Kriminelles Geschäftsmodell Rockergruppe | Deutschland | DW | 22.05.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Razzia in Essen

Kriminelles Geschäftsmodell Rockergruppe

In Waffenhandel und Schleuserkriminalität soll die irakische Rockergruppe "Al-Salam-313" verwickelt sein. Diese und andere Banden haben die Szene verändert, sagt Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Deutschland Großrazzia gegen Organisierte Kriminalität in NRW (picture-alliance/dpa/KDF-TV & Picture 2019/S. Witte)

Razzia gegen "Al-Salam-313" in Essen

DW: Herr Fiedler, heute früh ist die Polizei mit einer Großrazzia gegen die irakische Rockergruppe "Al-Salam-313" vorgegangen. Geht in Deutschland wieder mehr Gefahr von hierarchisch organisierten Rockergruppen aus?

Sebastian Fiedler: Das ist ein gleichbleibendes Problem, wenn wir auf die Anzahl der Mitglieder dieser Gruppierungen schauen. Aber man muss sagen, dass sich die gesamte Szene stark verändert hat. Das heißt, es sind kontinuierlich bestimmte Gruppierungen aufgelöst worden, manche sind verboten worden. Es sind aber auch immer andere und neue dazugekommen.

Bis heute früh hatte ich von "Al-Salam-313" noch nie gehört.

Ja, während wir in der Vergangenheit über so große historische Klubs wie die "Hells Angels", "Bandidos", "Freeway Riders" und ähnliche diskutiert haben, sind zahlreiche andere dazugekommen. Sie sind teilweise migrantisch geprägt, teilweise aus anderen Nationen zusammengesetzt. Es ist unübersichtlicher geworden, würde ich sagen.

Wie unterscheiden sich denn die neuen Rockergruppen von den alten? Die Mitglieder von "Al-Salam -313" fahren eher Mercedes als Motorrad.

Die klassische "Hells Angels"-Kriminalität ist zwar durchaus noch vorhanden. Aber wenn sie auf die Historie schauen, dann ist es ja so gewesen, dass es sich um Kriegsveteranen gehandelt hat, die unter anderem das Motorrad als identitätsstiftendes Merkmal immer dabei gehabt haben. Das ist in der Tat immer weniger geworden. Ich würde eher sagen, dass es sich bei diesen Gruppierungen um eine Art Geschäftsmodell handelt. Es geht nämlich im Prinzip darum, bestimmte kriminelle Märkte zu okkupieren, zu beherrschen und sich durch Gewalt von anderen Gruppierungen abzugrenzen. Wenn man so will, ist das eine kriminelle Unternehmensform. Und das haben nun auch andere Gruppierungen erkannt, dass man mit dieser Struktur gut arbeiten kann. Es gibt Rekrutierungsprozesse, die vergleichbar sind. Was sich unterscheidet, sind die Herkunftsregion oder Überschneidungen zu extremistischen Milieus, zu ausländischen Interessen. Die Szene ist komplizierter geworden, heterogener.

Fall Hells Angels Razia und Tod eines Polizisten (picture alliance/dpa)

Klassisch inszenierten sich viele Rockerbanden bislang

Da gibt es zum Beispiel die "Osmanen Germania" mit türkischem Hintergrund und "Al-Salam-313" als irakisch geprägte Rockerbande. Haben die Verbindungen ins Ausland? Oder werden sie sogar aus dem Ausland gesteuert?

Es gibt durchaus Bezüge. Bei den "Osmanen" ist ja bekannt gewesen, dass es dort auch Finanzbezüge zur türkischen Regierungspartei AKP gegeben hat. Im Prinzip haben Sie auch als gewalttätiger, bewaffneter Arm vom türkischen Präsidenten Erdoğan hier auf deutschem Boden fungiert. Und so ähnlich verhält es sich ganz offenkundig mit den Gruppierungen, die heute die Schlagzeilen dominieren. Es geht eben bei vielen der Gruppierungen nicht mehr ausnahmslos um das Beherrschen krimineller Märkte, sondern auch um dahinterliegende Interessen. Die haben aber immer auch mit Finanzbeziehungen zu tun.

Gehen die Rockerbanden dabei brutaler vor als früher?

Nicht wesentlich, weil es seit der Entstehungsgeschichte der Rockerbanden schon sehr brutal zuging. Schon in der Anfangszeit der ursprünglichen Gruppierungen gab es den Einsatz von Kriegswaffen. Insoweit muss man leider Gottes sagen, dass sich das nicht nachhaltig geändert hat.

Deutschland Sebastian Fiedler bei Maybrit Illner (picture alliance/Eventpress Stauffenberg)

Sebastian Fiedler ist Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK)

Wie geht denn nun die Polizei gegen solche Gruppen vor? Tut der Staat genug?

Da gilt etwas ähnliches wie bei der Kleinkriminalität: Es reicht eben nicht, mit Razzien und Verbotsverfahren unterwegs zu sein. Das sind richtige Maßnahmen, die haben wir auch nach wie vor immer unterstützt. Dies heißt, der Staat muss mit allen rechtlichen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, dagegen vorgehen. Aber das Wesentliche, was in der Vergangenheit und auch bei der Clankriminalität immer ein Problem gewesen ist: Uns fehlen die Ressourcen für die im Hintergrund laufenden Ermittlungen, die zwingend erforderlich sind, insbesondere im verdeckten Bereich. Die Politik stellt dafür nicht nachhaltig genug Ressourcen zur Verfügung. Wir müssten in langen Zeiträumen denken und nicht in Legislaturperioden, wenn wir dafür Sorge tragen wollen, dass solche Gruppierungen wirklich zerschlagen oder nachhaltig geschwächt werden sollen. Und das ist in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich nachhaltig gelungen.

Sind die Ermittlungen besonders schwierig, wenn die Verdächtigen einen gemeinsamen ethnischen Hintergrund haben, wenn alle zum Beispiel Arabisch sprechen?

Die Ermittlungen sind per se schon schwierig genug, weil die Gruppierungen es darauf anlegen, abgeschottet unterwegs zu sein. Sie tragen also Sorge dafür, dass man ganz genau aufpasst, wer denn in die eigenen Reihen aufgenommen wird. Da gibt es durchaus langwierige Rekrutierungsprozesse. Man schaut sich die Leute sehr genau an, zwingt sie irgendwann in die Kriminalität hinein, um sie an sich zu binden. Es gilt wie bei der Mafia die "Omertà", das heißt das Schweigegelübde. Es drohen empfindlichste Sanktionen für Leute, die mit dem Staat kooperieren und Geschäfte aufdecken. All das macht es ohnehin schon sehr schwer. Und wenn wir natürlich zusätzliche kulturelle und sprachliche Hürden zu überwinden haben, verkompliziert das die Ermittlungen logischerweise noch viel stärker.

Infografik Rockerszene in Deutschland DE

Denken Sie, das Problem wird sich in Zukunft noch verstärken?

Ich kann da im Moment nicht so richtig viel Licht am Horizont erkennen, das muss ich leider Gottes konstatieren. Weil es eben so ist, dass ich im Moment nicht erkenne, dass wir mit nachhaltigen Ressourcen in der Lage wären, mit Ermittlungen alle neu entstehenden Gruppierungen wirklich langfristig unter Druck zu setzen und auch Ermittlungsergebnisse zutage zu befördern. Da zeigt sich jetzt eben, was in den letzten Jahrzehnten versäumt worden ist. Das ist ein riesengroßes Problem. Und auf der anderen Seite kommt hinzu, dass es immer neue Gruppierungen gibt, die dieses Geschäftsmodell, dieses Firmenmodell Rockergruppierung für sich entdecken, weil sie erkennen, dass man sich dort erfolgreich organisieren kann, um kriminellen Geschäften nachzugehen.

 

Sebastian Fiedler ist seit einem Jahr Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Der gewerkschaftliche Verband vertritt laut eigenen Angaben 15.000 Kriminalbeamte in Deutschland.