. Sie ist 63 und wohnt in Havanna.

Bisher haben die Menschen, die von der Revolution in Kuba gesprochen haben, den Sturz der Regierung des Diktators Batista durch Fidel Castro gemeint. Das könnte sich ändern. Denn im Moment spielt sich eine ganz andere Revolution in dem sozialistischen Land ab. Und es kein Zufall, dass US-Präsident Barack Obama während seines historischen Staatsbesuchs immer wieder auf die Bedeutung des Internet hingewiesen hat. Denn es ist die digitale Revolution, die vor allem jungen Kubanerinnen und Kubanern so viel Hoffnung macht.

Kuba Havana Hotspot

Internetnutzung ist für viele Kubaner nur an öffentlichen Hotspots möglich

Monopolisierung der Medien

Unabhängige Medien sind in Kuba verboten. Alle offiziellen Medien werden vom Staat, der kommunistischen Partei oder den Gewerkschaften kontrolliert. Was irgendwie dasselbe ist. Als diese Monopolisierung in die Verfassung geschrieben wurde, gab es natürlich noch kein Internet. Und diese Lücke im System nutzen nun junge Journalistinnen und Journalisten, um die Kubaner mit seriöser journalistischer Information zu versorgen. Immer mehr Online-Portale und Online-Plattformen werden gegründet, über die die Journalisten ihre Beiträge veröffentlichen können.

Elaine Díaz leitet das unabhängige Online-Portal "Periodismo de Barrio". Die Berichterstattung über die USA oder andere Länder überlässt sie anderen Medien. Ihr geht es darum, unzensiert darüber zu schreiben, was gerade in Kuba passiert, in dieser Umbruchsphase. "Es ist sehr wichtig, dass es eine Macht oder eine Gruppe gibt, die als eine Art Aufpasser fungiert, ein Garant dafür ist, dass diese Veränderungen, die hier passieren, in die richtige Richtung gehen", sagt sie. Diese Aufgabe könne eine freie Presse erfüllen, die darüber hinaus fähig wäre, den Dialog zwischen der Staatsführung, Vertretern der Wirtschaft und den Kubanern zu organisieren.

Dabei möchte sie, dass die Menschen die Informationen nicht nur konsumieren, sondern sich selbst an der Berichterstattung über soziale Medien beteiligen. "Aber das ist schwierig, weil viele das Internet, ähnlich wie in den USA oder Europa, vor allem zur persönlichen Kommunikation nutzen."

Kuba nicht den Alten überlassen

Abraham Jiménez ist der Herausgeber des online Magazins "El Estornudo" und ein weiterer junger Kubaner, der sehr dankbar für den Besuch von Präsident Obama ist. Die jungen Menschen brauchten genau diese Hoffnung, sagt er, damit sie auf Kuba blieben, um den Wandel zu gestalten - und die Insel nicht denen überließen, die am liebsten alles beim alten belassen würden. "Dass wir ein Medium besitzen, das uns gehört und nicht von einem Politiker oder dem Staat beeinflusst wird, zeigt, dass sich in Kuba etwas zu verändern beginnt."

Noch ist de Zugang ins weltweite Netz limitiert. In Havanna gibt es derzeit erst 25 Hotspots, an denen man ins Netz kommt. Tag und Nacht versammeln sich hier die Menschen, um sich mit den Zugangscodes, die sie bei der staatlichen Telefonbehörde Etecsa kaufen können, ins Netz einzuwählen - wenn sie denn einen Computer oder ein internetfähiges Mobiltelefon haben.

Das sind die Tücken des Fortschritts. Und ein Vorbote für das, was Kuba mit einer Öffnung erleben könnte. Dass nämlich die Schere zwischen den Reichen, die oft von Familienmitgliedern aus dem Ausland unterstützt werden, und der oft sehr armen Landbevölkerung immer weiter auseinanderklaffen wird. Das ist aber nicht die einzige Kritik, die es an den riesigen Veränderungen gibt, die das Land gerade erlebt.

Kampf für Menschenrechte

Berta Soler ist eine der bekanntesten Menschenrechtskämpferinnen in Havanna. Sie ist die Vorsitzende der "Weißen Damen", die seit 2003 für die Freilassung politischer Gefangener kämpfen. Sie hält wenig von der ganzen Euphorie rund um den Besuch von US-Präsident Obama. Im Gegenteil, sie erzählte uns noch vor seiner Ankunft, dass sie befürchteten, eingesperrt zu werden, damit Obama nicht mitbekomme, wie sie für die Freilassung von Dissidenten kämpften.

Und in der Tat, nur wenige Stunden vor der Ankunft Obamas wurde die Gruppe bei ihrem allsonntäglichen Protestmarsch verhaftet und für mehrere Stunden festgehalten. Auch mindestens zwei kubanische Journalisten wurden von der Polizei mehrere Stunden festgehalten. Die Filmmitschnitte und Fotoaufnahmen belegen, wie brutal die kubanische Polizei zugriff und sich davon auch nicht von der anwesenden internationalen Presse abhalten ließ.

Weil die Regierung, vermuten Mitglieder der Weißen Damen, noch vor der Landung Obamas ganz klar machen wollte, was mit Leuten passiert, die es wagen, während des Staatsbesuches zu protestieren.

Berta Soler ist der Meinung, dass Obama erst hätte kommen dürfen, wenn die Menschenrechtssituation sich wirklich verbessert hätte, wenn die Menschenrechte wirklich respektiert würden. Von den Veränderungen und Öffnungen der letzten beiden Jahre hält sie wenig. All das seien letztlich nur kosmetische Veränderungen, die keines der wirklichen Probleme lösten. "Ich werde für die Veränderungen in Kuba kämpfen, die unsere Probleme wirklich lösen und die Ungleichheiten nicht noch größer machen."

Alles nur Fassade

Am Dienstag wird Obama mit Vertretern von Menschenrechtsorganisiationen zusammentreffen. Das war seine Bedingung für den Staatsbesuch. Berta Soler wird auch dabei sein und will ihm deutlich machen, was mit Menschen passiert, die öffentlich gegen die Willkür des Staates aufbegehren.

Während seiner Reise wird Obama genügend Fassaden gesehen haben, die frisch für ihn gestrichen wurden. Berta Soler will ihm die nackte Wahrheit sagen. Und erzählen, was mit ihren Freundinnen passiert ist, nur wenige Stunden bevor ein amerikanischer Präsident zum ersten Mal seit 88 Jahren kubanischen Boden betreten hat.